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11. Juni 2012 00:53 Uhr

Stuttgart / Wolfsburg

VW kann wegen Gesetzeslücke Porsche steuerfrei übernehmen

Ein spitzfindiger Steuertrick könnte Volkswagen und Porsche auf dem holprigen Weg zu ihrer lange angestrebten Fusion entscheidend voranbringen und zudem viel Geld sparen helfen.

  1. Stuttgarter Steuersparmodell Foto: dapd

Die schon eng verbandelten Autohersteller haben dank eines Schlupflochs in den Steuergesetzen eine Möglichkeit gefunden, beim Zusammenschluss eine Milliardenzahlung an den Fiskus zu umgehen.

Eine Lücke im Paragrafendschungel des Steuergesetzes dürfte in den Chefetagen von Volkswagen und Porsche Jubelstürme auslösen. Monatelang hatten die beiden Unternehmen verzweifelt darüber gebrütet, wie sich das Sportwagengeschäft der Schwaben möglichst günstig bei den Wolfsburgern eingemeinden lässt. Die Hürde: eine milliardenschwere Steuerlast, die es zu mindern galt. VW und Porsche scharten Berater um sich, die über mögliche Tricks grübelten. Ohne eine rettende Idee wäre der Zusammenschluss erst Mitte 2014 steuerfrei gewesen. Monate vergingen so ohne eine Lösung.

Jetzt hat sich für die Wunschpartner ein verblüffend einfacher Weg aufgetan. Die bereits eng verbandelten Unternehmen sorgen dafür, dass VW das Sportwagengeschäft der Porsche AG komplett übernimmt und der Dachgesellschaft Porsche SE dafür neben einer Milliardensumme auch noch exakt eine VW-Stammaktie gibt. Folge des Deals: Laut der Lücke im Umwandlungssteuergesetz ist das dann kein Verkauf mehr, sondern eine Umstrukturierung. Und ohne Verkauf fallen auch keine Steuern an.

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Für den steuerzahlenden Bürger mag es klingen wie eine Nachricht aus einer Bananenrepublik. Doch VW und Porsche haben es amtlich schwarz auf weiß: Aus Kreisen der Finanzbehörden ist in Wolfsburg und Stuttgart eine rechtsverbindliche Auskunft eingegangen, in der vereinfacht gesagt steht: Herzlichen Glückwunsch, Euer Trick funktioniert tatsächlich! Diese Zusicherung der Steuerbehörden ist eine Garantie. Sie haben die Umsetzung der Idee gewissermaßen im Vorfeld durchgespielt.

Finanzminister Nils Schmid (SPD) dürfte schäumen vor Wut. Da das Geld am Porsche-Sitz in Baden-Württemberg ankäme, wäre es bei einer Besteuerung einem Geldregen für Schmids Kasse gleichgekommen. Ein Ministeriumssprecher lehnte am Wochenende auf Anfrage jeden Kommentar ab und verwies darauf, dass das Steuergeheimnis gelte. Schmid hätte allen Grund, das Schlupfloch zu verteufeln. Im Doppelhaushalt 2013/2014 will er rund 3,65 Milliarden Euro neue Schulden aufnehmen.

Baden-Württembergs Oppositionsführer Peter Hauk (CDU) sagte: "Es ist natürlich hoch ärgerlich, dass durch eine solche Gesetzeslücke dem Staat und damit allen Steuerbürgern Milliardensummen verloren gehen. Die Konsequenz daraus ist klar: Die Lücke muss geschlossen werden." Eine mit den Firmeninterna bei VW und Porsche vertraute Person sagte: "Das ist grenzwertig und für eine außenstehende Person auch sicherlich schwer nachzuvollziehen. Es hat ein Geschmäckle. Aber für jemanden, der die Details kennt, hat es das nicht. Es ist legal." Die Gesetze seien dafür da, dass nicht jede unternehmensinterne Umstrukturierung eine Steuerlast auslöst.

