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12. Juli 2008

Grimms Mädchen

Ein fast unbekannter Meister: Gerd Grimm, der lange in Freiburg lebte, gehörte zu den profiliertesten Modezeichnern der Welt / Von Dirk Schindelbeck

  1. Gerd Grimm

  2. Ihre Eleganz und Leichtigkeit – das bewunderten Kollegen an den Arbeiten des Modezeichners. Foto: Grimm Foundation

  3. Im Stil der Popart: Revalplakat

erd Grimm war einer der Großen seines Faches: 1911 in Karlsruhe geboren, gehört er neben George Lepape, Paul Iribe und René Gruau zu den herausragenden Modezeichnern des 20. Jahrhunderts. Für den deutschen Sprachraum kann er gar als singuläre Erscheinung gelten. Branchenkenner und Kollegen haben das stets erkannt: "Wir bewunderten seinen Strich, seine Eleganz und Leichtigkeit" (Gi Neuert). Dennoch ist Gerd Grimm der breiteren Öffentlichkeit so gut wie unbekannt geblieben. Warum?

Die Antwort liegt einerseits in seiner Persönlichkeit und andererseits in der deutschen Misere des 20. Jahrhunderts. Gerd Grimm arbeitete wie ein Besessener, er zeichnete zehn Stunden am Tag, in jeder Lage, bei jeder Gelegenheit – und wenn er seine Motive aus dem laufenden Fernseher bezog und als Karikatur, etwa von Politikern oder Schriftstellern, binnen Minuten auf ein Blatt hinwarf. Freunden erklärte er stets, er brauche das, um fit zu bleiben, seinen Strich zu behalten. Grimm produzierte unablässig, doch Grimm produzierte nie sich selbst. Uneitel und zurückgezogen lebte er mit seiner Frau, seinem Sohn und seinem Hund ein Künstlerdasein bis zu seinem Tod 1998 in seinem Haus in Freiburg-Littenweiler, das zugleich sein Atelier war, mit Blick auf die Dreisam und den Schwarzwald. Seine Aufträge pflegte er fast nur telefonisch abzuwickeln. Wenn er überhaupt Eigenwerbung betrieb, so geschah es fast ausschließlich über die großformatigen Kalender des Waldkircher Faltschachtel-Herstellers Faller, für welche er die Motive – junge Mädchen zumeist – zeichnete und die er an 150 ausgewählte Adressen verschicken ließ. Über fast 40 Jahre – zwischen 1960 und 1999 – waren diese als "Grimms Mädchen" bekannten Blätter heiß begehrt. Doch selbst diese bescheidene Form der Eigenwerbung dokumentiert einmal mehr seine Scheu vor der Öffentlichkeit. Dabei war sie nur zum Teil seiner charakterlichen Veranlagung zuzuschreiben, mindestens ebenso sehr war sie das Ergebnis bitterer Erfahrungen während der Zeit nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. Gerd Grimm war nämlich Halbjude: um keinen Preis aufzufallen, sich zu verstecken, das wurde für ihn bald überlebenswichtig – für einen Künstler seines Formats keine gute Rahmenbedingung.

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Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Gerd Grimm gerade 22 Jahre alt. Kurz zuvor hatte er sein Kunststudium in Karlsruhe und Berlin beendet, wobei er auch seine Lebensgefährtin und spätere Frau Hilde van Gülick (ebenfalls eine begabte Grafikerin) kennengelernt hatte. Hoffnungsvoll nahmen sich Grimms Anfänge als Modezeichner Ende der 20er Jahre aus. Er erhielt erste Aufträge für die Gestaltung von Titelblättern großer Modezeitschriften wie den "Silberspiegel", "Die Dame" oder "Elegante Welt". Doch nach 1933 wurde sehr schnell alles anders. Juden wurden aus öffentlichen Ämtern und Funktionen sowie dem künstlerischen Leben entfernt. Für Gerd Grimm brachen schwere Zeiten an. Nur über seine "arische" Lebensgefährtin und befreundete Verleger gelang es ihm, bei Unterdrückung seines Namens, grafische Arbeiten weiterhin an die Zeitschriften zu vermitteln und zu veröffentlichen. Dennoch verließen Gerd Grimm und Hilde van Gülick das nationalsozialistische Deutschland, abgesehen von zwei längeren Aufenthalten in Paris 1936 und England 1938/39, nicht. Während dieser Jahre scheint sich bei Gerd Grimm jene – nach heutigen Maßstäben geradezu ängstliche – Zurückhaltung in allen Fragen der Selbstdarstellung verfestigt zu haben, die seine Haltung auch in seinen späteren Lebensabschnitten prägen sollte.

