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01. Oktober 2009
Verunsicherte Patienten
Unter den 770 Menschen mit möglicherweise fehlerhaften Hüftgelenken herrscht große Aufregung.
Eine halbe Stunde nach Beginn der Vorträge standen sie immer noch draußen, ohne Chance, noch in den übervollen Saal im "Roten Bären" zu kommen: Frauen und Männer, denen ein möglicherweise fehlerhaftes Hüftgelenk eingesetzt wurde (die BZ berichtete), und die jetzt wütend, ängstlich, ratlos sind. Wie sehr, zeigte der Ansturm auf die Infoveranstaltung der Anwälte Dirk Liebold und Sascha Berst und des Orthopäden Edwin Feil am Dienstagabend.
Im Sommer erfuhren 770 Patienten des Lorettokrankenhauses, dass sie vielleicht eine fehlerhafte Hüftprothese bekommen haben. Jetzt sind viele von ihnen hier: Anfangs standen bis zu 40 Leute enttäuscht draußen, schätzt eine Frau. Sie hat mit ihrem Mann länger ausgeharrt, immer wieder in Gespräche verwickelt. Gesprächsbedarf haben alle, die draußen genauso wie rund 120 weitere Menschen drinnen, die eng nebeneinander sitzen, teilweise auch stehen oder sich auf dem Boden niedergelassen haben. Während der Anwalt Dirk Liebold Ansprüche auflistet, die Patienten gegenüber dem verantwortlichen Zimmer-Konzern bei Konstruktionsfehlern haben, wird bei aufgeregten Debatten draußen klar, welche Schicksale hinter dem ungeklärten "Prothesen-Skandal" stehen: Ein Mann, der 2004 ein zweites Hüftgelenk bekam, ist mittlerweile zudem – unabhängig von seinen Hüftproblemen – an Leukämie erkrankt. Ein schwieriges Jahr mit Chemotherapien hat er hinter sich. Als er erfuhr, dass seine Hüftschmerzen wahrscheinlich an einem Fehler seiner Prothese mit dem Namen "Metasul LDH/Durom" liegen, war er so schockiert, dass er tagelang nichts mehr essen konnte.Werbung
Nun soll er im Januar operiert werden – "wenn keine neue Chemotherapie dazwischen kommt", sagt seine Frau zweifelnd. Und was wird nach der Operation sein? "Was soll ich tun, wenn ich danach im Rollstuhl sitze?", ruft eine andere Frau hektisch. Das war ihr erster Gedanke, als sie durch einen Brief des Lorettokrankenhauses erfuhr, dass ihre Probleme beim Bücken und bei anderen Bewegungen möglicherweise einen sehr unerfreulichen Grund haben. Sie lebt allein, hatte damals niemanden, mit dem sie reden konnte – als sie später einen Termin im Loretto-Krankenhaus hatte, saß sie danach eine Viertelstunde weinend vor der Klinik. Auch das Vertrauen in Ärzte hat gelitten, selbst wenn sie wohl keine Schuld trifft: "Man fragt sich schon, ob sie ihr Material nicht gründlicher kontrollieren können", sagt eine Frau skeptisch.
Überrascht von so vielen Ratsuchenden sind die Referenten. Zur Gründung einer Selbsthilfegruppe kamen kürzlich 60 Menschen, an diesem Vortragsabend ist die Zahl doppelt so hoch. Beruhigend: Die Verjährungsfrist, innerhalb der Schäden bei der Firma – die derzeit jeden Fehler dementiert – angezeigt werden können, läuft bis zum 31. Dezember 2012.
Autor: Anja Bochtler
