Vom Zeitgeist und von der Zeitlosigkeit

Sven Meyer

Von Sven Meyer

So, 31. Dezember 2017

Rock & Pop

Der Sonntag Lorde, St. Vincent oder Body Count?: Autoren von Der Sonntag stellen ihre CDs des Jahres 2017 vor.

Ein eigener Stempel, rauchige Melancholie oder Pop-Magie für die Ewigkeit: Autoren von "Der Sonntag" stellen Platten vor, die sie 2017 beeindruckt haben.

Das Wunderkind tauchte aus dem Nichts auf. Als Lorde ihr sagenumwobenes Debüt-Album "Pure Heroine" schrieb, war sie 15 Jahre alt. Unglaublich, wenn man sich die smarten Lyrics eines Songs wie "Tennis Court" anhört. Vier Jahre wartete die Musikwelt auf das Nachfolge-Album. In diesem Sommer meldete sich die junge Künstlerin, in der David Bowie die "Zukunft der Musik" sah, mit "Melodrama" zurück. Der Druck, der auf dem angeblich so verflixten zweiten Album lag, wog tonnenschwer. Die Neuseeländerin ließ sich nicht beirren. Mit Produzent Jack Antonoff entwickelte sie einen neuen Lorde-Sound: alles eine Spur schneller, mehr synthetische Beats, Dub Steps, insgesamt wuchtigere Soundflächen – in einigen Tracks blitzt gar Euphorie auf. Es ist ein Flirt mit dem glattgeleckten Mainstream à la Taylor Swift. Doch Lorde wäre nicht Lorde, wenn nicht in jedem Song ein cleverer Twist stecken würde. Es spricht für das Genie dieser Künstlerin, dass sie dem Zeitgeist stets ihren Stempel aufzudrücken vermag. Selbst ihre poppigsten Songs klingen wie nichts anderes in den Charts. Das liegt vor allem an der einzigartigen Stimme, die auf "Melododrama" noch einen Tick ausdrucksstärker klingt, spielerisch zwischen den Tonlagen wirbelt und in rauchiger Melancholie schwelgt. So wie bei der ganz und gar nicht rührseligen Liebeskummer-Ballade "Writer in the Dark". Pop-Magie für die Ewigkeit! Sven Meyer
Lorde, Melodrama, Universal

Um in die Auswahl eines Album des Jahres zu kommen, ist das Erscheinungsdatum Mitte Januar ein eher ungünstiger Termin. Wer erinnert sich noch im Dezember, welche Platten elf Monate zuvor erschienen sind? Wenige, es sei denn, ein Werk beeindruckt einen so sehr, dass es sich immer wieder in den Pop-Rinden des Gehirnes nach oben wühlt. Und zugleich dort tief hängen bleibt. Tiefer als ein Kendrick Lamar, dessen Platte auch 2017 den Maßstab im HipHop setzt. Tiefer als Protomartyr, die mit sich mit ihrem neuen Album endgültig als Speerspitze des Postpunk erweisen. Tiefer als Slowdive, die 22 Jahre nach ihrer Auflösung ein großartiges Comeback ablieferten. Und tiefer als all die Lordes/Thundercats/Drakes/WaronDrugs und/oder LauraMarlings dieser Popwelt, die sich zu Recht in den Bestenlisten dieses Jahres tummeln. Und doch bleibt vorne einer, über dessen Platte "Yesterday’s gone" der Rezensent einst geschrieben hat: "Wärmer, emphatischer, trauriger und trotzdem über alle Maßen lebensbejahender als dieses Debüt des 22-jährigen Loyle Carner aus East London war HipHop selten." Aber was heißt hier HipHop? Genausogut könnten die Genrebezeichnungen Jazz, Soul, Grime oder Dubstep über dem Album stehen. Denn damit unterlegt Carner seine Geschichten, die nicht von großen globalen Problemen, sondern von Familie und inneren Zusammenhalt erzählen. Fast wie ein Weihnachtsmärchen im Januar.
Carmelo Policicchio
Loyle Carner, Yesterday’s Gone, EMI