Trotz seiner "nicht arischen" Abstammung wurde Gerd Grimm 1939 zur Wehrmacht eingezogen, im Juni 1941 aber als "wehrunwürdig" wieder entlassen. Seinen Wehrpass jedoch ließ er sich nicht abnehmen und hütete ihn fortan wie einen Schatz. Nur dieses Dokument konnte ihn vor Zugriffen der Gestapo schützen. Nur so konnte er etwa 1000-mal per Zug von Berlin nach Freiburg pendeln. Und immer wieder versteckte er sich auch für Tage und Wochen auf einer Schwarzwaldhütte am Schluchsee.

Als der Zweite Weltkrieg endlich vorüber war, gab es für Grimm keine Probleme mehr mit seiner "halbjüdischen" Abstammung. An ihre Stelle traten freilich nun andere, kaum weniger belastende Einschränkungen seiner Entfaltungsmöglichkeiten. Im zerstörten und von Besatzungszonen zerstückelten Deutschland liefen 25 Millionen Frauen in Lumpen herum – für einen Modegrafiker denkbar schlechte Rahmenbedingungen. In dieser Lage fasste das Paar – Gerd Grimm war bereits Mitte 30, Hilde Anfang 30 – den Entschluss zu emigrieren, nach New York.

Lässt man seine Arbeiten aus dieser Phase, zwischen 1945 und 1951, Revue passieren, so dokumentiert sich in ihnen eine ungeheure Produktivität, ja ein geradezu entfesselter Wille, neu anzufangen, in einer weltoffenen Atmosphäre, unter unbeschränkten Arbeitsbedingungen. Die Eleganz, die Urbanität, der Plusschlag der Metropole, die mondäne Welt, die seit Ende der 20er Jahre aus der Grimm’schen Realität wie verbannt waren, all das ist plötzlich wieder da – und findet Ausdruck in zahllosen Modezeichnungen, exquisiten Damenporträts, Stadtimpressionen, Rennbahnszenen. Entsprechende Abnehmer finden sich schnell: Harper’s Bazaar, Vogue, Esquire und andere US-Magazine. Man fragt sich: Wie wäre es mit Grimm weitergegangen, wäre er in den USA geblieben? Allein, seine Lebensgefährtin hatte Heimweh. Ihr blieb Amerika fremd, und so kehrte das Paar 1951/52 heim.

Zurück in Deutschland, lassen sich die beiden in Freiburg nieder, heiraten, kaufen ein Haus. 1952 wird der von Geburt an behinderte Sohn Sebastian geboren. Auch in der alten Heimat hat sich inzwischen manches zum Besseren verändert, wenngleich im Verhältnis zu den USA das Niveau in Grimms Hauptarbeitsgebiet, der Modezeichnung, noch weit hinter dem internationalen Standard zurückbleibt. Gleichviel, Grimm zeichnet für Hersteller von Badeanzügen und Perlon-Strümpfen, für Bogner, für Valmeline, Peek & Cloppenburg, für Chanel, Reemtsma und Black-and-White-Whiskey. Auch als Buchillustrator macht er sich bald einen Namen.

Über welche Potenziale Grimm als der wohl einzige deutsche Modezeichner von internationalem Rang verfügt, das spricht sich bei alten und neuen Auftraggebern bald herum. Was besonders gut ankommt, sind immer wieder seine Mädchen. So bleibt es nicht aus, dass sich ab etwa 1960 die Grimm’schen Modelle ändern. Der Typ der modebewussten großen Dame von Welt, wie er ihn seit Mitte der vierziger Jahre so gern und oft gezeichnet hatte, er tritt deutlich zurück zugunsten eines jungen, frischen, gleichwohl niemals pubertär oder backfischartig wirkenden Mädchentyps, den man geradewegs als grafische Manifestation des deutschen "Fräuleinwunders" bezeichnen könnte.

