Raubtier

Touristen sichten und fotografieren einen Wolf im Hochschwarzwald

Peter Stellmach

Von Peter Stellmach

Mi, 27. Dezember 2017 um 18:41 Uhr

Titisee-Neustadt

Pfotenabdrücke im Schnee, ein gerissenes Rehkitz und ein Amateurfoto: Erneut durchstreift ein Wolf den Hochschwarzwald – das ist mittlerweile amtlich. Eine Spurensuche.

Das Tier auf einem Foto, das ein Urlauber am Montag zwischen Vöhrenbach und Titisee-Neustadt vom Auto aus aufgenommen hat, ist am Mittwoch von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) zweifelsfrei als ein Wolf identifiziert worden.

Das hat das Umweltministerium in Stuttgart am Abend bestätigt. Es gibt außerdem vom selben Tag eine Sichtung zwischen Neustadt und Eisenbach. Zudem hat am Dienstag ein Jäger ein vermutlich am Montag gerissenes Reh gefunden. Alle drei Orte liegen in der Luftlinie wenige Kilometer auseinander.

Wo sich das Tier aufhält, ist nicht bekannt. Wölfe seien, solange sie ihr Revier noch nicht gefunden haben, ständig in Bewegung und legten große Strecken zurück, gibt das Ministerium an

4.30 Uhr die erste Spur

Der erste Hinweis stammt vom Fahrer eines Streufahrzeugs der Straßenmeisterei. Er meldete sich am Montag gegen 8 Uhr beim Polizeirevier in Neustadt und gab an, gegen 4.30 Uhr habe ein Tier die Landesstraße 172 bei der Abzweigung in Richtung Gasthaus Ahorn überquert, das er aufgrund der Färbung des Fells und der Größe des Tiers für einen Wolf hielt. Der stellvertretende Revierleiter Clemens Winkler sagt, seine Kollegen seien zu dem angegebenen Ort gefahren, hätten jedoch keine Spuren gefunden.

Der Wildtierbeauftragte Gerrit Müller erfuhr die Sachlage vom Beobachter noch genauer. Danach stand der vermeintliche Wolf bei der Abzweigung in Richtung zum "Ahorn" nördlich der L 172 nahe an der Straße. Der Mann berief sich auf den Vergleich mit Fotos von Wölfen, die er einige Zeit davor mehrfach in der Badischen Zeitung abgebildet gesehen hatte. Er und sein Kollege wendeten extra den Unimog und kehrten zurück. Das Tier war nicht mehr da, die Männer fotografierten aber Pfotenabdrücke im Schnee.

Müller informierte die umliegenden Landwirte, von denen einige selbst jagen. Von einem bekam er den Hinweis auf zwei anscheinend herrenlose helle, große Hunde, die am Samstag, 23. Dezember, nachmittags nahe dem Ebenemooshof Richtung Wald liefen. Müller vermutet jedoch eher einen Zusammenhang zu den vielen Langläufern und Spaziergängern, die dort unterwegs sind und ihre Hunde mitunter frei laufen lassen. Gleichzeitig bereitete er die Sichtung für die FVA auf und unterrichtete staatliche, kommunale und Fürst Fürstenbergische Revierleiter sowie Jäger mit der Bitte, etwaige Beobachtungen zu melden.

13 Uhr das Urlauberfoto

Wenig später, am Montag gegen 13 Uhr, gingen bei der BZ per Mail zwei Fotos eines Urlaubers ein. Er gab an, "soeben einen Wolf in Vöhrenbach in Richtung Titisee" gesehen zu haben. Das Tier habe in aller Ruhe die Straße in Richtung Titisee-Neustadt überquert, wird der Mann vom Schwarzwälder Boten zitiert. Er habe es aus dem Auto heraus fotografiert.

Auf dem einen Foto, gestochen scharf, ist das Tier zu erkennen, wie es an einem verschneiten Hang steht, wie innehaltend, weil vielleicht auf den Fotografen aufmerksam geworden, den linken Vorderlauf anhebend, den Kopf seitlich haltend, fast so, als würde er zurückschauen. Das andere Foto ist unscharf und zeigt das Tier, wie es geradeaus den Hang hinaufläuft. Die Ortsangabe ist ungenau, weil sehr großräumig gefasst. Die Beschreibung könnte auf das im unteren Abschnitt zwischen Hammereisenbach und Eisenbach gelegene Felsental hindeuten.

Patrik Wagner, der Absender der beiden Fotos, hat neben der Mailadresse eine Handynummer hinterlassen, er war jedoch bisher nicht zu erreichen. Die BZ leitete die Fotos an die FVA weiter in der Absicht, von den Fachleuten eine Einschätzung zu erhalten. Die FVA schloss zunächst nicht aus, dass es sich um einen wolfsähnlichen Hund handeln könnte, der in der Umgebung gehalten wird. Am Abend dann folgte die Bestätigung.

Gerissenes Rehbockkitz

Vorfall Nummer drei: Jäger Martin Fies aus Rötenbach hat am Dienstag an einer Kirrung (einem Platz zur Wildfütterung) ein gerissenes Rehbockkitz gefunden. Er geht davon aus, dass es am Vorabend getötet wurde, der Kadaver sei jedoch nahezu unversehrt. Fies hält einen Wolf als Urheber für wahrscheinlich. Er steht im Kontakt mit der FVA, von dort hat er die Einschätzung erhalten, auch ein wildernder Hund käme in Frage, eben weil der Kadaver weitgehend intakt und nicht "angeschnitten" ist, wie es in der Jägersprache heißt. Das würde Fies allerdings überraschen, denn in der ganzen Jägerschaft der Umgebung sei kein Fall bekannt, dass ein Hund ein Reh gerissen hätte. Und wenn es ein Hund gewesen wäre, "das wäre schlimm genug", sagt der Waidmann.

Wurde der Beutemacher – ob Wolf oder Hund – gestört und ergriff die Flucht? Oder ließ er davon ab und hetzte womöglich einem anderen Tier hinterher? Fies hat das gerissene Kitz fotografiert. Wo der Fundort liegt, will er nicht näher benennen, er liege nördlich der Bundesstraße 31 in einem durchgehenden Waldstück des Rötenbacher Walds.

Fies fällt angesichts der drei vorliegenden Meldungen auf, dass es praktisch keine Entfernungen sind, die dazwischenliegen. Gerrit Müller erscheint die Dichte der Vorkommnisse auffällig.

Für Aufsehen sorgte der Fund eines erschossenen Wolfs im Schluchsee am 8. Juli. Der Rüde war zuvor an mehreren Orten gesehen worden.
Tipps

für das richtige Verhalten beim Zusammentreffen von Wolf und Mensch sowie Hinweise für Nutztierhalter gibt das Umweltministerium auf seiner Internetseite um.baden-wuerttemberg.de

Beobachtungen von wolfsähnlichen Tieren oder Risse sollten der FVA gemeldet werden unter Tel. 0761 / 4018-274