Theater Freiburg

Veit Arlt über das Methusalems-Stück "Ich weiß, was du ’68 getan hast"

Kathrin Kramer

Von Kathrin Kramer

Do, 10. Januar 2019 um 18:10 Uhr

Theater

Regisseur Veit Arlt hat mit der Theatergruppe Methusalems das Stück "Ich weiß, was du ’68 getan hast" erarbeitet. Ein Gespräch vor der Premiere am Theater Freiburg.

Es gibt Gespräche, die führen vom Hölzchen aufs Stöckchen, und es gibt andere, in denen sich unmerklich ein roter Faden entspinnt. Wenn der Dramaturg und Regisseur Veit Arlt aus seinem Leben und von seiner Arbeit erzählt, hat man schnell das Gefühl, dass alles mit allem zusammenhängt und er keineswegs zufällig Regie führt in der neuen Produktion der Methusalems. Am Freitag ist die – ausverkaufte – Uraufführung seines Stückes "Ich weiß, was du ’68 getan hast".

Wobei Arlt die Formulierung "seines Stückes" wahrscheinlich schon zurückweisen würde. Denn Arlts Arbeitsweise trägt die Handschrift des Studiengangs Angewandte Theaterwissenschaften in Hildesheim, den er besuchte. Und vor allem prägen ihn die zehn Berliner Jahre im Theaterkollektiv Turbo Pascal. Eins seiner Mottos lautet: "Man kann zusammen besser nachdenken als alleine". Ganz konkret bedeutet das für Arlt bis heute, so weitgehend wie möglich Projekte jenseits von hierarchischen Strukturen zu entwickeln, sich gemeinsam für alles zuständig zu fühlen oder zumindest Dinge in größtmöglicher gegenseitiger Transparenz entstehen zu lassen – weil eben alles mit allem zusammenhängt.

Während der Intendanz von Barbara Mundel setzte Arlt diese Art zu arbeiten als Dramaturg am Theater Freiburg fort. Drei Jahre lang wirkte er mit an Projekten wie "Schöne Neue Welt", "Völkerwanderung", "Schwarz Wald Straße", aber auch 2017 in der Jury des 3. Internationalen Bürgerbühnenfestival. Bürgernah ist seine Arbeit allemal.

Nun also die Methusalems, das Seniorentheater am Theater Freiburg, und die 68er-Bewegung. Die Idee stammte von Intendant Peter Carp, der aber bald merkte, dass das Projekt für ihn zu zeitaufwendig würde. Veit Arlt griff es, angefragt vom Theater, gern auf, weil er sowohl die Theatertruppe als auch das Thema spannend fand, und begann schon im Sommer mit der Vorbereitung. Grundlage waren viele Gespräche, auch heftige Streitgespräche, und Improvisationen, aus denen er das Stück formte. "Weitestgehend", sagt er, stammten die Texte von den Methusalems, teils als O-Ton, teils von ihm ästhetisch verarbeitet und um Texte von Autoren wie Rainald Goetz und Wolfram Lotz erweitert. Sein Wunsch, im Kollektiv zu arbeiten, geriet beim Ensemble allerdings auch immer wieder an Grenzen. Nach langen Diskussionen und stundenlangen Proben seien klare Anweisungen des Regisseurs manchmal auch eine Erlösung gewesen.

Die Frage, wie professionell Bürgertheater werden könne, stellt sich für ihn in der Arbeit mit den Methusalems kaum, und er zögert, überhaupt von Laien zu sprechen – ohne dabei liebedienerisch zu klingen. Da gebe es viele Momente sichtbarer Professionalität, ganz große Disziplin und technische Routine. Was ihn aber am meisten beeindruckt und herausfordert an den 13 mehr oder weniger alten und sehr unterschiedlichen Darstellern, von denen einige aus 18 Jahren Theaterarbeit schöpfen, ist der "extrem hohe Erfahrungsschatz", den sie mitbringen und an dem sie ihn als Regisseur teilhaben lassen.

Veit Arlt wurde 1979 in Burkina Faso geboren, weil seine Mutter als Kinderärztin, sein Vater als Tropenmediziner bei Impfeinsätzen in Afrika unterwegs waren. Er sagt, das Engagement seiner Eltern sei immer etwas Zentrales gewesen in der Familie und habe alle drei Kinder stark beeinflusst. Er selbst wählte einen künstlerischen Zugang zu sozialen Themen, wählte das Theater, nicht um von der Bühne herab ein großbürgerliches Publikum zu beschäftigen, sondern um mittendrin zu stehen und auf Augenhöhe mit allen Beteiligten, auch dem Publikum, zu verhandeln und zu agieren. Hildesheim war auf diesem Weg eine wichtige Station. Santiago de Chile ebenso, wo er Theaterpädagogik studierte und sich mit "Mime Corporel", einer Form intensiven Körpertheaters, beschäftigte. So entstanden unter seiner Mitwirkung später weniger Aufführungen als Installationen, "Spaziergänge", "Schlenderstudies".

Die Produktion mit den Methusalems ist kein Spaziergang. Text und Choreographie sind nicht mehr verhandelbar, und die vielstündigen Proben seit neun Wochen führen manchmal an die Ränder der Erschöpfung. Auch Veit Arlt selbst hat in dieser Arbeit eine Menge erfahren. Was er über ’68 bis dahin wusste, speiste sich vor allem aus "medialen Abbildern". Deshalb eröffneten ihm die Erzählungen der Zeitzeugen ganz neue, von persönlichen Haltungen geprägte und sehr viel differenziertere Möglichkeiten, auf diese Jahre zu blicken. Und weil die Methusalems sich aus verschiedensten Persönlichkeiten unterschiedlicher Herkunft, beruflicher Prägung und Erfahrung zusammensetzen, wird es auch nicht den einen Blickwinkel auf 1968 geben. Grundlage der Inszenierung wird ein Streitgespräch sein, nach dem Turbo-Pascal-Motto: Man kann zusammen besser nachdenken als alleine.
Premiere

Freitag, 11. Januar 2019, 20 Uhr, Kleines Haus.

Folgetermine: 25. Januar, 10. und 15. Februar.