Annie Clark alias St. Vincent gilt als eine der kreativsten Gitarristinnen ihrer Generation und wird aufgrund ihrer Vorliebe für Masken und Rollen oft in die Nähe von David Bowie gerückt. Mit ihrem fünften Studioalbum Masseduction galt es, an den Grammy-gekrönten Vorgänger von 2014 anzuschließen. Mit Erfolg: Die Platte bescherte der 35-Jährigen die erste Top-Ten-Platzierung ihrer Karriere. Auf Masseduction (deutsch: Massenverführung) schreit alles Pop: Schrill wie das Plattencover, auf dem eine Frau mit leopardengemustertem Body, roten Lack-Stilettos und quietsch-pinken Leggins der Welt ihren Hintern entgegenstreckt, sind auch die 13 Titel. Neben 1980er-Jahre Plastik-Beats und verspielten Synthi-Sounds stehen gefühlvolle Piano- und Streicherpassagen, aggressive verzerrte Gitarren neben ätherischem Gesang. Ob sie von Jugendwahn ("Los Ageless"), Beziehungsklischees ("Sugarboy") oder Leistungsdruck ("Pills") singt: Textlich gibt sich Clark auf Masseduction ironisch und spitzzüngig. Intelligent und vielschichtig dürfte es 2017 kaum ein Art-Pop-Album geben, das Artwork, Text und Sound so ganzheitlich vereint.
Ralf Strittmatter
St. Vincent, Masseduction, Loma Vista

Jens Lekman ist das bestgehütete Geheimnis in Sachen Popmusik aus Schweden. Jens who? Stimmt, berechtigte Frage, Lekmans Melodien für Millionen, kennen leider nur Insider und Schwedinnen. Der 36-Jährige wurde dort von der Zeitschrift Elle auf Platz 15 in der Kategorie "Sexiest Man of Sweden" gewählt. Lekman macht schon eine Weile in Musik, veröffentlicht aber selten. So ganz heiß ist er nicht darauf, ein Star zu werden. Aber seine Fans "versorgt" er doch und zwar mit göttlichen Mixtapes und musikalischen Postkarten gratis auf Soundcloud. Eine diese Postkarten hat es aufs fünfte Album geschafft, das mit der Lekmanschen Pop-Formel von Calypso bis Walzer, von Italo Disco bis Disco-Funk, glücklich macht. Im Grunde ist Jens Lekman eine Art singender DJ und melancholischer Disco-King, der skrupellos in der Wahl seiner Mittel ist. Gottlob, dieses Mal gibt es keine Panflöte, dafür ist das Piano grenzwertig süß. Seltsamerweise verursacht das weder Kopfschmerzen noch Juckreiz, sondern nur Lust, sich ein Cabrio zu mieten. Wer jetzt mehr von "your old fried Jens Lekman" hören will, muss keine zehn Jahre auf ein Konzert oder eine Platte warten, sondern bucht ihn einfach für seine Hochzeit. Hochzeitsmusikant ist er auch, ein Song handelt davon. Nur Vorsicht, dass sich die Braut nicht nochmal anders entscheidet . . . Pascal Cames
Jens Lekman, Life Will See You Now, Secretly Canadian

Es gibt so vieles, das man über dieses Album schreiben könnte. Etwa über die Geschichte vom Mittvierziger, der bis dato nur als Reggae-Sänger mit humorvollen Texten im sächsischem Idiom bekannt war, der sich mit Hilfe des Produzententeams Kitschkrieg auf der Suche nach neuer Sinnhaftigkeit in der eigenen Kunst in mehreren EPs einen komplett neuen Sound angeeignet, und diesen nun mit dem Album #DIY perfektioniert hat. Wie darauf der Balanceakt zwischen Dancehall, HipHop und Reggae, überzogen von Vocals, die mit einer dünnen Schicht Auto-Tune bestrichen sind, so sehr gelingt, dass nicht nur Zeitgeist, sondern auch Zeitlosigkeit zu attestieren sind. Wie "Tretti" schlicht ein wahnsinniges Gespür für Melodien hat. Oder wie sein ausverkauftes Konzert im Freiburger "Crash" für größte Euphorie gesorgt hat. Oder, oder, oder. Man kann unbedingte Hörempfehlungen für die Songs "Grauer Beton" und "Geh ran" aussprechen, in denen Trettmann sein Songwriting auf das höchste Niveau schraubt. In ersterem erinnert er sich an seinen Chemnitzer Plattenbau und die Hoffnungslosigkeit von vergessenen Bürgern, in zweiterem gedenkt er einem Freund, der Selbstmord begangen hat. Gepaart mit den zurückhaltenden Kompositionen erzeugt das eine drückende Schwere, die in Mark und Bein geht. Und ins Herz. #DIY wird sich einreihen in die Liste von großen genresprengenden Würfen von mit Rap sozialisierten Künstlern wie Jan Delay mit "Searching For The Jan Soul Rebels", Peter Fox mit "Stadtaffe" oder Marteria mit "Zum Glück in die Zukunft", deren Alben lyrisch wie soundtechnisch als zeitlose Referenzwerke gelten. Daniel Weber
Trettmann, # DIY, Soul Force

