Neuer Rekord beim Windstrom

Volle Kraft voraus

Bernward Janzing

Von Bernward Janzing

So, 09. Dezember 2018 um 20:08 Uhr

Wirtschaft

Zeitweise deckten die Windanlagen am Samstag 80 Prozent des deutschen Stromverbrauchs.

Das Sturmtief Marielou hat Deutschland am Wochenende einen markanten Windstromrekord beschert: Erstmals in der Geschichte erzeugten die Windkraftanlagen an einem Tag mehr als eine Milliarde Kilowattstunden. Zum Vergleich: Die Atomkraft in Deutschland kommt an einem durchschnittlichen Tag auf etwa 200 Millionen Kilowattstunden, die Braunkohle auf 400 Millionen, die Steinkohle auf 250 Millionen.

Nach den Zahlen der Bundesnetzagentur wurden am Samstag 898 Millionen Kilowattstunden Windstrom an Land und 106 Millionen in den deutschen Seegebieten erzeugt. Die Leistung der Anlagen an Land überschritt am Samstag zeitweise die Marke von 40 Gigawatt, was der Leistung von etwa 40 konventionellen Großkraftwerken entspricht. Auf See kamen weitere vier Gigawatt Windstrom hinzu. Der Windstromanteil reichte am Wochenende in manchen Stunden an den Wert von 80 Prozent des deutschen Stromverbrauchs heran.

Aufgrund der ebenfalls windigen Vortage war die zurückliegende Woche mit mehr als vier Milliarden Kilowattstunden die windstromreichste des Jahres – die Windkraft erzeugte auf Wochensicht mehr Strom als Atommeiler und Kohlekraftwerke zusammen.

Deutlich zeigte sich in diesen Tagen, wie wenig die trägen Atomkraftwerke und die schwankenden erneuerbaren Energien inzwischen zusammenpassen. Während die Erdgas- und Steinkohlekraftwerke angesichts des Windangebots zeitweise auf einen Sockelbetrag von nur noch fünf Prozent ihrer Leistung gedrosselt wurden, und auch die schon deutlich schwerfälligeren Braunkohleblöcke ihre Erzeugung immerhin auf ein Viertel reduzierten, liefen die Atomkraftwerke noch mit zwei Drittel ihrer Leistung weiter. Angesichts des hohen Stromangebots sanken die Preise im Großhandel, am Spotmarkt der Strombörse, an dem kurzfristig Strommengen gehandelt werden, in den Nachtstunden zeitweise ins Negative.

Windstromproduktion schwankt stark

Die Notwendigkeit einer weiteren Flexibilisierung der konventionellen Stromerzeugung stellt die Stromwirtschaft weiterhin vor große Herausforderungen. Denn in manchen Zeiten trägt die Windkraft kaum messbar zur Erzeugung beiträgt. Der niedrigste Tageswert im Jahr 2018 betrug gerade 30 Millionen Kilowattstunden. Dafür müssen weiterhin ausreichend Kraftwerke zur Verfügung stehen, die dann einspringen.

Weil die fossilen Kraftwerke somit immer mehr zu Reservekraftwerken werden – Anlagen, die rund um die Uhr Volllast laufen, sind schon heute nicht mehr systemgerecht – dürfte der Kohlendioxid (CO2)-Ausstoß der Stromwirtschaft auch in diesem Jahr weiter zurückgehen. Nach den bisherigen Daten wird die Stromerzeugung aus fossilen Energieträgern in Deutschland in diesem Jahr abermals um rund fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr schrumpfen. Die CO2-Emissionen pro Kilowattstunde im deutschen Strommix dürften damit auch 2018 weiter zurück gehen. Sie sind bereits von 764 Gramm zur Zeit der Wiedervereinigung auf 489 Gramm im Jahr 2017 gesunken. 2018 könnten sie je nach dem, wie windig die kommenden Wochen werden, auf einen Tiefststand von etwa 470 Gramm sinken.

Die erneuerbaren Energien, die im vergangenen Jahr bereits 36 Prozent des deutschen Stromverbrauchs abdeckten, lagen in den ersten drei Quartalen 2018 bereits bei rund 38 Prozent. Da die deutschen Kohlekraftwerke in diesem Jahr weniger zum Einsatz kamen als in den Vorjahren – was auch an den gestiegenen Preisen für Kohlendioxid im Emissionshandel liegen dürfte – deutet sich an, dass der Stromexportüberschuss 2018 leicht zurückgehen könnte. Er ist seit Jahren ständig gestiegen und hatte 2017 mit 55 Milliarden Kilowattstunden einen neuen Rekord erreicht.