Familie

Vera Stächelin ist Süddeutschlands erste Babylotsin

Anita Fertl

Von Anita Fertl

Mi, 16. Mai 2018 um 12:30 Uhr

Liebe & Familie

Ein Tag mit der Babylotsin Vera Stächelin, die am Lörracher St. Elisabethen-Krankenhaus Wöchnerinnen betreut.

Hinter jeder Tür, die sich nach einem Klopfen, einem vorsichtig ins Zimmer gestreckten Kopf und einem herzlichen Hallo auftut, wartet eine andere Überraschung. Auf dem Bett sitzt eine junge Mutter mit ihrem Baby im Arm und freut sich ganz offensichtlich, Besuch von Vera Stächelin zu bekommen. Denn: "Ich brauche Hilfe, alleine schaffe ich das nicht", wird sie später im Laufe des Gesprächs sagen – und damit ist sie bei Stächelin, Süddeutschlands erster Babylotsin, an der richtigen Adresse.

Die Babylotsin führt Eltern durch ihre ersten Wochen

Dabei ist der Ausdruck Babylotsin etwas irreführend. Denn natürlich zeigt Stächelin nicht den Babys den richtigen Weg, sondern sie ist quasi die Hebamme für eine funktionierende Elternschaft, hilft Mama und Papa, ihre Ängste vor Überforderung abzubauen: Stächelin, eine studierte Sozialarbeiterin, lotst Eltern durch das Antragsdickicht, berät zu Geburtsurkunden und Kindergeld, vermittelt Haushaltshilfen und Hebammen und fungiert so als Schaltstelle zwischen jungen Familien und den Institutionen. Diese Dienstleistung ist für Eltern freiwillig und kostenlos. Das Ziel: Entlastung und Hilfe, damit Krisen überhaupt nicht erst entstehen.

Nach Krise sieht es im Zimmer 211 nicht aus. Das Baby gluckst und freut sich auf seine Mahlzeit, während Mama Kira Magoro* auf Nachfrage von Stächelin, ob es mit der Wohnung geklappt hätte, vom morgigen Besichtigungstermin erzählt. Die ursprünglich in Frankfurt lebende Frau war bei einem Besuch bei der Schwester von der Ankunft ihrer Zwillinge überrascht worden und hat im Lörracher St. Elisabethen-Krankenhaus entbunden. Am liebsten würde die Alleinerziehende ohnehin in Lörrach und in der Nähe ihrer Familie wohnen. Doch ob das klappt, hängt vom Besichtigungstermin ab. "Ich kann Ihnen gerne meine Karte dalassen. Dann besprechen wir uns hinterher", bietet Stächelin an. Erst wenn klar ist, wo die junge Familie wohnen wird, kann eine Unterstützung für den Haushalt und die Babys organisiert werden.

Nach dem Besuch geht es schnell ins Schwesternzimmer, wo sich Stächelin Notizen macht, denn während des Gesprächs will sie ganz auf die Familien fokussiert sein. Dort startet Stächelin auch ihre morgendliche Besuchstour. Es herrscht geschäftiges Wuseln. Das Telefon klingelt, Schwestern stehen und sitzen über Papieren, eine weitere rollt einen Medikamentenwagen herein. Ein gegenseitiges Hallo. Stächelin zieht einen Stuhl heran und geht mit der diensthabenden Stationsschwester ihre Liste durch: Frau Schmid*, auf Station mit dem zweiten Baby, habe beim ersten Kind eine Wochenbettdepression gehabt, erzählt die Schwester. Das ältere Kind sei mit auf Station, weil der Vater auswärts arbeite, deshalb könne die Familie erst am Wochenende heim. Ob Stächelin dort besonders genau hinschauen könne? "Natürlich", Stächelin nickt. Und ob es etwas Neues von Frau Adamski* gebe, die doch kurz nach ihrer Entlassung mit einem Nierenproblem wieder eingeliefert worden sei? Die Babylotsin klärt kurz über die Diagnose auf und erzählt, was sich während ihres Krankenhausaufenthalts ereignet hat: Nach der Einlieferung der Mutter sei der Vater zu Hause mit dem kleinen Baby überfordert gewesen, habe es daraufhin abgegeben und sei dann selbst verschwunden. Momentan lebe das Baby bei einer Pflegefamilie, soll aber wieder zurück. Natürlich müsse vorher erst überprüft werden, ob die Familie das auch leisten könne.

Solche Fälle zeigen, wie wertvoll eine gute Vernetzung ist. Stächelin besucht, wenn irgendwie möglich, jede Wöchnerin mindestens einmal, fragt, wie es geht, hört zu. So hat die Babylotsin schon viele Verbindungen hergestellt – zu Schwangerenberatungsstellen genauso wie zu den Fachstellen Frühe Hilfen und den Familienzentren. Sie hat Kontakt zu Haushaltshilfen, Hebammen, zur Schuldner- und Drogenberatung, zum Jugendamt samt Unterhaltsstelle und zur Adoptionsvermittlung. Rund ein Zehntel ihrer Besuche absolviert Stächelin bei Wöchnerinnen, die unter Druck stehen, etwa weil sie psychisch krank sind, ungewollt schwanger wurden oder unter Armut, Flucht oder familiären Konflikten leiden. "Im besten Fall habe ich nur ein nettes Baby angeguckt", sagt sie.