Dabei muss man wissen, dass die Porsche Dachgesellschaft SE die Mehrheit der VW-Stammaktien hält. Das Sportwagengeschäft der Porsche AG ist als Folge des früheren Übernahmekampfes der heutigen Partner geteilt, wobei Porsche hauchdünn die Mehrheit hat. Für den Kauf der knappen Hälfte hatte VW Ende 2009 rund 3,9 Milliarden Euro gezahlt. Die verbleibende andere Hälfte kostet heute etwa 4,5 Milliarden Euro, da Porsches wirtschaftlicher Wert inzwischen gestiegen ist. Der ursprüngliche Plan einer kompletten Fusion von VW AG und Porsche SE war an milliardenschweren Prozessrisiken der Dachgesellschaft SE gescheitert. Nur die Porsche AG zu übernehmen, wurde zu Plan B.

Eine VW-Stammaktie kostet derzeit 120 Euro. Eines dieser Wertpapiere wird nun wohl Geschichte schreiben. Ohne das Schlupfloch hätte die Steuerlast bei einem Zusammenschluss diesen Sommer 1,5 Milliarden Euro betragen. Die können nun gespart werden. Diese Aussicht muss in den Wolfsburger und Stuttgarter Führungsetagen wahre Champagnerlaune ausgelöst haben. Die dpa erfuhr am Wochenende aus unternehmensnahen Kreisen, dass die Idee mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit umgesetzt wird. Vermutlich im August soll der Öffentlichkeit Vollzug gemeldet werden.

VW verbuchte vergangenes Jahr unterm Strich 15,8 Milliarden Euro Gewinn, die Porsche AG kam auf 1,46 Milliarden Euro Überschuss. Es ist nicht abwegig zu vermuten, dass Paragraf 20 im Umwandlungssteuergesetz bei künftigen Jurastudenten einen neuen Spitznamen erhält: Lex VW.

Autor: Heiko Lossie (dpa) / dapd


9 Kommentare

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Florian Engels

Registriert seit: 22.12.2009

Kommentare: 288

11. Juni 2012 - 08:45 Uhr

Unfassbar ! Wer verfasst eigentlich die Steuergesetze.Prädikatsjuristen? Fünfjährige? Bonobos?

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Robert Wendt

Registriert seit: 23.05.2011

Kommentare: 352

11. Juni 2012 - 09:10 Uhr

Hr. Engels: Kennen Sie unsere hiesigen Steuergesetze, Abgabenordnungen usw. sowie die Komplexität dieses ganzen Sammelsuriums? Wahrscheinlich nicht, sonst hätten Sie sich zu solch einer Aussage nicht hinreißen lassen.

Auch wenn man als Steuerzahler von einem solchen Schlupfloch wahrlich nicht begeistert sein kann, so ist es aber nicht verwunderlich, dass solche Schlupflöcher noch vorhanden sind, da bei dem gesamten Strukturwerk sicherlich auch Fehler passieren dürfen. Wo wir Menschen arbeiten, ist es nunmal nicht perfekt. Und bei der Masse, an was da alles gedacht werden muss, um wirklich alles mögliche abzudecken, und welche Konstellationen es gibt, so kann die nunmal passieren, was man nicht zwingend gleich als Vorwurf nennen sollte.

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Egon Mayer

Registriert seit: 30.06.2010

Kommentare: 1485

11. Juni 2012 - 09:36 Uhr

Ja, früher war alles besser! Da hat man den Zehnt an die Kirche bezahlt und den Zehnt an den Fürsten. Schlupflöcher gab es nicht; wer nicht bezahlt hat, kam in den Kerker. Oder seine Familie wurde zur Fronarbeit verkauft.

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Theodor Heussmann  

Theodor Heussmann

Registriert seit: 25.03.2010

Kommentare: 1868

11. Juni 2012 - 10:09 Uhr

Stellt sich die Frage, ob dieses Steuer"schlupfloch" geschlossen oder massiv verengt wird... Das deutsche Steuersystem hat zwischenzeitlich eine komplexität erreicht, dass man Porsche/VW zu diesem "Coup" nur gratulieren kann - da ändert auch ein tobender Nilsi nichts mehr. Die Berater sind jedenfalls ihr Geld wert.

