Typologie

Von Partybär zum Angsthasen: Fünf verschiedene Silvester-Typen

Redaktion

Von Redaktion

Mi, 27. Dezember 2017 um 14:45 Uhr

Liebe & Familie

Einer will das neue Jahr zelebrieren, eine andere es lieber ignorieren: Daran, wie man Silvester begehen soll, scheiden sich die Geister. Eine Typologie.

Mögen Sie Silvester? Oder gehen Sie am 31. Dezember um 22 Uhr ins Bett? Und: Sind Sie sich in Ihrer Zustimmung oder Ablehnung, den Jahreswechsel groß, klein oder gar nicht zu feiern, mit Ihren Liebsten einig? Das Team der ZusammenLeben-Seite hat sich so seine Gedanken gemacht – siehe da, es gibt viele unterschiedliche Silvester-Typen – einige von ihnen stellen wir Ihnen vor:

Die Ängstliche

Pfote halten ist angesagt, wenn’s zischt und knallt. Das Problem ist: Es zischt und knallt ja nicht erst um Mitternacht an Silvester – sondern häufig schon ein paar Stunden, ja ein paar Tage vorher. Gott sei Dank ist es in dem Dorf, in dem meine Hündin und ich leben, relativ ruhig. Klar, das Neubaugebiet wächst – und hier wohnen auch die, vor denen Labradormix Peach am meisten Angst hat: Kinder mit Krachern. Aber die Krux ist: Wir müssen raus. Hundeklos sind nun mal nicht im Haus installiert – meine Vermieter würden mir was husten! Also, Peach: Gemeinsam sind wir stark! Wir gehen Gassi, wenn es mutmaßlich noch ziemlich ruhig ist. Schnell raus aus dem Dorf, rein in die Weinberge! Die Leine bleibt ausnahmsweise mal den ganzen Spaziergang über dran. Tatsächlich habe ich sehr viel Verständnis für meinen Schisserhund. Ich war als Jugendliche mal bei einer Silvesterparty, die aus dem Ruder geriet – einige Jungs und Mädels zielten mit ihren Böllern und Raketen in die Menge. Seither bin ich wie mein Hund – ängstlich! Großartig finde ich Brettspiele an Silvester mit Freunden, einen Film gucken oder Bleigießen. Der Hund darf unter dem Tisch liegen. Wenn Mitternacht näher rückt, setze ich mich gerne zu Peach auf den Boden. Sie wanzt sich gerne an und lässt sich den Bauch streicheln. Wer mag, darf sich zu uns gesellen, aber wir stehen das auch alleine durch. Die Fenster sind dicht, die Musik vielleicht etwas lauter als normal. Sekt schmeckt auch, wenn man ihn auf dem Parket hockend trinkt. Der nächste Morgen ist auch noch mal eine Herausforderung: Knallerreste liegen umher, es riecht streng. Ich würde was drum geben, wenn ich wüsste, was Peach denkt. Vermutlich: Ihr Menschen seid komisch!
(Heidi Ossenberg)

