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06. April 2013

TV Bühl

Georgios Vlachojannis: Der griechische Asterix

Georgios Vlachojannis hievt den TV Bühl unter die top Vier des deutschen Volleyballs.

BÜHL. Sie hängt an seinen Lippen, die Liebe zu seinen griechischen Wurzeln. Vorsichtig nippt Georgios Vlachojannis an einer Tasse mit griechischer Flagge, während er den Erfolg der Volleyballer vom TV Ingersoll Bühl erklärt. Und sie haben eine Menge Erfolg in diesen Wochen: Erstmals stehen die Schmetterkräfte aus der badischen Kleinstadt im Halbfinale um die deutsche Meisterschaft.

Nach dem vierten Platz in der Normalrunde der Bundesliga, punktgleich mit dem nationalen Branchenriesen VfB Friedrichshafen, schalteten die Bühler im Viertelfinale den Moerser SC aus. Am heutigen Samstag kommt der deutsche Meister aus Berlin zum zweiten Spiel der Halbfinalserie nach dem Modus Best of Five in die längst ausverkaufte Bühler Großsporthalle. Und auch wenn die Hauptstädter, die den ersten Vergleich an Ostern humorlos mit 3:0 gewannen, wohl eine Nummer zu groß sind – als Nummer vier in Deutschland haben die Bühler ein Ziel erreicht: die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb.

Der Bühler Aufstieg fußt maßgeblich auf der Geschäftstüchtigkeit seines Teammanagers: Als Georgios Vlachojannis vor neun Jahren beim TV Bühl die Abteilungsleitung übernahm, war der Verein gerade in die viertklassige Oberliga abgestiegen. "Wir hatten 50 Zuschauer, keine Sponsoren, es gab selbstgeschmierte Brötchen und lauwarmes Bier", sagt Vlachojannis rückblickend. "Ich hasse lauwarmes Bier." Gegen Berlin fließt der Gerstensaft für die 1700 Zuschauer in der vor sieben Monaten eröffneten Großsporthalle eisgekühlt und frisch gezapft.

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Im nächsten Jahr auf europäischer Bühne

Seine drei Fünfjahrespläne setzte Vlachojannis vorzeitig um: Für den Durchmarsch in die zweite Bundesliga benötigten die Bühler gerade zwei Jahre. Der Sprung in die höchste Klasse gelang drei Spielzeiten Jahre später. Und auch bei Vorhaben Nummer drei ging alles ein bisschen fixer: Die europäische Bühne, entweder CEV-Pokal oder Challenge Cup, werden die Zwetschgenstädter nach dem vierten Erstligajahr betreten.

Dabei will Vlachojannis das Umfeld nicht überfordern. Der 51-Jährige, der es als Zuspieler bis in die Oberliga brachte, setzt auf moderates Wachstum. Den Umzug in eine Arena nach Offenburg oder Karlsruhe lehnt er ab. "Bühl ist unsere Heimat", erklärt der gebürtige Odenwälder, der als Sohn eines volleyball-begeisterten Hochschulprofessors im Jahr 2000 aus beruflichen Gründen nach Bühl zog. "Warum soll ich die Bühler bestrafen und in eine stimmungslose Halle ziehen?"

Vielleicht hat Vlachojannis als Kind griechische Sagen gelesen. Auf jeden Fall aber Asterix: "Die Geschichte vom kleinen Schwarzwälder Dorf, das versucht, etwas aufzubauen" – so etwas fasziniert ihn. Vlachojannis betont den familiären Charakter des Vereins, Heimspiele seien ein "Come-Together, bei dem sich Opa, Oma, der Enkel und der Nachbar verabreden". Er weigert sich, die Homepage des Vereins nach dem Willen der Bundesliga-Vermarkter ganz auf die erste Mannschaft zuzuschneiden. Die Jugend, in Nordbaden im männlichen Bereich führend, sowie die anderen TVB-Teams seien genauso wichtig.

Im Argentinier Ruben Wolochin scheint Vlachojannis einen ebenso durchsetzungsfähigen wie kommunikativen Partner für die Trainerposition gefunden zu haben. Als "netten Diktator mit Zuckerbrot-und-Peitsche-Stil" beschreibt der Teammanager seinen Coach, der den Zehn-Nationen-Kader auf Englisch und mit klaren Vorgaben dirigiert. "Die vielen jungen Spieler bei uns brauchen Führung", ist Vlachojannis überzeugt. Viele junge Kräfte sehen trotzdem in Bühl ihre Chance: Marvin Prolingheuer verkümmerte in Moers auf der Bank. Bühl schmetterte der 22-jährige Diagonalangreifer gegen seine alten Teamkollegen in die Vorschlussrunde.

"Irgendwo zwischen Platz vier und sechs" will Vlachojannis auch in der nächsten Saison landen. Mehr lässt die Nische Bühl derzeit nicht zu. Ihr Etat, der unbestätigt im mittleren sechsstelligen Bereich liegt, macht wohl nur ein Viertel der Summen aus, die das Champions-League-Trio aus Berlin, Friedrichshafen und Haching verwaltet.

Für den Schritt nach Europa haben die Bühler Geldgeber, allen voran die Hauptsponsoren Ingersoll und LuK, ein Plus von zehn Prozent zugesagt. "Es ist ein täglicher Kampf", sagt Vlachojannis, der als Geschäftsführer einer Firma für Hydraulikelemente über gute Kontakte zur Wirtschaft verfügt. "Volleyball ist immer noch eine Randsportart." Doch Volleyball besitzt eine starke europäische Komponente, die die hellenische Phantasie beflügelt. Sein größter Traum sei es, "irgendwann einmal im Europapokal in Griechenland zu spielen", sagt Vlachojannis. Womöglich kann er schon im nächsten Jahr das Ticket nach Thessaloniki buchen.

Autor: Matthias Kaufhold