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08. September 2017

Tönende Reformation

Mendelssohn und Bach pur: Neue CD-Aufnahmen mit dem Freiburger Barockorchester.

  1. Pablo Heras-Casado Foto: Dario Acosta

Auch wenn es ironisch verstanden werden könnte – es ist nicht so gemeint: Die jüngsten beiden CDs – mit Mendelssohn beziehungsweise Bach – des Freiburger Barockorchesters (FBO) gehören zu den gewichtigeren Beiträgen fürs Reformationsjahr 2017. Sind sie doch eine großartige Reverenz an die zwei wohl bedeutendsten evangelischen Kirchenmusiker.

Die aktuelle Mendelssohn-CD ist insbesondere eine Rehabilitation für ein Werk, von dem sich sein selbstkritischer Schöpfer selbst distanzierte. Hätte Felix Mendelssohn Bartholdy doch die Interpretation seiner "Reformationssinfonie" op. 107 durch das FBO und Pablo Heras-Casado hören können. Vielleicht hätte er dann mehr Vertrauen in die Kraft dieser Musik gehabt.

Das Vorspiel zum ersten Satz – es ist ein Schöpfungsakt in dieser Interpretation. Wie der spanische Dirigent und das FBO die Klänge darin schichten, wie die phantastischen Blechbläser ihre Punktierungen hinausdonnern und den Weg ebnen für das – non vibrato – so ätherisch, überirdisch schimmernde Dresdner Amen-Motiv der hohen Streicher: ein Meisterstück. Und dann braust das furiose Allegro voran wie ein Sturm – tönende Reformation. In dieser Interpretation stimmt einfach alles – vom Sommernachtstraum-Zauber des Scherzos über das retardierende Andante-Moment bis zur nur vordergründig affirmativen Behandlung des Luther-Chorals "Ein feste Burg ist unser Gott" im Finale.

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Auf dem gleichen Level agieren die Interpreten in der Hebriden-Ouvertüre. Mendelssohns Naturmalerei, ihr geheimnisvoller, dunkler, ja oft melancholischer Tonfall sind voller plastischer Klanglichkeit. Faszinierend sind die Sforzati, die Ausbrüche und Akzentuierungen, die einmal mehr zeigen, wie viel Bemerkenswertes, ja oft Überraschendes das Freiburger Barockorchester in punkto dynamischer Gestaltung zu sagen hat.

Das gilt sicher auch für den Orchesterpart im berühmten e-Moll-Violinkonzert. Doch wie schon beim Sinfoniekonzert mit diesem Programm in Freiburg hinterlässt Isabelle Fausts solistische Gestaltung auch bei der Aufnahme Fragen. Die Zurückhaltung ihres nicht vibrierten Spiels, gerade in den ersten beiden Sätzen, steht in schlechter Balance zum Gesamtklang. Dabei geht es gar nicht um romantische Überhöhung, sondern schlicht um die Wahrung der Position des Solisten. Das Hauptthema des Kopfsatzes wirkt zu wenig strukturiert, überspielt und intonatorisch leicht verwässert – und leider nicht nur das. Hier vergibt sich die Solistin großteils die Chance, diesem Werk ein nachhaltiges historisches Aufführungsprofil zu verpassen.

Wie ein Solist die Balance zum Orchester interpretatorisch und klanglich optimal zu halten versteht, zeigt auf ganz anderer – vokaler – Ebene Mathias Goerne in den beiden Bach-Kantaten "Ich will den Kreuzstab gerne tragen" BWV 56 und "Ich habe genug" BWV 82. Exemplarisch steht dafür seine Gestaltung der Aria "Ich habe genug", die motivisch und vom Ausdruck her stark an die "Erbarme dich"-Arie aus der Matthäus-Passion erinnert. Ohne jeden Druck, ganz klar in Linienführung und Phrasierung (auch bei den Koloraturen) verbindet sich Goernes Bariton mit der Partitur. Das ist Bach-Interpretation vom Feinsten, auch mit Blick auf die tiefe Verinnerlichung des Textes. Der Lied- und Opernsänger Goerne reflektiert die Bach’sche Empfindungsstärke mit großartiger, aufrechter Haltung. Und das FBO unter der Leitung von Gottfried von der Goltz ist in seinem ureigensten Terrain Meister der Affekte. Von der Goltz’ Violinspiel und vor allem Katharina Arfkens schlanke, schlackenlose Gestaltung des Oboe d’amore-Parts dazu im Concerto BWV 1055 sind Musterbeispiele für elegantes barockes Konzertieren auf der Höhe der Zeit.

Mendelssohn: Violin Concerto (HMM)
Bach: Cantatas for Bass (HMM).

Autor: Alexander Dick