Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
22. Dezember 2009
Unter der Idylle liegen Altlasten
Aufwendige Nachsorge für den stillgelegten Untertagebau und dem mit Müll verfüllten Tagebau.
RINGSHEIM. Vor 40 Jahren endete eine Ära: Die Grube Kahlenberg stellte nach rund 30 Betriebsjahren die Eisenerzförderung ein. Der ober- und untertägige Abbau hatte die Vorberglandschaft bei Ringsheim nachhaltig verändert. Die Badische Zeitung blendet zurück und erinnert in einer Artikelreihe an die wörtlich zu nehmenden riesigen Umwälzungen am Kahlenberg.
Mehr als 60 Jahre Bergbau- und Deponiebetrieb haben stark in die Natur am Kahlenberg eingegriffen. Doch wer dort voreilig ein völlig zerstörtes Gebiet erwartet, überrascht der Berg heute als vielseitiges Naherholungs- und Naturschutzgebiet. Vierzig Jahre nach der Grubenschließung ist dafür aber noch viel Nachsorge notwendig, die der Zweckverband Abfallbehandlung Kahlenberg (ZAK), aber auch ehrenamtliche Helfer leisten.Zwei Altlasten gilt die Nachsorge: Dem untertägigen Grubenbauen und dem mit mehr als fünf Millionen Tonnen Müll verfüllten Tagebau. Für diesen gab es in den Anfangszeiten die Idee, sobald ein Areal voll war, den Müll mit einer Erdschicht zu bedecken und darauf wieder Landwirtschaft zu betreiben. Auf einem Versuchsfeld wurden Rebenstöcke gesetzt, aber der Boden senkte sich unregelmäßig. Landwirtschaft mit modernen Maschinen ist unmöglich, war die Lehre daraus. "Das Versuchsfeld haben wir als Erinnerung daran belassen", sagt Deponieleiter Georg Gibis, "es deckt den Eigenbedarf der Deponie." Wem Gibis bei einem Besuch ein Gläschen kredenzt kann ruhig zulangen, Labortests konnten keine Schadstoffe in dem edlen Tropfen von bester Hanglage oberhalb der heutigen Deponiegebäude nachweisen.
Werbung
Statt Landwirtschaft entschloss sich die Deponieleitung fortan, hochwertige Biotope auf den rekultivierten Flächen anzulegen. "Landschaftspflege machen wir sehr differenziert", sagt Gibis. Nicht nur die Deponiearbeiter, sondern auch ehrenamtliche Helfer, die in der Kontaktgruppe Naturschutz mitwirken. Der Bund für Umwelt und Naturschutz beispielsweise kümmert sich um große Areale des Deponiegeländes. Vielfalt ist dabei das Leitmotiv: Steinhaufen, Tümpel, Trockenwiesen, Sträucher – was auf den Terrassen angelegt wurde, wirkt zufällig, ist aber wohl durchdacht. Entstanden ist ein geschütztes Reservat für viele Tiere sowie Orchideen und andere Pflanzenarten, in dieser Form und Größe einmalig in der Region. Eine Vielzahl von Reptilien finden hier ebenso Nahrung und Nistplätze wie Schmetterlinge, die seltene Gottesanbeterin und unzählige andere Insekten sowie mehr als 100 Vogelarten, darunter viele vom Aussterben bedrohte Gattungen.
Am besten lässt sich das vor Ort erkunden. "Die Deponie ist eine offene Deponie", lädt Gibis zum Spaziergang ein. Rundwege mit lehrreichen Schautafeln führen an den Besonderheiten vorbei, auch die Technik von Bergbau, Deponie und heutiger moderner Abfallverwertung ist erklärt. Am Fuße der Deponie an der Erzstraße, ist sogar ein kleiner Tierpark entstanden, der besonders bei Kindern beliebt ist.
Doch bei aller Idylle ist nicht vergessen, dass darunter noch Millionen Tonnen Altlasten liegen. Die Nachsorgearbeit wird die Betreiber, die Landkreise Ortenau und Emmendingen, wohl noch viele Jahrzehnte beschäftigen. So ist der Boden über der Deponie ständig in Bewegung, die mit Hunderten Kilometern Rohren gewährleistete Entwässerung muss am Laufen gehalten und das Deponiewasser gereinigt werden. Zudem wird der eingelagerte Abfall ständig unter Unterdruck gehalten, nur so lassen sich die Gase abfangen und damit Gestank verhindern sowie Energie aus den Gasen gewinnen. Alleine das wird noch mindestens rund 50 Jahre lang nötig sein, schätzt Gibis. Und noch sind nicht alle Abschnitte renaturiert, besonders im Norden der Deponie. Zum Glück sind Gibis' Mitarbeiter ebenso vielseitig wie der Kahlenberg: Techniker, Landschaftsarchitekten, Naturschützer – aber auch noch Bergleute. Denn auch die Stollen und Schächte des untertägigen Abbaus bedürfen einer intensiven Nachsorge.
Doch dazu mehr im nächsten Teil der BZ-Serie aus Anlass der Grubenschließung vor 40 Jahren.
Autor: sm


