Mieters Nöte

URTEILSPLATZ: Wenn alle Hüllen fallen

Heinz Siebold

Von Heinz Siebold

Do, 10. Januar 2019

Urteilsplatz

Datenschutz? Privatsphäre? Das war einmal. Ein Computerfreak hat aus seinem Kinderzimmer heraus Millionen Daten geklaut. Zeitungsleser haben es noch einfacher. "Mietgesuche" sind eine wahre Fundgrube persönlichster Bekenntnisse – geboren aus der Not, unbedingt eine Wohnung finden zu müssen. Und aus der Hoffnung, sich schöner zu präsentieren als alle anderen Bewerber*innen. Mit Alter und Beruf, Mobilfunknummer und E-Mail-Adresse. Immer öfter auch mit Bild. Eine angehende Pfarrerin bezeichnet sich als ruhig, rücksichtsvoll und Nichtraucherin. Ein junges Pärchen (23 und 25 Jahre alt) hält es für wichtig, zu betonen, dass es schon seit vier Jahren zusammen ist. Ein anderes gemischtes Doppel findet sich stubenrein und gar nicht mal so unsympathisch, ein weiteres ist frisch verliebt. Wohl dem, der auf eine höhere und Stellung im Kirchen-, Justiz- oder Schuldienst, den Beamtenstatus oder eine Festanstellung bei einem namentlich genannten Weltmarktführer verweisen kann. Sauber, verlässlich und rücksichtsvoll will der Mieter sein. Und keine Haustiere haben. Höchstens ehrerbietig drum bitten, dass der gelegentliche (betont mit Ausrufezeichen!) Besuch eines Hundes gestattet sein möge. Was wird als nächstes kommen? Die Schufa-Auskunft vorab öffentlich? Das Bekenntnis, noch nie im Leben etwas von einem Mieterbund gehört zu haben? Und auf jeden Fall die Miete klaglos drei Monate im Voraus zu bezahlen? Noch gibt es Hüllen, die man fallen lassen kann.
  • redaktion.lahr@badische-zeitung