Der Dionysische

Silvester ist das ideale Fest. Sonst trägt immer einer die Verantwortung – weil er Geburtstag hat, heiratet oder sonst was getan oder erlebt hat. Das macht ein Fest spannungsgeladen und stressig. Über Weihnachten brauchen wir hier nicht zu reden. Sie erinnern sich. Der Jahreswechsel aber passiert allen zugleich, alle sind gemeinsam beteiligt. Niemand erwartet ein besinnlich heimeliges Fest, das dann in die Hose gehen kann: beste Voraussetzungen also. Da heute alle verantwortlich sind, will niemand als Knauser dastehen, und so wird bei den Vorbereitungen nicht gegeizt – ein Besuch beim in Genussdingen viel bewanderteren Nachbarn ist eine Selbstverständlichkeit. Foie Gras? Moralisch fragwürdig, aber hey, einmal. Austern? Was soll’s, legen wir noch ein Dutzend drauf! Champagner? Wenn wir schon mal hier sind... So eingedeckt ist der Rest des Abends ein Kinderspiel. Schon während des Kochens wird die Musik lauter, die Schaumweinvorräte dezimieren sich, und um Mitternacht sind alle so rührselig, dass sie im Jahresübergang etwas Substanzielles erblicken und sich in den Armen liegen. Doch der eigentliche Höhepunkt kommt jetzt erst. Das Ziel des Abends ist früh erreicht, das neue Jahr beginnt ohne jegliche Ambitionen. Die Nacht scheint unendlich. Wenn jetzt die Austern, die vorher vergessen wurden, geknackt werden, ist das zwar gefährlich für die Hände, aber so viel köstlicher als zuvor. Auf der Straße kommt es zu Verbrüderungsszenen, keine Anwohner quäken, niemand muss morgen aufstehen, später noch woandershin oder ist heute nicht so gut drauf. Gleichberechtigte Gemeinsamkeit findet man nur an diesem Abend. Und das wollen wir feiern. Der Morgen liegt in weiter Ferne. Einmal denken wir nicht daran, leben im Moment. Und der dauert heute ewig.
(Manuel Fritsch)

Die Familienknaller

Die Knallerei war ja nie so meins. Nicht aus Gutmenschentum, Brot statt Böller und so, sondern aus schnödem Desinteresse. Klar, um null Uhr mit einem Glas Sekt in der Hand den bunten Nachthimmel betrachten, ja. Aber dafür Geld ausgeben und auf den Feuerwerkswühltischen der Kaufhäuser nach den besten Krachern stöbern, nö danke. Doch mit Kind ändern sich die Zeiten. Kinder wollen knallern, und liebende Eltern wollen ihnen das natürlich nicht versagen. Also doch Böller-Wühltisch. Als Feuerwerksanfänger ist man schnell überfordert mit all den Knallerbsen, wilden Hummeln, Fontänen, den Böllern in verschiedenen Größen und Raketen, die angeblich Smileys in den Himmel zaubern. Dann einfach die Familienpackung, da scheint drin zu sein, was man braucht. Die befreundete Familie, mit der gefeiert wird, ist ebenso vorgegangen, und so stehen wir mit unseren Knallern und aufgeregten Kindern um Mitternacht in der Kälte – zu allen Schandtaten bereit. Für Neujahrswünsche und Umarmungen ist kaum Zeit, denn es gilt ja, den Krachervorrat abzuarbeiten. Anfangs tun wir Großen noch wohlwollend, gleichzeitig demonstrativ gelangweilt unsere selbst auferlegte Elternpflicht. Die Kids reißen die Verpackungen auf, wir suchen Zündschnüre, diskutieren den richtigen Abstand zum Feuerwerkskörper. Und die Spannung steigt: Was passiert wohl, wenn ich diesen Zylinder anzünde? Oder den Böller in den Gulli...? Immer schneller werden die Streichhölzer gezückt, die Kinder aus dem Weg geschoben – die Experimentierlaune hat uns gepackt. Und während die Kids nach einer halben Stunde genug haben und ins Haus zurückkehren, sind wir Eltern nicht mehr zu bremsen. Um ein Uhr knallern wir noch immer. So eine Familienpackung ist schließlich groß.
(Sonja Zellmann)

