Versicherer Allianz und Munich Re am Kohle-Pranger

Thomas Magenheim

Von Thomas Magenheim

Do, 08. Februar 2018

Wirtschaft

Beide Firmen versichern polnische Kohlekraftwerke und Kohleminen / Kritik von Umweltschützern.

MÜNCHEN. Die großen deutschen Versicherungskonzerne Allianz und Munich Re tun sich als Klima-Mahner hervor. Zugleich versichern sie Kohlekraftwerke, speziell in Polen.

Die Kohleindustrie verschmutzt die Umwelt wie kaum eine zweite, und sie heizt den Klimawandel durch die von ihr emittierten Schadstoffe gefährlich an. Die Vereinten Nationen werben deshalb für ein Neubauverbot von Kohlekraftwerken. Vor allem große Industrieländer haben sich vorigen November unter Führung von Kanada und Großbritannien zu einer Anti-Kohle-Allianz zusammengeschlossen. Aber nicht nur glänzt Deutschland dabei durch Abwesenheit. Große deutsche Versicherer sind derzeit zudem an führender Stelle dabei, in Polen für den EU-weit größten Ausbau nationaler Kohleindustrie zu sorgen. Das meint zumindest eine internationale Kampagne von Nichtregierungsorganisationen (NGO).

Speziell Allianz und Munich Re stellen sie an den Pranger. Das ist insofern überraschend, als man beide Branchenriesen bislang eher im Lager der Klimaretter verorten durfte. Die Munich Re warnt seit Jahrzehnten wie kein anderer Konzern weltweit vor den Folgen des Klimawandels. Die Allianz hat 2015 in einem viel beachteten Schritt Kohlefirmen aus ihrem Investitionsportfolio ausgeschlossen und damit Maßstäbe in Sachen Klimaschutz in der Assekuranz gesetzt.

Beide versicherten aber in großem Stil den Ausbau der polnischen Kohleindustrie, kritisiert die Umweltorganisation Urgewald. Sie ist auf deutscher Seite an der Kampagne beteiligt. "So unterstützt der selbsternannte Klima-Vorreiter Allianz ausgerechnet die größte Kohle-Expansion Europas", sagt Urgewald-Kampagnenleiterin Regine Richter. Schizophren findet sie auch, dass die Munich Re nach vielen selbsterstellten Studien zu den massiven Folgen des Klimawandels den polnischen Drang nach Kohle per Versicherungspolicen bedient.

Die Vorwürfe sind nicht aus der Luft gegriffen. Polens Kohleindustrie rüstet derzeit wie keine zweite in der EU mit Neubauten von Kohlekraftwerken und dem Ausbau von Kohleminen auf. Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von gut zehn Gigawatt sind geplant, ein Drittel davon bereits im Bau. Neue Minen für insgesamt über eine Milliarde Tonnen Braunkohle sollen erschlossen werden. Ohne begleitende Versicherungspolicen wäre das nicht möglich, argumentieren die Nichtregierungsorganisationen.

Die Allianz bestreitet das nicht. Munich Re verweist auf ihre Tochter Ergo und deren polnischen Ableger Ergo Hestia. Der war 2017 maßgeblich an den überraschend guten Ergo-Geschäften beteiligt, hatte Munich Re-Finanzchef Jörg Schneider jüngst erklärt. "Wir prüfen derzeit unser Engagement", sagt Ergo darüber hinaus zu den Vorwürfen. Ob damit die Versicherung polnischer Kohlekonzerne auf den Prüfstand gestellt wird, ließ eine Ergo-Sprecherin ausdrücklich offen.

Weniger wortkarg ist die Allianz. Man investiere zwar als Kapitalanleger nicht mehr in die Kohleindustrie, halte aber einen generellen Rückzug aus der Branche als Versicherer nicht für richtig, erklärte der Konzern. "Daher werden wir auch in Zukunft Energie- und Bergbauunternehmen versichern", stellt die Allianz klar. Allerdings werde jedes einzelne Projekt seit 2014 auf Umwelt- und Sicherheitsstandards genau geprüft. Zudem habe die Allianz als Investor bislang 4,6 Milliarden Euro in erneuerbare Energien wie Wind- und Solarparks gesteckt und engagiere sich auch so gegen Klimawandel.

Letzteres zeige nur, wie widersprüchlich das Verhalten des Versicherungskonzerns sei, finden die NGO. Der Ausbau der polnischen Kohleindustrie würde das Klima auf Jahrzehnte belasten. Konkurrierende Versicherer wie die französische Axa seien bereits aus der Versicherung von Kohlekonzernen ausgestiegen oder hätten einen solchen Schritt beschlossen. Allianz und Munich Re müssten folgen.