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09. Februar 2010
Vortrag in Freiburg
Jeremy Rifkin: Die zwei Seiten der Geschichte
BZ-PORTRÄT: Der Autor Jeremy Rifkin sprach in Freiburg.
Mit wem könnte man ihn vergleichen in Deutschland? Mit einem öffentlich anerkannten Großdenker wie Peter Sloterdijk? Einem selbst ernannten Zukunftsforscher wie Matthias Horx? Einem kritischen Wissenschaftler wie Ernst Ulrich von Weizsäcker? Jeremy Rifkin hat von allen etwas. Schon das zeichnet ihn aus. In den USA sind die Grenzen zwischen diesen Positionen durchlässiger.
Der 65-jährige Rifkin ist Vorsitzender der "Foundation on Economic Trends", die Entwicklungen in Wissenschaft und Technik und ihre Folgen für Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft untersucht. Er unterrichtet eben darüber Führungskräfte an der Wharton School der Universität von Pennsylvania, einer führenden Business School. Er berät europäische Regierungen und die EU in Fragen der Energie. Er hat eine Firma, Jeremy R. Rifkin Enterprises, deren Geschäftszweck die Beförderung seiner Texte und Vorträge ist. Ein Wissensschöpfer und -verbreiter.
In Deutschland ist Rifkin vor allem als Verfasser von Büchern bekannt. Sein Verlag bewirbt ihn als Bestseller-Autor. Er hat über den Fleischkonsum geschrieben ("Das Imperium der Rinder"), die Automatisierung der Industrie ("Das Ende der Arbeit") oder den Übergang von der Markt- zur Netzwerk-Ökonomie ("Access"). Sein neues Buch nun, "Die empathische Zivilisation" (BZ vom 5. Februar), zieht eine Summe seiner Themen.
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Dass die Vortragsreise zur Neuerscheinung Rifkin nicht nur nach Frankfurt, München und Berlin sondern auch nach Freiburg führte, darum hatte sich das Carl-Schurz-Haus erfolgreich bemüht. Dessen Leiterin Christine Gerhardt begrüßte Rifkin im Rahmen der Vortragsreihe "Capitalism Now" im Theater als einen Kritiker des entfesselten Kapitalismus aber auch als einen storyteller amerikanischer Tradition.
Was ihn ein wenig zu sehr zwischen Extreme spannte. Rifkin erweist sich in persona vor allem als freundlicher Mensch, der andere an seinem Wissen teilhaben lassen will. Er nimmt sich Zeit für ein Gespräch mit der Presse vor dem Vortrag, für eines mit seinem Publikum danach. Und für den Vortrag selbst erklimmt er im Großen Haus nicht die Bühne, sondern lässt sich das Mikrofon herunterreichen und hält ihn direkt vor dem vollbesetzen Parkett.
In anderthalb Stunden umreißt er die Themen seines fast fünfhundertseitigen Buches. Er ist erst ein Gegenwartsdiagnostiker, der die Finanzkrise für die Folge der Energiekrise mit ihrem stetig steigenden Ölpreis hält. Dann ein Geschichtsphilosoph, der als fundamentale Prinzipien aller Historie die Entropie (eben den steigenden Energieverbrauch) einerseits, die zunehmende Empathie anderseits sieht.
Wenn es um letztere, um das menschliche Mitgefühl, geht, wird Rifkin auch zum Prediger. Die Hirnforschung habe mit der Entdeckung der Spiegelneuronen gezeigt, dass der Mensch seiner Natur nach kein Egoist, sondern ein soziales Wesen sei. Seine Frau, sagt er mit einer Wendung ins Persönliche, nenne das den Sterbebett-Test: Woran denke der Mensch auf diesem? Doch nicht an seinen Besitz, sondern an die Liebsten. Eben diese Empathie gelte heute aber nicht nur der eigenen Familie, nicht nur dem eigenen Land, sondern, dank moderner Kommunikationsmedien, der ganzen Welt. Die Toten von Haiti empfinde man als Mitglieder einer erweiterten Familie.
Ist es nun Wirklichkeitsdiagnose oder Wunschdenken, wenn Rifkin auf die Empathie setzt, als die Kraft, welche die Menschheit einen und sie die Klimakatastrophe abwenden lassen wird? Als politischer Aktivist, sagt er im Gespräch, ginge es ihm um die Theorie in der Praxis. Begriffe als Anleitung. Was auch sehr amerikanisch gedacht ist.
Rifkin setzt seine Hoffnung auf die junge Generation: Sie sei durch Netzwerke geprägt, sie könne die Revolution in Gang setzen, in der dezentralisierte Energieerzeugung durch Sonne und Wind auf und an jedem Gebäude uns vom Verbrauch fossiler Brennstoffe befreien könne. Ob das aber noch rechtzeitig in Gang gesetzt wird, das will er nicht vorhersagen.
Bei aller Freundlichkeit, die Rifkin ausstrahlt, bei allem Optimismus, den er auf der Suche nach Auswegen aufbringt, schwebt immer die Ahnung der Katastrophe mit. Ein deutscher Kritiker hat ihm vorgeworfen, der Holocaust käme in seinem neuen Buch nicht vor. Er stehe aber doch drin, sagt der aus einer jüdischen Familie stammende Rifkin im Gespräch: Über die Widmung des Buches hat er ein Datum gesetzt, den 27. Januar 1945. Es ist sein Geburtstag und der seiner Zwillingsschwester, und es ist der Tag der Befreiung von Auschwitz. Die zwei Seiten der Geschichte.
Autor: Thomas Steiner
