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12. Januar 2011

Interview

Verleger Manuel Herder über den Papst: "Ein großer Denker"

Der Freiburger Herder Verlag hat ein erfolgreiches Jahr hinter sich gebracht. Im BZ-Interview blickt Manuel Herder zurück - wobei der Coup mit den Interviews von Benedikt XVI. im Mittelpunkt steht.

  1. Hat Grund zu guter Laune: Manuel Herder vor dem Verlagsgebäude Foto: bz

Der Freiburger Herder Verlag hat ein erfolgreiches Jahr hinter sich gebracht. Nicht nur altgediente Politiker finden sich mit ihren Memoiren im Programm des theologisch orientierten Hauses zunehmend gut aufgehoben. Den größten Coup landete das Traditionsunternehmen mit den Interviews von Benedikt XVI. Im Gespräch mit Bettina Schulte erweist Manuel Herder dem Papst die Reverenz.

BZ: Herr Herder, ich muss Sie nicht fragen, was für den Verlag das herausragende Ereignis des vergangenen Jahres war.
Herder: Wir durften den Gesprächsband zwischen Benedikt XVI. und Peter Seewald verlegen. Wir haben uns aber nicht nur über diese Auszeichnung gefreut, sondern auch über die Tatsache, dass ein Papst überhaupt ein solches Buch zulässt. Dass er nicht, wie bisher üblich, eingereichte Fragen schriftlich beantwortet, sondern persönlich mit einem Journalisten diskutiert und völlig frei auf dessen Fragen antwortet. Hier hat nicht der vatikanische Apparat gesprochen, sondern Benedikt XVI. Und nicht eine Kommission hat diesen Text freigegeben, sondern der Papst höchstpersönlich. Man erkennt daran seine Freude am Dialog.

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BZ: Er ist der erste Papst, der den direkten Weg wählt?
Herder: Ja, das Buch "Licht der Welt" ist eine völlig neue Form der Kommunikation eines Papstes mit der Kirche und ihren Mitgliedern. Natürlich gibt es auch in Buchform veröffentlichte Interviews mit Johannes Paul II. Aber diese sind auf Basis schriftlich eingereichter Fragen entstanden, die den bisherigen Gepflogenheiten gemäß in Abstimmung mit den zuständigen Stellen im Vatikan beantwortet wurden. Aber es gab noch nie ein Buch, in dem ein Papst eigenständig im Dialog mit einem Journalisten Rede und Antwort stand.

BZ: Warum durfte gerade Herr Seewald dem Papst so nahe kommen?
Herder: Peter Seewald ist Autor unseres Buches "Die Schule der Mönche". Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, hat er schon früher einige Interviews mit Kardinal Ratzinger geführt, woraufhin zwei Interviewbände veröffentlicht wurden. Das Buch "Licht der Welt" steht also in einer gewachsenen Tradition.

BZ: Hat es Sie geärgert, dass die Kondom-Frage, die ja nur ein Teilaspekt des Buches ist, von den Medien so hoch gespielt wurde?
Herder: Weder geärgert noch überrascht. Medien sind, wie sie sind, und sie folgen gewissen Ritualen.

BZ:
Wird die Lektüre des Buches dadurch nicht beeinträchtigt? Muss man sich dem Buch nicht auf einer breiteren gedanklichen Basis nähern?
Herder: Das Faszinierende an Joseph Ratzinger ist, dass er ein ganz eigenständiger Denker ist. Er ist ein akribischer Wissenschaftler und ein Visionär, ein Vorausdenker. Daher scheitern alle Versuche, ihn in eine Schublade zu packen. Wenn man seine Literatur anschaut und seine Begabung erkennt, aus der Fülle der Geschichte von Kirche und Welt, aus der Musikgeschichte, der Kunstgeschichte und natürlich aus dem Fundus der philosophischen und theologischen Literatur der letzten zweitausend Jahre das Wichtigste für uns Menschen heute herauszuarbeiten, dann erkennt man in Joseph Ratzinger einen der großen Denker der Gegenwart. Das Buch "Licht der Welt" eröffnet viele solcher Einblicke in das Denken von Papst Benedikt XVI.

