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16. Dezember 2011
Wahre Größe am Netz
Von Mäusen und Bären – wieso die 1844-Volleyballer zu den Spitzenteams der zweiten Liga zählen.
VOLLEYBALL. Einen wie Frederic Barth dürfte es im Volleyball gar nicht geben. Einer wie Frederic Barth fällt eigentlich durchs Raster in einer Sportart, bei der Jugendtrainer Zehnjährige bereits im Schnuppertraining nach der Körpergröße der Eltern befragen. Ähnlich wie im Basketball wird auch im Schmettersport nach dem Aschenputtel-Prinzip aussortiert: Die Großen in die Fördergruppe, die Kleinen, na ja, in die Warteschleife. Langer Lulatsch als Leitfigur. Einer wie Barth dürfte es mit seinen Einsachtzig deshalb niemals zum Diagonalangreifer bringen. Schon gar nicht in der zweiten Bundesliga bei 1844 Freiburg, das am Samstag den ungeschlagenen Tabellenführer VC Dresden zum Spitzenspiel erwartet.
Frederic Barth kennt diese Blicke von der anderen Netzseite, dieses herablassende Lächeln, mit dem gegnerische Hünen aus ihrem Zweimeter-Dasein die Einwechslung eines ihnen unbekannten Wesens würdigen: eines Hauptangreifers, der mit 1,80 Meter genau die Durchschnittsgröße eines Deutschen verkörpert – und deshalb in der Schmetterwelt der Riesen als Maus durchgeht.
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Die Maus behauptet sich keck mit Tom-und-Jerry-Attitüde: "Ich war ja schon immer der Zwerg", sagt der gebürtige Offenburger Barth, der zum Saisonbeginn vom Regionalliga-Absteiger USC Freiburg wenige Meter weiter in die Burdahalle wechselte. "Solche Blicke treffen mich nicht." Er begreift sie eher als Kompliment dafür, dass er trotz seines sportartspezifischen Kleinwuchses den Sprung in die zweite Bundesliga auf der Angriffsposition diagonal zum Zuspieler geschafft hat. "Als Jugendspieler habe ich nicht gedacht, dass ich mal so weit komme", bekennt der 23-jährige Pharmaziestudent.
Groß geworden ist Barth in der Talentschmiede des VC Offenburg. Weil es in seinem Jahrgang mit dem U-19-Beach-Weltmeister Marvin Klass und dem heutigen Nationalspieler Markus Steuerwald überragende Begabungen auf dem Doppelposten Außen/Annahme gab, verschlug es Barth in jene Rolle, die auch aus dem Hinterfeld für Angriffsdruck sorgen muss. In Offenburg war damals keiner richtig groß. Deshalb machte man aus der Not eine Tugend. "Mir wurde frühzeitig beigebracht, dass bloße Gewalt nicht immer zum Ziel führt", sagt Barth.
So hat sich Barth einen Bauchladen an Schlagvarianten zugelegt, um die gegnerische Abwehr zu überlisten: Rollerstops, Lobs, Longline-Hacker, Diagonal-Kracher und gezielte Bälle auf die seitliche Blockhand. Weil Barth über große Sprungkraft und einen schnellen Armzug verfügt, kann er viele Blockspieler auch aus geringer Abschlaghöhe überrumpeln.
Das klappt bislang so gut, dass sich Barth als Alternative zu Andreas Prein, der seit vielen Jahren den Hauptangriff bei 1844 besetzt, aufgedrängt hat. Spielertrainer Wolfgang Beck lobt "das gute Wechselspiel" zwischen den beiden. Weil der hoch abschlagende Linkshänder Prein ein ganz anderer Spielertyp ist als der schnellkräftige Barth, können sich die Gegner nur schwer auf die jeweilige Spielweise einstellen. Nicht zuletzt diese Flexibilität hat die Freiburger zwei Spieltage vor Ende der Hinrunde bis auf den dritten Tabellenplatz geführt.
Wahre Größe übersteigt plumpen Gigantismus. Das sieht auch David Landa so, der zweite Neuzugang, der den Freiburger Bundesligakräften in diesem Jahr mächtig auf die Sprünge hilft. Zwar verhehlt Landa nicht, dass ihm seine 1,99 Meter im Mittelblock ziemlich zugutekommen. "Doch wenn es um Körpersprache geht, musst du keine 2,10 Meter haben", sagt der 27-jährige Tscheche.
Körpersprache. Das ist es, was an dem mächtigen Rotschopf mit der Brikettfrisur gleich ins Auge fällt. Als natürliche Autorität mit Riesenpranke, großer Geste und stechendem Blick macht Landa seinen Mannschaftskollegen Beine, ganz abgesehen von seinem starken Service und den Schnellangriffen. "David ist ganz wichtig, weil er in unserem introvertierten Team andere mitreißen kann", erklärt Beck. Ein bisschen Kraftmeierei ist bei diesem Bär schon dabei. Die Ähnlichkeit zum irischen Wrestling-Idol Sheamus ("the celtic warrior") hat ihm von seinen Mitspielern den Spitznamen "the czech warrior" eingebracht.
Als offener Typ hat sich Landa in Freiburg schnell zurechtgefunden. Nach drei Jahren beim Schweizer Erstligisten VBC Sursee und zwei Spielzeiten beim TV Rottenburg II vermittelten 1844-Libero Jakob Schönhagen, der bereits in Rottenburg Teamkollege von Landa war, und Zuspieler Bernhard Steiert den Kontakt. Steiert lernte Landa auf einem Trainerlehrgang kennen. Als Trainer der Verbandsliga-Volleyballerinnen von 1844 ist Landa in diesem Jahr noch ungeschlagen.
Wahrscheinlich schätzt man auch unter Frauen seinen trockenen Humor. In seiner Heimatstadt Kladno, 20 Kilometer von Prag entfernt, musste er sich als Jugendlicher zwischen den Sportarten Basketball und Volleyball entscheiden. "Im Basketball muss man laufen", stellte Landa fest. "Das ist nicht so mein Ding." Im Volleyball reichen ihm meist zwei kurze Anlaufschritte, um Größe zu zeigen.
Autor: Matthias Kaufhold


