Tödliche Whatsapp-Nachricht

Willi Germund

Von Willi Germund

Fr, 06. Juli 2018

Panorama

In Indien sind bereits mehr als 30 Menschen aufgrund einer Falschnachricht getötet worden / Sie wurde über Soziale Medien verbreitet.

BANGKOK. Soziale Medien wie Whatsapp sind in vielen Ländern der Welt überaus populär. Doch sie bringen auch Probleme mit sich. In Indien kam es in den vergangenen Wochen zu mehreren Lynchmorden, weil Gerüchte und Falschnachrichten über den Kurznachrichtendienst verbreitet wurden.

Der Job war ehrenwert aber tödlich. Der Mann sollte mit seinem kleinen Lautsprecherwagen durch die kleinen Dörfer im Bundesstaat Tripura im Nordosten Indiens fahren und die Bewohner vor einer Nachricht warnen, die seit Monaten auf dem Messenger-Dienst Whatsapp die Runde im Land macht. Doch ein wilder Mob prügelte den Mann zu Tode und demolierte sein Auto. Die Leute waren überzeugt, bei der Lautsprecheraktion würde es sich um den neuesten Trick einer Bande von Kindesentführern handeln.

Das Opfer gehört zu den mittlerweile nahezu 30 Menschen, die aufgrund eines manipulierten Kurzfilms gelyncht wurden. Dabei hatte der ursprüngliche Film, der von einer lokalen Organisation in Pakistan produziert wurde, eigentlich beste Absichten. Verbunden mit einer Warnung, Kinder nicht unbeaufsichtigt zu lassen, zeigt der Film mit gestellten Szenen, wie einfach und schnell eine Entführung passieren kann. Im benachbarten Indien manipulierte jemand den Warnfilm und gaukelte Nutzern des Messenger-Dienstes vor, es handele sich um einen tatsächlichen Kidnapping-Versuch. Auch die indische Version enthält eine Warnung: Die Kindesentführerbande werde nun bald im Dorf des jeweiligen Nutzers auftauchen: Indiens Whatsapp wurde zur Lynch-App.

Die folgende Panik und Hysterie traf seit April dieses Jahres Nomaden, die zufällig durch ein Dorf zogen. Dann waren es zwei Städter, die nach dem Weg fragten. Ein Video zeigt, wie eines der Opfer ums sein Leben fleht. Doch der Mob prügelt ihn zu Tode. Im Süden Indiens starb eine Frau, die einem Kind aus Gutmütigkeit eine Süßigkeit angeboten hatte. "In einigen Fällen wurden sogar wir angegriffen", berichteten Polizisten, die aufgebrachte Gruppen von Leuten beruhigen wollten.

Laut Indiens Telekommunikationsbehörde gibt es rund eine Milliarde Mobiltelefonanschlüsse im Land. 200 Millionen Inder nutzen Whatsapp mit seinen verschlüsselten Nachrichten. Die Regierung wirft Whatsapp vor, einen Teil der Verantwortung zu tragen. Delhis Argument: Die Verschlüsselung verhindere, dass die Anstifter aufgespürt werden könnten. Whatsapp reagiert kompromissbereit, will aber die Verschlüsselung nicht stoppen.

Auch die Behörden trifft ein Teil der Schuld. Denn Whatsapp gehört zwar zu den wenigen Messenger-Diensten, die von Überwachungsbehörden nicht entschlüsselt werden können. Aber die Metadaten – also Informationen, wer mit wem kommuniziert – stehen Indiens Behörden mit seinen weitreichenden Internet-Überwachungsregeln ohne große Probleme zur Verfügung. Es wäre also ein leichtes, anhand der Mobiltelefone von Verhafteten die Herkunft der üblen Nachricht zu ermitteln.

Hinzu kommt, dass Lynchmorde in Indien zu einem gewissen Grad "salonfähig" geworden sind, seit die hindunationalistische Partei Bharatiya Janata Party (BJP) unter Führung von Premierminister Narendra Modi an der Macht ist. Radikale Anhänger der Partei jagten und ermordeten während der vergangenen eineinhalb Jahre Dutzende von Landsleuten unter dem Vorwand, sie hätten Kühe – für Hindus heilige Tiere – geschlachtet oder zum Metzger transportiert. "Viele Videos mit Hetzinhalten werden von fanatischen Leuten verbreitet" sagt Pratik Sinha, Gründer der Factchecking-Webseite altnews.in. "Und sie zeigen eine eindeutig anti-muslimische Tendenz."

Er entlarvte kürzlich ein brutales Video, in dem angeblich ein Hindu-Mädchen von einem islamischen Mob auf bestialische Weise umgebracht wurde. Tatsächlich handelt es sich bei dem Film um den zwei Jahre alten Fall eines Mädchens, das in Guatemala von einer Menschenmenge ermordet wird. Sinha sagt: "Der erste Kontakt vieler Inder mit dem Internet kommt über soziale Medien mit privaten Nachrichten zustande. Die Leute neigen dazu, solchen privaten News eher zu vertrauen."