Grenzen per Rad überwinden

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Do, 30. August 2018

Müllheim

Französische und deutsche Radler erkundeten die nähere Region rechts und links des Rheins mit dem Fahrrad und schlossen dabei so manche neue Bekanntschaft.

MARKGRÄFLERLAND/ELSASS. Französische und deutsche Radlerinnen und Radler vom Kind bis zum agilen Senior hatten sich kürzlich aufgemacht, um die weitläufige Landschaft beidseits des Rheins zwischen Neuenburg und Breisach zu erkunden.

Eingeladen zu dem kostenlosen sportlichen und touristischen Vergnügen hatte der elsässische Gemeindeverband Centre Haut Rhin mit Unterstützung des Gemeindeverbandes Pays Rhin-Brisach und des grenzüberschreitenden Zweckverbandes (GöZ) Mittelhardt-Oberrhein. Um den sportlichen Ehrgeiz zu wecken, gab es 21 Stationen, an denen man sich einen Stempel abholen konnte. Beim Start bekamen alle Teilnehmenden einen Plan ausgehändigt, auf dem diese Stationen, die fünf verschiedenen Rundtour-Varianten von 25 bis 100 Kilometern Länge sowie die Möglichkeiten der Verpflegung eingezeichnet waren. Zwei der Routen führten streckenweise auch am rechten Rheinufer entlang, das Überqueren des Flusses ermöglichten die drei Brücken bei Neuenburg, Hartheim und Breisach.

Der Tag ist wie geschaffen für eine Radtour, die Sonne scheint, die Luft ist frisch, im Westen grüßt die blaue Silhouette der Vogesen, im Osten die des Schwarzwaldes, weit genug weg, um nicht mit steilen Anstiegen die Kräfte zu sehr zu fordern. In Balgau steht ein Holztisch an der Seite des kleinen Rathauses, gedeckt mit einer kleinen Auswahl an Wasser und Saft, Schokoriegeln und Knabberzeug sowie einer großen Thermoskanne. Dahinter sitzt Jean-Louis Schelcher und wartet auf "Kundschaft". Es geht auf Mittag zu. In der Nähe kräht ein Hahn, eine Katze schlendert gemütlich über die Dorfstraße. Idylle pur. Doch der Schein trügt.

Schon 90 Teilnehmerbögen hat er bis jetzt abgestempelt, Fragen beantwortet und durstigen Radlern Getränke eingeschenkt. Seit acht Uhr ist Schelcher auf seinem Posten, er kennt sich aus in der Region, war 31 Jahre lang Bürgermeister des knapp 1000 Seelen zählenden Dorfes und ist seit seinem 23. Lebensjahr in der Kommunalpolitik engagiert. Man kommt ins Gespräch, in dem eine Mischung aus Elsässisch, Französisch und Hochdeutsch den Weg der Verständigung ebnet. Noch heute ist Schelcher im örtlichen Verein Foyer-Club aktiv, der unter anderem eine Mundarttheatergruppe unterhält. Dort habe er schon mit acht Jahren gespielt, berichtet er.

Die nähere Region rechts und links des Rheins habe viele gemeinsame Geschichten, sinniert Schelcher, angesprochen auf den grenzüberschreitenden Charakter der Veranstaltung. Der Großvater des ehemaligen Breisacher Bürgermeisters Alfred Vonarb sei aus Balgau gewesen. Und wie auf der anderen Rheinseite habe es in der Mitte des 19. Jahrhunderts auch hier eine große Hungersnot gegeben. Damals seien viele Leute aus Balgau nach Nordafrika ausgewandert, um zu überleben. Bald stehe die 1100-Jahrfeier an, das Dorf habe eine sehr lange Geschichte.

Inzwischen sind zwei Leute von ihren Rädern gestiegen. Sie kommen aus Vogtsburg am Kaiserstuhl über Breisach und Neu-Breisach. Ums Haar habe man die Station verpasst, sagen sie, in Neu-Breisach habe man die Stempelstation gar nicht gefunden. Ein Schluck Wasser ist jetzt sehr willkommen. Wo es was zu essen gebe? Schelcher erklärt ihnen den Weg ins benachbarte Fessenheim, wo sich das "Schnacka-Hisli" gleich links nach dem Ortseingang auf die radelnden Touristen eingestellt hat. Eine französische Sechsergruppe lässt sich die Teilnehmer-Pässe abstempeln, schwingt sich gleich wieder in den Sattel und zieht von dannen.

Da, ein einzelner Radfahrer kommt mit suchendem Blick die Dorfstraße entlang. "S‘ il vous plâit – ici", ruft Schelcher. Hermann Küchlin aus Grißheim steigt ab. Er war jetzt zur Mittagszeit bereits in Chalampé, Bantzenheim, Rumersheim, Munchhouse, Ensisheim, Reguisheim, Meyenheim, Niederhergheim, Rustenhart und Neu-Breisach. Und ist begeistert: "Die Leute hier sind so toll, alle freundlich, alle gut drauf", freut er sich. Einen Kumpel, den er eigentlich um 8 Uhr am Startpunkt Grißheim erwartet hatte, habe er in Meyenheim getroffen. Bis er zu Hause war, hatte er 163 Kilometer heruntergekurbelt, berichtete Rita Schmidt, Ortsvorsteherin in Grißheim der BZ: "Er meldete sich erschöpft, aber überglücklich am frühen Abend bei mir. Glücklich darüber, unterwegs so viele nette französische Bekanntschaften gemacht zu haben."

Dass in diesem Jahr erstmals auch 20 deutsche Teilnehmer an der Grißheimer Station gestartet sind, schreibt Schmidt der verbesserten Werbung im Vorfeld der Veranstaltung zu. Insgesamt habe man an der Station in Grißheim fast hundert Teilnehmerpässe gestempelt. Eine Veranstaltung wie diese könne auf der kleinen Ebene die deutsch-französische Freundschaft forcieren, meint die Ortsvorsteherin. Vielleicht hören das auch die Verantwortlichen für die Homepage des GöZ Mittelhardt-Oberrhein (http://www.rheinbrücke.org Dort heißt es unter der Rubrik Veranstaltungen im August: "keine Veranstaltungen bekannt".