BZ: Die Rechte an dem Buch liegen beim Vatikan-Verlag. War es von vorneherein klar, dass Herder die deutsche Ausgabe verlegt, dass also kein anderer Verlag dafür in Frage kommt?
Herder: Der Vatikan-Verlag, die Libreria et Editrice Vaticana, vergibt die Rechte für den deutschen Sprachraum. Die Besonderheit bei den Texten von Benedikt XVI. ist natürlich, dass das Originalwerk zunächst auf Deutsch vorliegt. Es dürfte im deutschen Sprachraum keinen Verlag geben, der mit theologischer Literatur so viel Erfahrung hat wie wir. Ein Autor kann sich auf die Gründlichkeit unseres Lektorats verlassen. Ein Schweizer Gardist sagte einmal zu einem unserer Lektoren: "Ich glaube, Sie sind der einzige, der dem Papst von Berufs wegen widersprechen darf."

BZ: Sie haben andere Aufsehen erregende Titel im letzten Jahr veröffentlicht, darunter eine Reihe von Politikermemoiren und Kirsten Heisigs Buch "Das Ende der Geduld". Wie kam dieses Manuskript zu Ihnen?
Herder: Der Verlag ist programmatisch nah an den Problemen unserer Gesellschaft. Der Paradigmenwechsel ist viel größer, als er von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Wir haben es uns zum Ziel gemacht, diese Veränderungen kritisch zu begleiten und sind dabei auf der Suche nach Persönlichkeiten, die aufzeigen, was sich jenseits der Talkshow-Gesellschaft verändert. Die Jugendrichterin Kirsten Heisig beschreibt die gewandelte Realität in Neukölln sehr konkret. Ihr Buch war 2010 nach dem von Thilo Sarrazin das meistverkaufte Sachbuch im deutschen Sprachraum.

BZ: Welchen Paradigmenwechsel meinen Sie?
Herder: Wir haben einen generativen Paradigmenwechsel, hin zu einer Gesellschaft mit vielen Alten und wenigen Jungen. Das wird stark mit Blick auf die Alten diskutiert. Notwendig wäre es aber, sich auch mit den jungen Menschen zu beschäftigen. Sie gründen Familien nicht in dem Maß, wie es für eine ausgewogene demografische Entwicklung notwendig wäre. Viele können es nicht, weil junge Menschen vom Arbeitsrecht diskriminiert werden. Sie müssen sich von einem Praktikum zum nächsten hangeln, werden befristet eingestellt und sind die ersten, die bei betriebsbedingten Kündigungen zu entlassen sind. Das ist nicht nur ungerecht, sondern komplett falsch. Wie sollen junge Menschen unter diesen Voraussetzungen eine Familie gründen? Auch in der sogenannten Integrationsdebatte läuft vieles verquer.

BZ: Wie reagiert der Verlag darauf?
Herder: Anstatt über betroffene Menschen zu reden, geben wir ihnen ein Forum für ihre Erfahrungen. Zum Beispiel die Lehrerin Betül Durmaz in ihrem Buch "Döner, Machos und Migranten". Oder Fadi Saad, "Der große Bruder von Neukölln". Saad ist Berliner arabischer Herkunft. Er war Mitglied in einer Jugendgang und hat eine Entwicklung durchlebt von Schlägerei bis Intensivstation, von Polizei bis Jugendgericht. Dann wandelte er sich und wurde Streetworker.

BZ: Politiker fühlen sich offenbar von Ihnen auch sehr gut betreut. Wie kommt’s?
Herder: Politiker sind auf das Medium Buch angewiesen, weil der Medienbetrieb ihre Aussagen nur verkürzt wiedergeben kann und will. Nehmen Sie das Buch von Wolfgang Clement und Friedrich Merz. Hier reden zwei Politprofis Tacheles, was zu tun ist – so lautet der Titel. Das gilt auch für Angela Merkels "Machtworte", eine Zusammenstellung von herausragenden Reden der Bundeskanzlerin. Und mit Lothar de Maizière und Franz Josef Jung haben wir zwei Autoren, die die Wiedervereinigung aus der Ost- und der Westperspektive zeigen. Spannend finde ich, wie beide die Begegnung mit dem jeweils anderen am Nachmittag des 9. November 1989 beschreiben.

BZ: Wie viele Bestseller hatten Sie 2010?
Herder: Auf den ersten 20 Plätzen der "Spiegel"-Bestsellerliste waren wir mit Heisig, Käßmann, Clement/Merz und natürlich mit Benedikt XVI. Roland Koch und Stephanie zu Guttenberg gelangten auf die Top-50 dieser Liste.

Autor: Bettina Schulte