Träumerin trifft auf Wehmütigen

Thomas Loisl Mink

Von Thomas Loisl Mink

Mo, 09. Juli 2018

Rock & Pop

Die Singer- und Songwriterin Becca Stevens aus der Akkordeonist King Creosote stimmen ein auf das Stimmenfestival 2018.

Seit ein paar Jahren ist es Brauch geworden, dass das Lörracher Stimmenfestival vorab mit Appetithappen durch die Region tourt. Gestartet ist die Tour 2018 am Sonntag in Frankreich. Im gut besuchten Innenhof der Fondation Fernet-Branca in Saint-Louis traten die Songwriter Becca Stevens aus New York und King Creosote aus Schottland auf und bereiten mit handgemachter Musik und feinen Songs den akustischen Boden für das diesjährige Festival.

Frisch und spritzig machte Becca Stevens mit ihrem Indiefolk um die Mittagszeit den Anfang, unterstützt von Michelle Willis an den Keyboards. Nur mit der von ihr selbst gespielten elektrischen Gitarre und den Keyboards instrumentiert erklangen die Stücke fragil, aber dennoch von klarer Kraft und eindringlich. Wie sie es schon bei ihrem jüngsten Album "Regina" getan hat, setzte Becca Stevens voll auf ihre Stimme, mit der sie die Songs facettenreich, klar und ausdrucksstark vortrug. Ihr gelangen schöne Melodien, die zum Ausdruck brachten, dass sie offen ist für vielseitige Einflüsse, Melodien, die nicht sofort im Ohr verfingen, dafür umso interessanter waren.

Auch Songs ihres früheren Albums "Perfect Animal", das sie noch breiter instrumentiert mit Band aufgenommen hat, stellte sie in der reduzierten, sehr persönlichen Form vor. Bei manchen Stücken vertauschte sie die elektrische Gitarre gegen eine Ukulele, die den Stücken einen hellen, fröhlichen Klang verlieh. Es war eine Musik zum Zuhören mit ruhigen und romantischen Liedern, auch mit lyrischen, teils ins Märchenhafte gehenden Texten, etwa bei "Ophelia", die ins Wasser ging und einem Soldaten, der nach dem Krieg sein Gesicht wäscht, als Geist erscheint, in den er sich verliebt. Auch zwei Coversongs hatte sie im Programm, einer musikalisch naheliegend von Joni Mitchell, ein anderer, musikalisch ferner liegend, von Stevie Wonder, dem sie sehr gekonnt ihr eigenes Indie-Folk-Gewand verlieh. Michelle Willis, die auch ein eigenes Album herausgebracht hat, unterstützte sie nicht nur am Keyboard, sondern auch mit ihrem Harmoniegesang.

Etwa die Hälfte des Publikums kam aus Frankreich, die andere Hälfte aus Deutschland, wie sich auf Nachfrage von Becca Stevens herausstellte, und während es im sonnigen Innenhof immer heißer wurde, suchten viele Besucher Zuflucht in den kühleren Ausstellungsräumen der Fondation Fernet-Branca, wo unter anderem Holzskulpturen und Gemälde von David Nash ausgestellt sind, der demnächst auch in Brombach zu sehen sein wird. Doch auch nach der Pause war der Hof wieder gut besetzt, als King Creosote mit seinem Akkordeon auftrat. Mit dem Akkordeon sei es schwierig anzufangen, und wenn es mal läuft, sei es schwierig aufzuhören, scherzte er zu Beginn.

In der Tat waren die Stücke recht lang, und es waren durch die Bank getragene Elegien, auch wenn er einmal zwischendurch, wohl als Hommage an den französischen Spielort, ein kurzes Musette-Stück anstimmte. Mit kleinen Scherzen versuchte er das Publikum aufzumuntern, doch die Songs klangen meist wie Klagelieder. Auch wenn der Mann aus einem kleinen, abgelegenen Dorf in Schottland kommt, wo das Internet wackelig ist und um neun Uhr abends der letzte Bus fährt, wie er erzählte, weckte seine Musik Assoziationen an die heiße Schwermut des mediterranen Sommers, an die melancholische Schläfrigkeit einer Siesta. Der wollte sich das Publikum aber doch nicht hingeben und erklatschte sich noch eine Zugabe.

Weitere Konzerte von "Stimmen on Tour": 9. Juli, 20 Uhr, Freiburg, Babeuf, Kneipe im Stühlinger; 12. Juli, 20 Uhr, Liestal, Kulturhotel Guggenheim; 13. Juli, 20 Uhr, Murg-Oberhof, Café Verkehrt; 15. Juli, 11 Uhr, Lörrach-Brombach, Werkraum Schöpflin und 16. Juli, 20 Uhr, Binzen, Rathaus Innenhof.