Der Miesepeter

Eigentlich ist das Jahr für mich schon Ende Oktober gelaufen. Das Novembergrau ist mir ein Graus, die Adventzeit mit der dudeligen Glöckchenmusik sowieso. Weihnachten, nun ja – und jetzt muss auch noch die blöde Silvesterhürde genommen werden, ehe endlich ein neues, hoffentlich freundlicheres Jahr beginnt. Ach, die Janusköpfigkeit des Jahreswechsels! Aus gutem Grund meiden Depressive den obligatorischen Blick zurück. Was musste nicht alles geschluckt und verdaut werden: Trump, der Rechtsruck, die AfD im Bundestag, der VfB-Aufstieg. Ätzend! Zugegeben, es passierte auch viel Schönes in diesem vermaledeiten 2017. Vor allem im Privaten. Doch zur Jahresendzeit macht sich halt fast schon traditionell diese notorisch schlechte Laune breit. Silvesterpartys? Bloß nicht! Spaßbremsen gelten völlig zu Recht als Zumutung für alle Feierlaunigen. Deshalb ist der Besuch der Silvestervorstellung im Weihnachtszirkus noch das Äußerste der Gefühle. Gleich nach dem Schlussapplaus geht’s bei Nebel, Regen oder Schneegestöber zurück ins mollig warme Heim. Bei Kniffel, Mensch ärgere dich nicht oder Monopoly würfeln wir uns im Familienkreis dem Feuerwerk entgegen. Bald ist es soweit, der Sekt wird herbeigeschafft, der Fernsehapparat angestellt: Fünf, vier, drei, zwei, eins – Prosit Neujahr! Umarmungen, Küsse, strahlende Gesichter. Die Wünsche für das neue Jahr kommen aus vollem Herzen. Dann geht’s raus auf die Terrasse. Von den Raketen ist im Dunst kaum etwas zu sehen, dafür knallt und zischt es infernalisch. Kälte und Schwefelgestank treiben uns wieder in die gute Stube. Wir sitzen zusammen und unterhalten uns noch ein bisschen. Ich fühle mich besser. Viel besser sogar. Familie ist was Wunderbares. "Wie haben sie es nur so lange mit diesem Miesepeter ausgehalten?", sinniere ich. Und nehme mir fürs neue Jahr ganz fest vor, endlich gelassener zu werden.
(Karlheinz Schiedel)

Der Last-Minute-Typ

War nicht erst August? Oder zumindest Spätsommer mit viel Draußensein, Grillengezirpe und allem, was dazugehört? Ist doch noch gar nicht lange her, dass man mit zwei Kugeln Zitroneneis die körpereigene Nachmittagshitze herunterregulieren musste. Und jetzt das: Schneebrocken auf der Straße, Glitzerketten an den Fassaden. Im Geiste wird durchassoziiert, was das zu bedeuten hat. Backen, kaufen, verpacken, feiern, futtern, faulenzen. Und hat das bevorstehende Jahresende es erst einmal bis ins Bewusstsein geschafft, lässt sich die Frage "Und was ist eigentlich mit mir an Silvester?" nicht mehr wegdrücken. Ein Plan muss her. Nur woher nehmen auf die Schnelle? Die Nachbarn sind auf Verwandtenbesuch in Bottrop und alle anderen längst verabredet. Asia-Fondue bei Sabine, Hütte im Schwarzwald? Das Nicht-wissen-was-mit-Silvester-ist weckt unschöne Erinnerungen an Studienzeiten, als man sich in den Semesterferien durchs kleine Latinum büffeln musste, während alle anderen nach Lissabon, Havanna oder St. Petersburg reisten, um dort ihre Sommermonate zu verbringen. Nicht schön. Gar nicht schön. Ein Last-Minute-Silvester müsste es geben. Spontan buchbar, fix und fertig organisiert. Keine große Sache, einfach nur hingehen, warten bis es zwölf ist – dingdangdong – anstoßen und wieder ab nach Hause. Das wär’s doch. Gibt es aber leider nicht. Was es aber gibt, sind Kinder, die der Planlosigkeit ihrer Eltern in Sachen Silvester zum Glück mit ganz viel Eigeninitiative entgegentreten. Da wird nicht lange gegrübelt und geplant, sondern die eigene Familie kurzerhand mit der Familie der Freunde zum Käsefondue verabredet. Eigentlich gar nicht so schwierig. Zumindest für manche Menschen. Ist vermutlich Typsache.
(Stephanie Streif)