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10. Juli 2012

Dokumentationszentrum

Topographie des Terrors: Die Schaltzentrale des Genozids

Vor 25 Jahren wurde der zentrale Ort der NS-Täter als "Topographie des Terrors" in Berlin der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

  1. Ein Schuppen für die Täter: Das 2010 eröffnete Dokumentationszentrum Foto: dpa

Zehntausende junge Leute, meist Schüler auf Klassenfahrt aus den Bundesländern, aber auch dem Ausland, haben hier begriffen, was Faschismus heißt. Besucher bis aus Amerika und Australien haben sich an diesem Ort über das Dritte Reich und seine Verbrechen kundig gemacht. Jährlich werden mehr als 800 000 Menschen gezählt, die auf das Gelände kommen, dessen Grundmauern direkt entlang des einstigen Berliner Gestapo-Hauptquartiers verlaufen, mit Einblicken in die damaligen Folterkeller. Zur Nazi-Zeit befanden sich hier die Zentralen der SS, der Geheimen Staatspolizei und des Reichssicherheitshauptamts – die höchste Konzentration an Tätern. 1987, zur 750-Jahr-Feier Berlins, wurde das Gelände erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht – und danach mit großen Hindernissen und Zerwürfnissen architektonisch aufbereitet.

Die Einrichtung zur Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Aktivisten ist einzigartig und von schauriger Wucht. Besucher werden konfrontiert mit der Perspektive der Mörder: mit dem perfiden Plan ideologisch besessener Weltumstürzer, die sich den Genozid an den Juden ausdachten und systematisch umsetzten. Der Holocaust, das infamste NS-Verbrechen, wird hier für immer offengelegt. In einem Festakt aus Anlass der Gründung vor 25 Jahren nannte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) die ständige Ausstellung über die Täter "ein Vorbild für den Umgang von Bürgern mit der Vergangenheit". Die Erleichterung von Politikern, Historikern und anderen war spürbar. Denn es grenzt an ein Wunder, dass es das Zentrum nun gibt.

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Die deutsche Hauptstadt besitzt ein herausragendes Jüdisches Museum, und das Holocaust-Mahnmal in der Nähe des Brandenburger Tors ist einmalig in seiner Art. Aber nirgendwo in Deutschland ist die finsterste Epoche des 20.Jahrhunderts so sicht- und spürbar wie auf dem Areal der Topographie des Terrors mit dem flachen Pavillon, in dem neben der Dauerausstellung Sonderausstellungen gezeigt werden und sich eine fundierte Bibliothek im Untergeschoss befindet. Geduckt erscheint das Gebäude, wie niedergedrückt von der Last der NS-Geschichte. Es war von vornherein klar, dass hierher kein großer architektonischer Wurf gehörte. Aber eben das war lange das Problem.

Die meisten Besucher wissen nicht mehr, von welchen bürokratischen Blockaden und architektonischen Rückschlägen die Entstehung dieses Gedenkorts überschattet war. Vor einem Vierteljahrhundert gab es nur den Plan zu seiner Errichtung. Erst 2010 wurde die Institution zur selbständigen Stiftung öffentlichen Rechts. Bis dahin war das Vorhaben geprägt von Kampf, Krampf und Qual. Zu den Gedenkstätten für die Opfer gehörte der Ort der Täter, um zu zeigen, wie es möglich war, dass deren Pläne umgesetzt werden konnten. Erst dieser Zusammenhang vermittelt ein vollständiges Bild vom größten Massenmord der Menschheitsgeschichte.

Zunächst war der renommierte Schweizer Architekt Peter Zumthor mit einem Entwurf beauftragt worden, doch dieser stellte sich nach vielen Querelen und einigen verlorenen Jahren als unbezahlbar dar. Aus 38 Millionen D-Mark wurden durch den Währungswechsel 38 Millionen Euro, und das war immer noch nicht ausreichend. Zumthor und die zuständigen Baubehörden von Bund und Land Berlin verpulverten das Geld ohne Ergebnis. Erst als der Architekt vom Auftrag entbunden und dieser neu ausgeschrieben wurde – 2004, das Budget war auf 22 Millionen Euro reduziert –, kam Bewegung in das Unternehmen. Zwei Unbekannte, die Architektin Ursula Wilms und der Landschaftsgestalter Heinz H. Hallmann, erhielten den Zuschlag. Sie beugten sich den Bedingungen und bauten den "undekorierten Schuppen", den An-dreas Nachama, der Direktor der Stiftung, gefordert hatte. Eine glückliche Fügung.

So blieb der ursprüngliche Ort – die Niederkirchnerstraße war einst die Prinz-Albert-Straße im Zentrum des NS-Strategen – authentisch erhalten, und allein schon dadurch wird präsent, was damals hier geschah. Die ursprüngliche Topographie, die erst durch Kriegsschäden und dann den Mauerbau auf dem Gelände verloren gegangen war, wurde wiederhergestellt. Das Stiftungsgesetz betont die "Vermittlung historischer Kenntnisse über den Nationalsozialismus und seine Verbrechen sowie der Anregung zur aktiven Auseinandersetzung mit dieser Geschichte" an diesem Ort. Das Zentrum sollte kein Freilichtmuseum der Täter werden. In der jetzigen Form sind sie am Platz ihrer Entscheidungen in ihrer unmenschlichen Strategie gleichsam gefangen und gebannt. Die Einzigartigkeit der Topographie des Terrors schafft der Rezeption der NS-Geschichte eine bleibende Nachwirkung.
– Topographie des Terrors, Berlin, Niederkirchnerstraße 8. Täglich 10-20 Uhr. Die Foyer-Ausstellung "Das Aktive Museum und die "Topographie des Terrors"informiert umfassend über die Entstehung des Zentrums.

Autor: Roland Mischke


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