You pray for mercy and a few more days, you’ve still got dreams inside your head: Einen Tag vor seinem 84. Geburtstag veröffentlichte einer der ganz großen Männer des Country, Willie Nelson, 2017 mit "Gold’s Problem Child" ein neues Studioalbum, mehr als 60 Jahre nach der ersten selbstfinanzierten Single. Überwiegend eigene Songs, meist mit seinem Akustik-Gitarristen und Produzenten Buddy Cannon zusammen verfasst, finden sich auf der Platte. Zurückgelehnt, versonnen, nachdenklich und voll zärtlicher Melodien ist dieses Alterswerk, dessen Texte sich häufig mit der letzten Lebensphase beschäftigen. Die brüchig-warme Stimme Willie Nelsons hat nichts eingebüßt, sie passt wunderschön zu den Geschichten, die er noch zu erzählen hat, insbesondere in den langsameren Stücken wie "Your Memory Has a Mind of it’s Own" , "Butterfly" oder "It Get’s Easier". Auf dem Titelsong ist noch einmal der 2016 verstorbene Leon Russel zu hören. Und als wollte Willie Nelson alle potentiellen Unklarheiten bezüglich seiner Person aus dem Weg räumen, ist "Still not Dead" der am rockigsten nach vorne gehende Titel der Platte.
Otto Schnekenburger
Willie Nelson, God’s Problem Child, Sony

Los Angeles, 1992: Vier Polizisten werden von einer überwiegend mit Weißen besetzten Jury freigesprochen, obwohl sie den Afroamerikaner Rodney King bei einer Verkehrskontrolle fast zu Tode geprügelt haben. Ein Video zeigt, wie sie ihr Opfer mit Schlagstöcken malträtierten. Den Soundtrack zu den folgenden Rassenunruhen lieferten Body Count mit ihrem gleichnamigen Debütalbum – ein wegweisendes Album des Crossover aus HipHop und Hardrock. 25 Jahre später liegt das Durchschnittseinkommen der Afroamerikaner noch immer weit unter dem der weißen Bevölkerung, junge Schwarze werden in den USA fünfmal so oft von Polizisten erschossen wie junge Weiße. Und Präsident Trump kontert der Black-Lives-Matter-Bewegung so dumm wie schamlos, es zählten doch alle Leben, die zählten. Kein Grund also sich abzuregen: "They can’t fuck with us/Once they realise we’re all on the same side". Mit ihrer wütenden Kampfansage "Bloodlust" ist Ice-T und seiner zwischenzeitlich totgesagten und nun runderneuerten Band ein großer Wurf und das Comeback des Jahres geglückt. Nina Lipp
Body Count, Bloodlust, Century Media/Sony

An der Genderfrage liegt es nicht, dass hier Laura Marling auf den letzten Metern noch das wunderbar ernsthafte und großorchestrale "Pure Comedy" von Father John Misty ausgestochen hat. Im Dezember aber wurde die Britin für einen Grammy nominiert ("Bestes Folk Album"), und das konzentriert-coole "Semper Femina" (jetzt auch mit Live-Beigabe aller Songs) ist vielleicht das geschlossenere Werk. Hier steht zwischen englischem Folk, Country, souligem Feeling und trippigem Untergrund mal Nick Drake Pate, dort Joni Mitchell und in einem hymnischen Refrain Tori Amos, aber nie biedert sich die 27-Jährige an, deren reife und biegsame Stimme nochmals souveräner klingt. Und so schlau und unverkopft sind selten Beziehungen, Zumutungen und Freiheit besungen – und männliche Zuschreibungen beiseite geschoben worden. rené Zipperlen
Laura Marling, Semper Femina, More Alarming Records