Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

18. Februar 2010

Vom Leben unter Plastikplanen

Improvisieren, anstehen für Nahrungsmittel und die Suche nach Arbeit: Wie die Menschen in Haiti ihren Alltag bewältigen.

Die größten Trümmer sind beseitigt, die Leichen beerdigt. Von diesem Freitag an wird es wieder normale Linienflüge nach Port-au-Prince geben, tausende von US-Soldaten sind bereits wieder in die Heimat zurückgekehrt und haben den haitianischen Behörden die Verwaltung des Karibikstaates zurück übertragen. Aber auch einen Monat nach dem verheerenden Beben gleicht die haitianische Metropole einer auf Ruinen errichteten Zeltstadt, in der Improvisation und der tägliche Kampf ums Überleben den Rhythmus bestimmen.

Hunderte Nichtregierungsorganisationen (NRO) aus der ganzen Welt verteilen Hilfsgüter an die Obdachlosen und betreuen einen Teil der über 400 000 Verletzten. Inzwischen ist die Ausgabe von Essen und Medikamenten besser organisiert; die Helfer sind auch in weiter entfernte Gegenden vorgedrungen. Weil auch der Staat größtenteils zusammengebrochen ist und die Nahrung schon vor dem Beben knapp war, wird auf Haiti die Notversorgung durch ausländische Hilfsorganisationen länger dauern als üblich bei Naturkatastrophen – das Welternährungsprogramm (WEP) spricht von "mindestens bis Ende des Jahres". Zwei Millionen Menschen sind dem WFP zufolge von der Hilfe abhängig.

Werbung


Sorge macht den Experten der sanitäre Notstand. "Jeden Tag empfangen wir noch rund 600 Verletzte", sagt Alex Lassegue, Direktor der Universitätsklinik. "Aber es sind schon viel weniger als vor einem Monat, und die meisten überleben." Lassegue muss viel amputieren, Wundbrand und schlechte Erstversorgung machen radikale Schnitte nötig. Die Regierung hat derweil eine Impfkampagne gestartet – ein Wettlauf mit dem Klima, denn die Regenzeit, die in wenigen Wochen beginnt, hat sich schon mit vereinzelten Niederschlägen angekündigt. Die Feuchtigkeit wird die prekäre Hygienesituation in den Zeltlagern weiter verschlechtern, fürchten die Ärzte.

Die ohnehin schon schwache Wirtschaft Haitis ist seit dem Beben nahezu gelähmt. Fabriken und Geschäfte sind eingestürzt, Zehntausende haben ihre Arbeit verloren. Einige fischen Stahl aus den Trümmern. Das Anstehen um Hilfsgüter, vor Camping-Duschen oder Krankenzentren ist eine neue Routine für die über eine Million Obdachlosen, die nicht viel mehr retten konnten als ihre eigene Haut.

Zelte wird es nicht geben

Informationen über die nächste Essensausgabe und Debatten über das Leben unter Plastikplanen haben Eingang gefunden in den Alltag. "Diese Planen sind unpraktisch, wenn es regnet, kommt Wasser durch und verwandelt den Boden in Schlamm. Zelte wären besser", klagt Marie-Mona Destiron, während ihr Mann versucht, die Plane für die achtköpfige Familie an einem Bäumchen festzumachen.

Zelte wird es aber nicht geben, hat die haitianische Regierung beschlossen. Sie seien zu teuer und nähmen zu viel Platz weg. Die Planen müssten ausreichen, bis zur Fertigstellung der Wellblech-Notunterkünfte. In diesen sollen die Obdachlosen dann bis zu drei Jahre ausharren, bis die Stadt wiederaufgebaut wird. "Diese viele Umzieherei wird nicht ohne Probleme vonstatten gehen", fürchtet der UN-Gesandte für Humanitäre Fragen, John Holmes. Doch daran denkt Destiron jetzt nicht. Sie ist erst einmal glücklich, ein Plätzchen gefunden zu haben, wo regelmäßig Hilfsgüter ausgeteilt werden. Dass ihr Zeltplatz erdrutschgefährdet ist, ficht die Frau nicht an.

Die Kinder gehen schon wieder zur Schule, wenn auch meistens improvisiert auf Plastikstühlen unter Zeltplanen. Für die Erwachsenen gibt es weniger Ablenkung, sind die schrecklichen Erinnerungen an den 12. Januar präsent. Viele gehen zu Gottesdiensten unter freiem Himmel; die Kirchen sind zerstört und die Menschen fürchten, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Zehntausende kamen zu den Messen, die am Ende der einmonatigen Staatstrauer gelesen wurden. "Haiti wird besser werden, wir werden auferstehen aus Ruinen", sangen die Menschen wie zum Trotz vor dem zerstörten Präsidentenpalast.

Autor: Sandra Weiss