Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

15. Juli 2009

"Unser Weg hat uns vieles gelehrt"

BZ-Interview: Jean-Claude Acquaviva, Leiter der Vokalgruppe "A Filetta", die als "Artist in Residence" beim "Stimmen"-Festival ist

  1. Jean-Claude Acquaviva Foto: Annette Mahro

Ähnlich wie vor zwei Jahren Bobby McFerrin, ist 2009 die korsische Vokalgruppe "A Filetta" als "Artist in Residence" zum "Stimmen"-Festival eingeladen. Innerhalb einer Woche treten die sieben Männer in drei völlig unterschiedlichen Projekten auf. Annette Mahro hat den Leiter des Ensembles in Lörrach getroffen.

BZ: Jean-Claude Acquaviva, es heißt "A Filetta", das sind Sie. Sie haben die Gruppe aber nicht gegründet…

Acquaviva: Nein, ich bin tatsächlich erst einen Monat nach der Gründung 1978 dazu gekommen, ich war damals 13. Heute bin ich der Komponist und oft auch das Sprachrohr, selbst innerhalb der Aufführungen. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich der Einzige wäre, der das könnte oder wollte. Es ist nur (lacht) für die anderen einfacher, sagen wir bequemer. Jeder greift aber in die Entscheidungen ein, jeder gibt seine Anregungen und Ideen, das ist sehr wichtig für uns.

BZ: Zum "Stimmen"-Festival kommen sie nicht alleine. Dem Auftakt mit Sidi Larbi Cherkaoui folgt heute die Burghof-Eigenproduktion "Pessoassion", eine Auseinandersetzung mit der Literatur Fernando Pessoas. Wie ist es dazu gekommen?

Werbung


Acquaviva: Das war Helmut Bürgels Idee, der schon einige Male bei dem Polyphonie-Festival in Calvi war, das wir jedes Jahr organisieren. Für uns ist es ja auch schon der dritte Besuch in Lörrach. Pessoa hat er eingebracht ebenso wie die Musikerin Joana Aderi, den Schauspieler Peter Schröder, den Fotografen Torsten Warmuth und natürlich Marion Schmidt-Kumke, die alles in Szene setzt und mit der wir auch auf Korsika zusammengearbeitet haben. Obwohl aber alles schon vollständig festgezurrt ist, bleibt der Auftritt ein lebendiges Abenteuer.

BZ: Marion Schmidt-Kumkes Anspruch war dabei, "Pessoa ein Gesicht zu geben". Bei Bildern oder Filmen geht das sehr gut, aber in der Literatur?

Acquaviva: Das geht gerade bei Pessoa sehr gut, bei dem man, sagen wir, mit den musikalischen Farben spielen kann, die in seinem Werk sehr ausgeprägt sind. Seine extrem komplexe, vielfältige Persönlichkeit können wir so sehr gut wiedergeben oder auch den Wechsel von einer Person zur anderen. Ich glaube, dass das musikalisch gerade über den Weg unserer Polyphonie sehr gut geht. Noch besser wird es zusammen mit Joana Aderi, die Pessoa elektronisch weiter in Teile aufteilt. Ich denke, dass das dem Autor sehr gerecht wird, der ja alles andere ist, nur eben nicht monophon, nicht einstimmig.

BZ: Anders als Ihre "Pessoassion"-Begleiter kennen Sie Danyel Waro von der Insel La Réunion, mit dem zusammen Sie am Samstag in den Rosenfelspark kommen, schon länger.

Acquaviva: Ja, wir sind ihm 2003 zum ersten Mal begegnet. Er ist ein charismatischer Sänger, den wir sehr schätzen und mit dem wir direkt etwas zusammen machen wollten. 2008 gab es dann eine Begegnung zwischen unserer korsischen Polyphonie und der Maloya-Musik, die Danyel Waro singt. Das Ergebnis war etwas sehr Erstaunliches. Maloya ist sehr pulsierend und auch trancehaft. Wir haben da unsere Vielstimmigkeit eingebracht, unsere Harmonien. Was Waro macht, ist das Gegenteil. Zwar gibt es auch bei ihm gelegentlich Wechselgesänge, etwa mit einem Chor. Aber dem steht nur eine Stimme in einer getrennten Linie gegenüber. Wir "polyphonieren" sie sozusagen.

BZ: Sie sind beim Festival als "Artist in Residence" angekündigt. Was bedeutet das für Sie?

Acquaviva: Ganz praktisch kommen wir ja mit drei völlig unterschiedlichen Arbeiten nach Lörrach. Das macht aber auch unseren künstlerischen Prozess in den 30 Jahren unseres Bestehens sichtbar. Das heißt, es geht um Tradition und um unsere Wurzeln, aber insbesondere um die Entwicklung. Gerade sie ergibt aber ja nur einen Sinn, wenn wir uns auch mit anderen Künstlern und mit dem Publikum austauschen. Unser bisheriger musikalischer Weg hat uns vieles gelehrt, vor allem aber, dass es immer sehr viel wichtiger ist, das sein zu wollen, was man verteidigt, als um jeden Preis verteidigen zu wollen, was man ist. Wenn wir uns also als Teil einer mächtigen Tradition begreifen wollen, dann müssen wir vor allem nach deren Sinn in einer globalisierten Welt fragen. Beim "Artist in Residence" bei einem internationalen Festival wie "Stimmen" geht es meiner Meinung nach letztendlich genau um die um dieses Signal: Teil des Ganzen zu sein.

–  "Pessoassion", eine Hommage an Fernando Pessoa mit A Filetta, Joana Aderi und Peter Schröder, heute, Mittwoch, 15. Juli, 20. 30 Uhr Burghof Lörrach.
–  A Filetta und Danyel Waro, Samstag, 18. Juli, 20 Uhr, Rosenfelspark in Lörrach

Autor: ama