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14. November 2008 12:48 Uhr

Neuenburg will wieder zum Rhein

Vorwärts in die Vergangenheit

Neuenburg am Rhein will seinem Namen wieder Ehre machen und an den Rhein. Denn im Lauf der Geschichte hat der Fluss sich von der Stadt entfernt. Jetzt soll sie wieder zu ihm finden – etwa mit einer überbauten Brücke über die A 5.

  1. Ein Rhein-Hochwasser hat um 1525 ein Drittel der Stadt samt seinem Münster weggerissen. Foto: Privat

  2. Spektakuläre Pläne: So soll die Überbauung der A 5 aussehen. Foto: ZVG

Bis das Zukunftsprojekt 2025 realisiert sein soll, fließt noch viel Wasser den Rhein runter. Doch der Zeitplan ist ehrgeizig. Wie die Idee selbst.

Das Projekt soll bis verwirklicht und ein Brückenschlag in die Geschichte der Stadt im Markgräflerland werden. Neuenburg lag früher direkt am Rhein – und hat es teuer bezahlt. Im 16. Jahrhundert riss ein Hochwasser ein Drittel der Zähringerstadt samt ihrem bedeutenden Münster davon. Knapp 300 Jahre später begann Tulla, den Fluss zu zähmen und Rheinarme von der Stadt abzuziehen. Seit der Rheinseitenkanal 1959 eröffnet wurde, bleibt der Rest vom Fluss tief in seinem Bett. Er liegt heute hinter einem Auwäldchen und 800 Meter von der Stadt entfernt. Vor deren Toren rauscht der Verkehr über eine Bundesstraße, eine Stadtumfahrung und die Autobahn – alles Hindernisse, wenn die Neuenburger zu ihrem Fluss wollen.

Das soll das Projekt "Eine Stadt geht zum Rhein" ändern. Es verknüpft gleich mehrere große Vorhaben. Zum einen soll der Ortseingang neu gestaltet werden. Das Gelände fällt heute sanft ab, wo einst das Hochwasser einen jähen Bruch verursachte. Den soll die Umgestaltung wieder abbilden, eine an den Hang gebaute Tiefgarage eine steile Wand bilden. Der Clou: Vom Plateau auf der Garage führt eine geschlossene Brücke für Fußgänger und Radler über die B 378. Der Bau – so geschwungen wie die bananenförmige mittelalterliche Hauptstraße – würde gleichzeitig eine Art Eingangstor bilden, erklärt Yvonne Faller, Architektin und Freiburgs Münsterbaumeisterin. Zwar wird sie den Neuenburgern kein neues Münster bauen, aber wenn ihre Pläne realisiert werden, kämen sie leichter zum Rheinufer.

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Das soll bald ganz anders aussehen. Denn das Hochwasserschutz-Programm des Landes sieht vor, auch bei Neuenburg von der schwer zugänglichen Böschung einen breiten Streifen abzugraben, damit sich die Fluten ausdehnen können und Städte flussabwärts geschützt sind. Für den Eingriff zahlt das Land Ausgleichsmaßnahmen. Und das will Neuenburg nutzen, um in Höhe der Stadt den Naherholungsbereich "Rheingärten" anzulegen. Das Ufer soll attraktiver und "erlebbar" werden, mit Wiesen und Terrassen zum Sonnen, einer Besucherplattform, einem Amphitheater und einer Anlegestelle für kleine Boote und Kanus.

Für die Region am sichtbarsten wäre aber die geplante Autobahnüberbauung. Vor der Stadt führt eine Brücke über die A 5 Richtung Rhein und Frankreich. Wo früher der Zoll stand, soll ein Gebäude entstehen, das dann allerdings über die Brücke reicht. Es soll im Dreieck von Freiburg, Mulhouse und Basel ein regionales Zentrum für Tourismus, Kultur und Dienstleistung sein, eine Art Schaufenster der Region, in dem auch Ausstellungen und Tagungen, Gastronomie und Geschäfte Platz finden könnten. Nach außen soll es wie ein "Tor zu Deutschland, Baden-Württemberg und Neuenburg" wirken, sagt Bürgermeister Joachim Schuster (CDU). Er ist seit 17 Jahren im Amt, zuletzt erhielt er 98 Prozent der abgegebenen Stimmen. Die Stadt mit ihren knapp 12 000 Bürgern ist schuldenfrei. Ob das so bleibt, wenn die Vision wahr wird? Oder ist sie nicht doch eine Utopie? Schuster widerspricht: "Eigentlich ist sie kurz vor der Realisierung." Der Gemeinderat hat das Grundkonzept beschlossen. Umweltministerin Tanja Gönner und das Freiburger Regierungspräsidium sind dem Vorhaben gegenüber grundsätzlich positiv eingestimmt. Dessen Gesamtkosten bewegen sich Schuster zufolge "im deutlichen zweistelligen Millionenbereich", konkreter will er noch nicht werden. Er ist überzeugt, dass an der Stadt nicht viel hängen bleibt. Tatsächlich würde das Land die "Rheingärten" zum Ausgleich zahlen; in Verbindung mit dem Hochwasserschutz-Programm könnten die Pläne schon 2011 genehmigt werden. Der neue Ortseingang soll ans Landesprogramm für die Sanierung der Ortsmitte gekoppelt werden, das bereits läuft und für das es 60 Prozent Zuschüsse gibt.

Das Projekt über der Bundesautobahn könnte der kritischste Teil sein. Es soll in Form eines Privat-Public-Partnership-Modells entstehen, Interessenten gebe es bereits, sagt Schuster. Allerdings muss der Bund mitspielen, und der steht solchen Ideen eher ablehnend gegenüber – auch weil eine kommerzielle Nutzung seinen Raststätten Konkurrenz machen könnte. Bislang gibt es im Südwesten nur eine Autobahn-Überbauung: das Parkhaus der Landesmesse über die A 8.

Autor: Simone Höhl