Wieder draußen im Flur wirft die Babylotsin einen Blick auf ihre Liste: Wer wird entlassen? Wer wurde noch nicht besucht? Bis zu 20 Gespräche führt sie am Tag. "Eine der größten Herausforderungen ist die schiere Menge. Und die kurze Verweildauer", sagt sie. Ihr Job füllt sie aus, das merkt man. Sie mag Babys, die Offenheit und das Vertrauen, das ihr entgegengebracht wird. Und: "Ich kann wirklich helfen." Dank ihres präventiven und niederschwelligen Angebotes konnte sie schon vielfach Frauen unterstützen, bei denen sich im ersten Moment kein Hilfsbedarf vermuten ließ.

Stächelin klopft an die Zimmertür 207. Frau Ibori* ist wach, hat im Arm ein schlafendes Bündel, gibt freundlich Auskunft: Es sei anstrengend, sie lächelt müde. Aber ihr gehe es gut, mit dem Baby klappe auch alles, und ihr Mann kümmere sich um die Anträge. Obwohl sie erst zwei Jahre in Deutschland ist, spricht Ibori sehr gutes Deutsch. Erfahrungsgemäß seien es aber nicht nur Flüchtlinge, die Schwierigkeiten mit der Sprache hätten. Auch Italiener oder Osteuropäer, die schon eine Weile hier wohnen, tun sich schwer mit der deutschen Sprache, wird Stächelin später erzählen, die in solchen Fällen einen Dolmetscher dazuholen muss. "Dann wird es für mich schwierig, denn die Sprache ist mein Medium."
"Die Sprache ist mein Medium."
Die Babylotsin geht mit Ibori durch, ob alles Wichtige da ist: Die Babyeinrichtung zu Hause steht, aber eine Hebamme fehlt. "Brauche ich eine?", will Ibori wissen. Nicht zwingend, wenn es eine erfahrene Frau im Familienkreis gibt, wie bei Frau Ibori. Dann wird das Baby bewundert und Stächelin lässt ihre Karte da. Im Flur trifft sie zufällig eine Ärztin, die ihr schnell ein Attest in die Hand drückt, damit Frau Krüger* auch ihre Haushaltshilfe bekommt. In Zimmer 202 sitzt ein Elternpaar zusammen. Das Baby schläft im Bettchen und Stächelin sagt ihren Spruch. Alles sei in Ordnung, man brauche nichts, kommt es zurück, die Babylotsin verabschiedet sich freundlich. Inzwischen ist Herr Ibori* eingetroffen und hat im Schwesternzimmer nach der Babylotsin gefragt. Stächelin versorgt die Familie mit Informationen dazu, auf welche Leistungen sie Anspruch hat. Dann verabschiedet sie sich von den sichtlich erleichterten Eltern.

Meist ist die Babylotsin vormittags auf Station. Nachmittags wartet jede Menge Schreibtischarbeit auf sie: Dokumentieren, mit Ämtern korrespondieren, Anrufe beantworten – und nicht zuletzt für ihre Arbeit und um Spenden werben. Ende des Jahres läuft ihre Anschubfinanzierung aus. Deshalb sucht Stächelin für sich nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten. Weder auf politischer Ebene noch auf Behördenseite gibt es bislang eine klare Zuständigkeit. "Bisher fühlt sich keine Stelle verpflichtet, eine Regelfinanzierung für das Programm bereitzustellen", sagt sie. Alles ist im Schwebezustand.

* Name von der Redaktion geändert
Das Programm Babylotse

Initiiert hat das Programm Babylotse die Stiftung "See You" des Katholischen Kinderkrankenhauses Wilhelmstift in Hamburg, um Familien zu helfen, das neue Leben mit Kind zu gestalten. Mittlerweile beschäftigen 31 Kliniken in Deutschland Babylotsen. Die Einführung der Babylotsin als "überörtlich bedeutsames Modellprojekt der Frühen Hilfen" im Lörracher St. Elisabethen-Krankenhaus 2016 konnte dank einer Anschubfinanzierung der Aktion "Deutschland rundet auf", vor allem aber durch die Bundesinitiative Frühe Hilfen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend umgesetzt werden. Letzteres rief, alarmiert durch Fälle von Vernachlässigung und Misshandlung, 2007 das Nationale Zentrum Frühe Hilfen ins Leben. Weitere Infos stehen unter www.babylotse.de

Fallzahlen 2017

Mit 2.347 Geburten im Jahr 2017 rückt das Lörracher St. Elisabethen-Krankenhaus unter die Top Ten der baden-württembergischen Geburtskliniken. Im Rahmen des Anmeldegesprächs füllen Schwangere einen Anhaltsbogen aus, der den Beratungsbedarf abfragt. Insgesamt 296 Frauen, und damit mehr als zwölf Prozent der Gebärenden, gaben an, erhöhten Belastungen ausgesetzt zu sein. Darüber hinaus machte Babylotsin Vera Stächelin dank persönlicher Gespräche weitere 333 Wöchnerinnen mit Beratungsbedarf aus, die ohne ihre persönliche Vorsprache nicht erreicht worden wären. Weitere Informationen im Internet: www.elikh.de/babylotsin.html