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05. Juni 2012 10:19 Uhr
Verbraucher
Torfabbau in der Kritik: Blumenerde schadet dem Klima
Jeder Deutsche verbraucht im Schnitt pro Jahr etwa 100 Liter Torf – meist in Form von Blumenerde. Dass der Torfabbau Moore zerstört und das Klima schädigt, wissen nur wenige. Dabei gäbe es Alternativen.
Jetzt schwärmen Deutschlands Hobbygärtner wieder aus, bevölkern ganze Baumärkte und schleppen säckeweise Blumenerde nach Hause. Doch Blumenerden sind ökologisch bedenklicher, als man zunächst vielleicht vermuten würde. Denn die meisten von ihnen enthalten nicht nur Erde, sondern auch Torf.
Wissenschaftler und Naturschützer weisen seit Jahren auf die Folgen des Torfabbaus hin. Es sei ein Geschäft auf Gedeih und Verderb, behaupten sie. Und ein doppelbödiges obendrein. Denn während es im heimischen Garten sprießt, gehen anderswo ganze Ökosysteme ein. Der Naturschutzbund ruft daher erneut zum Kauf von torffreien Substraten auf. Dass der Torf überhaupt im Gartenbau angewandt wird, sei unnötig. Es gebe längst Ersatz, argumentiert er. Doch worauf viele Hobbygärtner schwören, davon können sie schlecht die Finger lassen.
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Die Auswahl an torfhaltigen Blumenerden ist verlockend: Die Märkte bieten Tomatenerde, Palmenerde, Rhododendren-Erde und selbst Graberde. Für jede beliebige Pflanze gibt es das passende Substrat. Zusätzlicher Kaufanreiz: Es handelt sich um ein Naturprodukt. Und billig ist der Boden obendrein.
"Wir müssen den Raubbau endlich stoppen", sagt der Landschaftsökologe Hans Joosten von der Universität Greifswald. Torf sei eine fossile Ressource, die sich innerhalb von Jahrtausenden in Mooren gebildet habe – und keineswegs eine erneuerbare, wie es die Torfindustrie gerne behaupte. Meistens würden sich die Moore vom Abbau überhaupt nicht mehr erholen, sagt er.
Torf entsteht in Mooren, die man gut an den landestypischen Flurnamen wie Moos, Bruch, Filz und Ried erkennt. In diesen Feuchtgebieten sind spezialisierte Pflanzenarten heimisch geworden. Zudem haben sich viele bedrohte Tierarten hierher zurückgezogen. Sterben die Pflanzen, entsteht aus ihren Resten Torf. Unter Sauerstoffabschluss und ohne gefräßige Mikroorganismen werden die Pflanzenreste im intakten, stark sauren Hochmoor kaum zersetzt. Jedes Jahr wächst der Torfkörper dadurch einen halben bis ganzen Millimeter an.
Hochmoore gibt es in Deutschland nur noch sehr wenige. Eines der bekanntesten in der Region kann man in Hinterzarten erkunden. Die wenigen unberührten sind heute geschützt, die ungeschützten wurden zu Acker- und Grünlandflächen verwandelt. Daher bezieht die Torfindustrie heute den Rohstoff meist aus den baltischen Ländern und Finnland, die noch von riesigen Moorlandschaften bedeckt sind.
Sobald der Mensch dem Moor das Wasser abgräbt, um Torf abzubauen, dringt anstelle von Wasser Luft ein. Das Moor setzt sich, legt sich in Falten und sackt unter seinem schieren Eigengewicht in sich zusammen. Ist das Moor vollständig entwässert, fräsen Maschinen den Torf Schicht für Schicht ab und schieben ihn auf Halden. Danach kommt er in die Tüte.
Das im Moor gespeicherte Kohlendioxid, das sich in Hunderten bis Tausenden von Jahren gebildet hat, entweicht innerhalb von wenigen Monaten und wirkt sich fatal auf das Weltklima aus. Insgesamt trägt die Zerstörung der Moore mit sechs Prozent zu den vom Menschen verursachten Kohlendioxid-Emissionen bei.
Die Beliebtheit von Torf ergibt sich aus seiner Unfruchtbarkeit. In seinen großen Poren ist Platz für Wasser und Luft, die Pflanzen können weder vertrocknen noch ertrinken. Torf lockert zudem den Boden und ist leicht zu verarbeiten. Geeignet ist vor allem der Weißtorf aus Hochmooren, gerade weil er sauer und nährstoffarm ist. Ihm können Nährstoffe und Kalk gezielt beigemischt werden.
Diese Eigenschaften ermöglichen es Baumschulen, Zierpflanzen- und Gemüsebetrieben in den riesigen Gewächshäusern der Welt Millionen Pflanzen hochzuziehen, die zu einem bestimmten Tag dieselbe Größe und Wuchsform haben, erntereif sind und gleichzeitig verkauft werden können. Doch die Lebensdauer des Torfs ist begrenzt: "Schon nach einigen Monaten bis wenigen Jahren ist er veratmet – und landet schließlich auf der Deponie", sagt Moorökologe Andreas Haberl von der Michael-Succow-Stiftung. Anschließend muss Nachschub her.
Länger überlebt der Torf bei Hobbygärtnern zwar auch nicht, dafür lässt er sich im Privatgebrauch leichter ersetzen. Es gibt eine Reihe mehr oder weniger erfolgversprechender Ersatzstoffe. Holzfasern sind ein Hoffnungsträger, aber zu teuer. Sie stellen den Pflanzen viel Luft zur Verfügung und ermöglichen die Beimengung von Nährstoffen. Ein Nachteil ist die geringere Wasserspeicherfähigkeit des Holzes: Gärtner müssen daher häufiger gießen. Dies gilt auch für den vielversprechenden Rindenhumus: Er gleicht zwar Schwankungen im Nährstoffhaushalt gut aus, kann aber Salzschäden verursachen. Auf die Mischung der Ersatzstoffe kommt es an. Auch Hanffasern und Chinaschilf entfalten ihren Wert erst, wenn sie richtig kombiniert werden.
Torffreie Erde aus dem Baumarkt erkennt man daran, dass es explizit auf der Tüte steht. Meistens geht es einfacher: Mit ein wenig Pflege und Übung liefert der Komposthaufen alles, was man im Garten braucht – Humus.
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Autor: Andreas Frey



