Von wegen Fernweh

Frank Hellmann

Von Frank Hellmann

Mi, 03. Januar 2018

1. Bundesliga

Spanien ist in der Bundesliga als Winter-Trainingsziel sehr populär.

ALICANTE. Auf den ersten Blick hat der SV Werder eine gute Wahl getroffen. Ein gepflegter Rasenplatz, ein schmuckes Anwesen mit weitläufigem Golfplatz: In einem Golf & Spa Resort nahe der spanischen Ortschaft Algorfa in der Nähe von Alicante, bereitet sich der Bundesligist auf die Rückrunde vor. Die Bremer gaben ein Beispiel, wie gespalten die Liga ist, ob ein Trainingslager im Januar 2018 wirklich Sinn macht. Als Alexander Nouri als Cheftrainer noch das Sagen hatte, war bei den Hanseaten eigentlich keines geplant.

Nachfolger Florian Kohfeldt begründete die Rolle rückwärts so: "Wir hatten keine gemeinsame Sommervorbereitung, da halte ich es für wichtig, noch einmal wegzukommen." Das Ambiente soll helfen, die im neuen Jahr anvisierten Ziele ("schnell vom Abstiegskampf verabschieden und im Pokal weiterkommen") zu erreichen – schließlich vermittelt spanische Sonne einen höheren Wohlfühlfaktor als norddeutsches Schmuddelwetter.

Die Zeit drängt für alle Protagonisten, schließlich war die Winterpause in der Bundesliga selten so kurz wie diesmal. Noch vor drei Jahrzehnten dauerte sie zweieinhalb Monate. In den Spielzeiten 1986/87 und 1987/88 warteten Anhänger geduldig geschlagene 76 Tage auf die Fortsetzung, denn über Rasenheizungen verfügten nur die wenigsten Stadien.

Längst haben Verbände wie Fifa und Uefa den nationalen Ligen die Luft zum Atmen genommen. In diesem Sommer erhöht zudem nicht allein die WM 2018 in Russland den Zeitdruck, sondern die neuen TV-Verträge erlauben in einer Saison nur noch zwei englische Wochen. Ergo wird bereits das zweite Januar-Wochenende bespielt, zumal der deutsche Profifußball ungern sieht, wie die englische Premier League ihre weltweite Präsenz mit seinem Alleinstellungsmerkmal über die Feiertage noch weiter ausbaut.

Die Vereine proben den Spagat. Gerade die Trainingssteuerung ist selbst für erfahrene Fußballlehrer eine diffizile Angelegenheit. Bei ein, zwei Testspielen ist es kaum möglich, neue taktische Muster einzustudieren, geschweige denn Neuzugänge behutsam zu integrieren. "Was ist das denn für eine Vorbereitung?", fragte Altmeister Jupp Heynckes zähneknirschend im alten Jahr. Für den FC Bayern liegen zwischen dem DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Borussia Dortmund (20. Dezember 2017) und dem Eröffnungsspiel der Rückrunde bei Bayer Leverkusen (12. Januar 2018) gerade einmal 22 Tage.

"Das war kein Urlaub, das war nur ein Wimpernschlag der Regeneration. Man konnte kurz durchatmen. Ich hoffe, dass wir alle den Akku wieder aufgetankt haben", sagte Heynckes nun kurz vor dem Abflug nach Doha. Die Münchner schlagen ihre Zelte für ein Wintercamp erneut im Wüstenemirat auf – auch wenn klimatisch zwischen Katar und Deutschland ungefähr derselbe Unterschied besteht wie sportlich zwischen dem Branchenprimus und dem Rest der Liga.

Von denen weilt jetzt die Hälfte auf der iberischen Halbinsel. Die Reiseziele reichen von Sotogrande (SC Freiburg, siehe Artikel rechts), Jerez de la Frontera (Hamburger SV) bis Marbella (Borussia Dortmund und VfL Wolfsburg) an der Costa del Sol, von La Manga (VfB Stuttgart), Alicante (Eintracht Frankfurt) bis nach Benidorm (FC Schalke 04) an der Costa Blanca. Die Kanareninsel Teneriffa hat Augsburg angesteuert. Diese Domizile können mit guter Infrastruktur, mildem Klima und kurzen Flugzeiten punkten.

Keine Rolle mehr spielt aus sicherheitspolitischen Fragen die türkische Riviera, an der sich in Hochzeiten fast der gesamte deutsche Fußball die Klinke in die Hand gab. Wie sehr der Rückrundenbeginn die Überlegung für ein Trainingslager beeinflusst, ist an der zweiten Liga zu besichtigen, die am 23./ 24. Januar mitten in der vierten Kalenderwoche den Restart-Knopf drückt: Nur zwei Klubs bleiben zu Hause, 14 Vertreter jetten bald ebenfalls nach Spanien.

Ferne Ziele, wie sie Leverkusen bis ins vergangene Jahr auch aus Vermarktungsgründen mit Orlando im US-Bundesstaat Florida ansteuerte, kommen nicht mehr infrage, weil damit zwei Tage für An- und Abreise vergeudet würden. Auch die Zeitverschiebung wäre ein K.o.-Kriterium.