Woher aber so viele Modelle nehmen? Nun war und ist Freiburg Universitätsstadt, der stets Scharen von neuen Studenten und Studentinnen zufließen. Grimm, dem Zurückgezogenen, ist es allerdings eher lästig, die jungen Damen auf dem Campus anzusprechen, und so übernimmt es Hilde, ihm neue Modelle zuzuführen. Es fällt auf, dass alle "Grimm-Mädchen", so jung sie auch immer waren, etwas ungemein Selbstbewusstes und Aufrechtes an sich haben, dass er ihnen, auch wenn sie ihm Akt stehen, ihre Eigenart, ihre Würde, ja fast ihre Unnahbarkeit ließ.

Über "Grimms Mädchen" konsolidiert sich die Lebenssituation der Familie im Nachkriegsdeutschland allmählich, obgleich die Bedingungen sowohl für die Werbegrafik generell und für Modezeichnung im Besonderen spätestens ab den sechziger Jahren spürbar schlechter werden. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war sie noch unverzichtbares Mittel gewesen, eine modische Idee überhaupt visualisieren zu können. Nun droht der immer stärker aufkommende Fotorealismus ihr endgültig den Garaus zu machen. Hinzu kommen im Falle Grimms einige Eigentümlichkeiten, die ebenfalls wenig zeitgemäß erscheinen. So hatte er sich in schlechten Zeiten angewöhnt, für seine Tuschzeichnungen immer nur das billigste Saugpostpapier zu nehmen (weil er dessen Eigenschaften für seine Tuschzeichnungen so schätzte). Von dieser Gewohnheit wollte er auch nicht lassen, als es längst wesentlich bessere Papierqualitäten gab. Auch weigerte er sich beharrlich, Zahlen oder Buchstaben zeichnerisch umzusetzen. Und natürlich blieb er zeit seines Lebens ein Einzelgänger – in einer Zeit, wo auch in der Bundesrepublik die Werbeagenturen wie Pilze aus dem Boden schossen, eher ungewöhnlich.

Glücklicherweise kommt es für Gerd Grimm Ende der fünfziger Jahre zu einer Geschäftsverbindung, die ihm über die folgenden 23 Jahre ein kontinuierliches Einkommen sichern sollte: mit der Badischen Tabakmanufaktur in Lahr, deren Zigarettenmarke "Reval" er bis in die frühen achtziger Jahre hinein grafisch betreut. Geradezu zwanglos kann er hier die Menschen, die Typen, die Situationen des modernen, großstädtischen Lebens umsetzen. Besonders auffällig ist, wie leicht es Grimm fiel (ohne seinem unverwechselbaren Stil untreu zu werden), neue Strömungen und Tendenzen zu adaptieren. Die Reval-Farben Blau und Gelborange erwiesen sich Ende der sechziger Jahre ja als ideale Rahmenvorgabe, Pop-Elemente aufzunehmen. Mädchen und junge Männer mit blauen Gesichtern oder grünen Haaren sind in dieser Phase Grimm’schen Schaffens keine Seltenheit. Mehrfach wurden Grimms Reval-Plakate von der Fachzeitschrift "Gebrauchsgrafik" unter die besten zehn Arbeiten des jeweiligen Jahres gewählt.

Freilich gab es auch Punkte, über die Gerd Grimm nie mit sich diskutieren ließ, schon weil sie den innersten Kern seines künstlerischen Selbstverständnisses berührten. So "verbesserte" er seine Werke nie. Was nicht mit dem ersten Strich schon gelungen war, wurde vernichtet. Das Hingeworfene musste schon das Vollendete sein. Immer wieder scheint es, als ob Grimm, der seine menschlichen Modelle ja letztendlich zeichnerisch festhielt, sich während des Zeichnens zugleich gegen deren Fixierung wehrte: so als wollte er die Bewegungen, die Gesten, den Atem seines Gegenüber, samt aller darin liegenden Flüchtig- und Vergänglichkeiten, wie in einem unendlichen Annäherungsprozess an das Leben selbst, mit aufs Papier übertragen. In der Tat begriff Grimm seine zeichnerischen "Wiedergeburten" auch stets als eine Art von Zeit-Dokumentation. Er war überzeugt, dass sich die Menschen in ihrer Art, sich zu bewegen und zu geben, spätestens alle zwei Jahre ändern. Es ist dieses Verständnis von Zeit und Welt, das ihn auch zu einem Meister der Andeutung, ja des Aussparens und Weglassens werden ließ.

– Der Autor ist Werbehistoriker und lebt in Freiburg






Autor: Von Dirk Schindelbeck