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Viertes Opfer des Straßburg-Anschlags gestorben – Polizei sucht Komplizen

Julia Naue und Christian Böhmer  und Bärbel Nückles

Von Julia Naue und Christian Böhmer (dpa) und Bärbel Nückles

Fr, 14. Dezember 2018 um 11:40 Uhr

Straßburg

Die Polizei hat den mutmaßlichen Straßburg-Attentäter Chérif Chekatt am Donnerstagabend getötet. Am Freitag starb ein weiteres Opfer. Derweil suchen die Ermittler nach möglichen Komplizen.

Update: Ein viertes Opfer des Angriffs auf den Straßburger Weihnachtsmarkt am Dienstagabend – ein 36-Jähriger – ist am Freitag seinen Verletzungen erlegen. Ein weiteres ist hirntot. Vier Verletzte konnten das Krankenhaus noch immer nicht verlassen.

Nach dem Tod des mutmaßlichen Straßburger Attentäters Chérif Chekatt sind sieben Menschen in Polizeigewahrsam. Dabei handele es sich um vier Familienangehörige und drei der Familie nahestehende Personen, sagte der Staatsanwalt von Paris, Rémy Heitz, am Freitag in Straßburg. Zwei von ihnen seien in der Nacht auf Freitag festgenommen worden.

Chérif Chekatt starb in dem Viertel, in dem er schon kurz nach der Tat vermutet wurde. Zwei Tage lang hatte der mutmaßliche Straßburger Attentäter die französische und deutsche Polizei in Atem gehalten. Hunderte Polizisten suchten im deutsch-französischen Grenzgebiet nach dem Mann, der in der weihnachtlichen geschmückten Straßburger Innenstadt das Feuer auf Menschen eröffnet hatte.

Am Donnerstagabend machten drei Polizisten den mutmaßlichen Attentäter auf einer Straße im Stadtteil Neudorf aus. Sie wollten ihn verhaften, der 29-Jährige eröffnete das Feuer. Sekunden später war er tot - getötet von den Polizisten. Er starb wie seine Opfer - auf einer Straße in Straßburg.

Der französische Innenminister Christophe Castaner schilderte das Geschehen nur gut eine Stunde später bei einem kurzfristig einberufenem Pressestatement. "Ich denke an Straßburg, ich denke an Frankreich, das durch diesen Angriff verwundet wurde."

Drei Menschen haben bei dem blutigen Terroranschlag ihr Leben verloren. Ein Tourist aus Thailand, der gerade erst in der "Weihnachtshauptstadt", wie sich Straßburg selbst nennt, angekommen war. Ein Franzose, der vor einem Restaurant auf seine Familie wartete. Ein Mann, der vor Jahren vor dem Krieg in Afghanistan geflohen war - er soll vor den Augen seiner Familie erschossen worden sein, wie die Regionalzeitung "Dernières Nouvelles d’Alsace" schreibt.

Ein weiteres Opfer ist hirntot, die Hirnfunktionen sind unwiderruflich ausgefallen. Nur mit Maschinen kann das Opfer noch am Leben gehalten werden. Zahlreiche Menschen wurden verletzt. Zeugen berichteten, der Angreifer habe "Allahu Akbar" (Allah ist groß) gerufen.
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Für das in den letzten Jahren von Terror gezeichnete Frankreich ist es eine weitere schmerzhafte Erinnerung daran, dass Terroristen überall und zu jeder Zeit zuschlagen können. "Es war nicht nur Frankreich, das getroffen wurde - eine französische Stadt, unsere Bürger -, sondern es war genauso eine große europäische Stadt, die vor einigen Tagen tödlich getroffen wurde", resümierte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

Nachdem der mutmaßliche Angreifer unschädlich gemacht wurde, dürfte in Straßburg wieder etwas Normalität einkehren. Der Weihnachtsmarkt ist wiedereröffnet worden. Der französische Innenminister Christophe Castaner und der Straßburger Bürgermeister Roland Ries gingen am Freitagvormittag über den Markt in der Innenstadt und sprachen mit Verkäufern und Besuchern. Der Platz wurde abgesichert von Polizei und Soldaten. Hunderte Menschen kamen am Vormittag zur Eröffnung und schlenderten über den Markt. An den Buden konnte man wieder Glühwein und Essen kaufen.

In den vergangenen Tagen herrschte in der Stadt am Rhein Ausnahmezustand. Die nur wenige Kilometer vom Zentrum entfernte Grenze nach Deutschland wurde scharf kontrolliert. Erst am Nachmittag gab es einen Polizeieinsatz in Neudorf, Dutzende Polizeiwagen standen auf der Straße. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte sicherten das Gebiet, Blaulicht überall. Nur wenige Stunden später war das Viertel nahe der Innenstadt wieder Schauplatz des Geschehens.

Dort hatte sich der mutmaßliche Täter bereits unmittelbar nach dem Anschlag am Dienstagabend mit einem Taxi absetzen lassen und war danach verschwunden. Menschen sollten das Viertel schon kurz nach der Tat auf Geheiß der Sicherheitskräfte meiden.



Chekatt habe dort am Donnerstag eine Frau angesprochen, berichteten mehrere Medien. Diese habe bemerkt, dass der Mann verletzt gewesen sei und daraufhin die Sicherheitskräfte alarmiert. Der Sender BFMTV zeigte auch ein Foto, auf dem der getötete Chekatt zu sehen sein soll. Seine Leiche liegt auf dem Bürgersteig, teils in einer Art Hauseingang.
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Nur kurze Zeit später sicherten Menschen in weißen Schutzanzügen den Tatort vor dem Haus Nummer 74 in der Rue de Lazaret. Dutzende Polizeifahrzeuge standen dort, ein Hubschrauber kreiste in der Luft.

"Dieser Terrorist" ist tot, versicherte Straßburgs Bürgermeister Roland Ries mit trotziger Stimme am Abend. Fast gleichzeitig reklamierte die Terrormiliz Islamischer Staat den Terroranschlag für sich. Chekatt sei ein Soldat des IS gewesen.

Mit Chekatts Tod endet nun nicht nur die Jagd der Polizei, sondern auch eine bemerkenswerte kriminelle Karriere. Mit 13 Jahren wurde er das erste Mal verurteilt, er saß etliche Male wegen Einbrüchen im Gefängnis in Frankreich und Deutschland. Dort soll er sich radikalisiert haben. Deutsche Behörden bescheinigten ihm bereits vor zwei Jahren: "Von Ihnen geht auch eine konkrete Gefahr neuer Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung aus."

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