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12. Oktober 2011
Vom Huhn zum Adler
Teilnehmer der "Schreibwerkstatt" lesen Gedichte, Geschichten und Fragmente ihres Schaffens.
KENZINGEN-HECKLINGEN. Ein kreativer Ort ist das Dachgeschoss des Hecklinger Schlosses. Am Sonntagabend werden im großen Saal die neuesten Werke präsentiert: Fünf Teilnehmer der "Schreibwerkstatt" von Ann Ida Mueller lesen Gedichte, Kurzgeschichten und Fragmente ihres gemeinsamen Schaffens. Die musikalische Umrahmung gestaltet das Herbolzheimer Duo "Immoment", Sanne Liedtke (Harfe) und Bettina Schönemann-Lehre (Geige).
Am Anfang stand der VHS-Kurs "Schreiben im Schloss", den Mueller regelmäßig in ihrem Atelier veranstaltet. Nach dessen Ende wollten die Teilnehmer weiterarbeiten. Man traf sich noch ein halbes Jahr lang und beschloss, die geschaffenen Texte an die Öffentlichkeit zu bringen. Die Dichter und Lesenden sind Claudia Hellstern, Beate Krötzinger, Thomas Maurer, Ilse Schiff und Evelyne Waltersberger-Bürgelin. Geplant ist ein Wechselspiel aus klassischer und szenischer Lesung. Dabei wird ein dramatischer Text in verteilten Rollen vorgetragen. Im "Dialog zwischen Tisch und Bett" ist dies ein Duo aus Männer- und Frauenstimme, im "Vorstadtbahnhof" sind alle Teilnehmer als Sprecher beteiligt. Die Themen sind Philosophisches, Alltagswahrnehmungen und Beziehungen. Die literarische Umsetzung reicht von tiefgründig bis witzig.Werbung
Im Gespräch erläutert Kursleiterin Mueller ihre Arbeit: Schreibimpulse gibt die Lebensberaterin und Autorin durch Bilder, Musik oder bestimmte Stichworte – Techniken des aus den USA stammenden "Creative Writing". Durch lustvolles Experimentieren mit Sprache und Ausdrucksformen werde nach und nach der Selbstausdruck leichter, sagt Mueller. "Ich wollte immer schon mal schreiben, aber ich kann das nicht", dächten viele Menschen. Das Problem sei, diese Blockade aufzulösen. Ganz oft wird daher in ihrem Kurs auf Zeit geschrieben. Der Trick sei, so erläutert Mueller, ganz schnell hineinzukommen ins Schreiben – dem inneren Zensor keine Chance zu geben. Gar nicht lang überlegen, ist die Devise, einfach schauen, was kommt. Und das kann überraschend sein. Besonders spannend wird es beim gegenseitigen Vorlesen, groß ist oft das Staunen über sich selbst: "Hab ich das wirklich geschrieben? Bin das ich?"
So entdeckt manch ein Schreiber in sich Unerwartetes: "Ich wusste gar nicht, dass ich so abenteuerlustig bin", erzählt eine Teilnehmerin. "Ich habe begonnen vom scharrenden Huhn zum aufsteigenden Adler zu werden", beschreibt eine andere Frau ihr neues Lebensgefühl.
Ann Ida Mueller ist als Soziologin, Erziehungswissenschaftlerin und Lebensberaterin ein erfahrener Schreibcoach. Beim spielerischen Umgang mit Worten, so sagt sie, lassen sich Gedanken und Gefühle bestens ordnen. "Wahrnehmungstunnel öffnen", nennt dies Thomas Maurer, einziger Mann der Schreibrunde. Ins Zentrum ihrer Kurse stellt Mueller einen Satz des Dichters Albert Camus: "Mitten im Winter entdeckte ich in mir einen unbesiegbaren Sommer."
Autor: Ute Schöler
