Das Erbe des Paters

Jutta Jäger-Schenk

Von Jutta Jäger-Schenk

So, 26. August 2018

Elsass

Der Sonntag Bei "Lunettes sans Frontière" im Elsass finden ausrangierte Brillen eine neue Verwendung.

Der Verein "Lunettes sans Frontière" in Hirsingue im Sundgau sammelt alte Brillen und stellt sie Bedürftigen in aller Welt zur Verfügung. Der Verein ist das Werk des 2010 verstorbenen Kapuzinerpaters François-Marie Meyer.

Oft liegen sie vergessen in Schubladen, irgendwie zu schade zum Wegwerfen und doch für den Besitzer unbrauchbar geworden: alte Brillen. Und gleichzeitig gibt es in vielen Entwicklungsländern und auch in Europa Menschen, die nicht am öffentlichen Leben, an Bildung und Arbeit teilhaben können, weil sie sich keine Brille leisten können. Nur eineinhalb Stunden von Freiburg entfernt, in Hirsingue im Sundgau, gibt es den Verein "Lunettes sans Frontière", der dafür eine Lösung hat: Alte Brillen werden gesammelt und Bedürftigen zur Verfügung gestellt.

Der Verein ist das Werk des Kapuzinerpaters François-Marie Meyer, der Anstaltsprediger für Blinde war. 1974 begann er damit, Brillen für Bedürftige zu sammeln, die Aktion hieß zunächst "Brillen für die Dritte Welt" und ist heute im Verzeichnis der Vereine des Departement Haut-Rhin eingetragen. "In Afrika entspricht eine Brille dem Wert von sechs bis acht Monatsgehältern und der nächste Optiker ist in manchen Regionen 1000 Kilometer entfernt, auf eine Million Einwohner gibt es einen Ophthalmologen", schreibt der Verein in seinem Infoblatt und bittet um die Spende von "Brillen in gutem Zustand, Sonnenbrillen, Brillengestellen in gutem Zustand, sauberen Brillenhüllen und Hörgeräten."

670 gesammelte Brillen der gewünschten Art bringt an diesem Tag der Denzlinger Französischkurs der Volkshochschule Nördlicher Breisgau unter Leitung von Virtudes Kreppner. Denis Schicklin, seit dem alters- und krankheitsbedingten Rücktritt von Pater Meyer dessen Nachfolger als Präsident des Vereins, zeigt den Kursteilnehmern gastfreundlich die Räumlichkeiten und die Arbeitsvorgänge. Die Vereinsräume befinden sich im Kellergeschoss des ehemaligen Klostergebäudes der Kapuziner, das heute eine Einrichtung für geistig behinderte Menschen beherbergt. Die Einrichtung ist aus gebrauchten Möbeln zusammengestellt, auch die bescheidene Originalküche von Père François wird genutzt.

Hohe Kartonstapel, gefüllt mit zu sortierenden Brillen, säumen den Weg zum großen Arbeitsraum. Drei Frauen und ein Mann sind damit beschäftigt, Brillen auf ihre Intaktheit zu sichten, zu sortieren und zu waschen. Danach werden die Brillen ausgemessen und entsprechend beschriftet. Es gibt Brillen für Weit- und für Kurzsichtige in verschiedenen Stärken. "Gleitsichtbrillen sammeln wir jedoch nicht", sagt Denis Schicklin, "diese sind zu individuell auf den jeweiligen Brillenträger ausgerichtet." Für bedürftige Kinder finanziert der Verein auch die Neuanschaffung einer Brille, "denn bei einem Kind muss die Einstellung bis auf die kleinste Nuance passen", erklärt er.

Nach dem Vermessen werden Kisten mit zwei bis drei Kilo Brillen gepackt, die dann an Fachleute in Kliniken und Krankenstationen für Augenkrankheiten sowie in Missionsstationen in Afrika, Asien und Südamerika gesandt werden. Auch Russland und osteuropäische Länder, aber auch Frankreich selbst werden bei Bedarf mit Brillen versorgt. "Gerade bei uns gibt es mehr Bedürftige, als man denken würde", sagt der Präsident. Die Versandkosten werden über Spenden und Vereinsmittel finanziert.

Etwa 30 Ehrenamtliche arbeiten im Verein, der jährlich mehr als 110 000 Brillen vermisst und versendet, regelmäßig mit. Denis Schicklin, ist, obwohl inzwischen Rentner, täglich eingespannt. Oft empfängt er Überbringer der Brillen. "Ein deutscher Fabrikant liefert uns jährlich tausende von Brillen", berichtet er. Auch die saarländische Organisation "Brillen ohne Grenzen" arbeitet "Lunettes sans Frontière" zu.

Père François ist auf dem Friedhof des beschaulichen Dorfes begraben. Hierhin wurde der 2010 in Straßburg verstorbene Pater auf Initiative von Denis Schicklin und anderen Mitstreitern umgebettet. "Denn hier gehört er hin, hier war er glücklich, hier hat er so viel Gutes in Bewegung gesetzt", sagt Schicklin.
Lunettes sans Frontière, 41, rue du Général de Gaulle, 68560 Hirsingue, Frankreich. Telefon 00 33/3/89 07 17 50; http://www.lunettes-sans-frontiere.fr Nicht mehr benötigte Brillen können eingesandt oder vorbeigebracht werden. Öffnungszeiten: Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag, vormittags bevorzugt.