Th. Heussmann

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Martin Stadler

Registriert seit: 11.03.2010

Kommentare: 462

11. Juni 2012 - 12:16 Uhr

Was Sie da so schön beschreiben, Herr Mayer, nennt man heute Flat Tax. Weil das Konzept als "neoliberal" und "ungerecht" gilt, wird es von keinem Politiker, der ernsthaft gewählt werden will, auch nur diskutiert. Viel lieber leben halt weiterhin mit einem "gerechten" Steuersystem, das - leider, leider - hier und da halt das eine oder andere kleine Schlupfloch aufweist...

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Egon Mayer

Registriert seit: 30.06.2010

Kommentare: 1485

11. Juni 2012 - 12:38 Uhr

@Martin Stadler
Neoliberal ist ein furchtbares Wort in diesem Zusammenhang, das aber gerne hier von den Kommentatoren als Rundumschlag- und schimpfwort, als Inbegriff alles Bösen auf dieser Welt verwendet wird. Allein die Verwendung disqualifiziert den Schreiber in meinen Augen schon...

Neoliberal und ungerecht ist also ein Flat-Tax-System? Aber wir haben ein solches doch mit der Umsatzsteuer! Hier zahlt doch auch jeder den gleichen Prozentsatz und keiner regt sich auf... Dass aber dadurch gerade die unteren Einkommensklassen überproportional belastet werden, wenn die USt z.B. von 16 auf 19% angehoben wird, dass wird dann hingenommen.

Aber das gehört ja gar nicht hierher...

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Bodo Weis  

Bodo Weis

Registriert seit: 26.05.2009

Kommentare: 892

11. Juni 2012 - 12:40 Uhr

Herr Florian Engels
Schauen sie mal hier vorbei:
http://www.focus.de/politik/deutschland/rechnungshof-ministerien-liessen-lobbyisten-gesetze-schreiben_aid_268156.html
oder noch einfacher hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Externe_Mitarbeiter_in_deutschen_Bundesministerien

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Martin Stadler

Registriert seit: 11.03.2010

Kommentare: 462

11. Juni 2012 - 13:54 Uhr

Mit den Anführungszeichen bei beiden Begriffen, Herr Mayer, wollte ich deutlich machen, dass ich diese Einschätzung nicht teile... Persönlich bin ich überzeugt, dass ein einfaches Stufenmodell (niedrige Sätze, angemessen hohe Freibeträge) so ausgestaltet werden könnte, dass es Gering- und Normalverdiener entlastet. Im Gegenzug würde aber - so denn zugleich die Schlupflöcher verschwinden - so mancher Gut- und Höchstverdiener stärker zur Kasse gebeten. Letztlich nutzt das heutige Steuerrecht doch nur Steuerberatern und -anwälten und ist eine einzige Ermunterung, nach lukrativen Lücken und Möglichkeiten zu suchen.

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Michael Berner

Registriert seit: 10.01.2011

Kommentare: 919

11. Juni 2012 - 15:36 Uhr

Ab und zu sind Berater wohl wirklich ihr Geld Wert. Natürlich ist dies eine Riesensauerei, doch ascheinend wäre dieses Geschäft 2014 sowieso steuerfrei gewesen. Bezahlen darf es natürlich der Steuerzahler. Wenn diese Summe nach BW geflossen wäre, wären dies pro Einwohner ca. 150 Euro gewesen. Wieder einmal zeigt sich, dass die Komplexität in Verbindung mit der Explikation der deutschen Steuergesetze den "unteren" wenig bringt.

Was kann man nun machen, außer sich zu ärgern? Gut, bei den im Artikel genannten Gewinnen kann der einfache Steuerzahler, wenn es auch hart klingt, ohne Reue einen Boykott der involvierten Marken anstreben. Da dies kaum Leute tun werden, wird der Gewinn sicherlich nicht negativ werden, vielleicht aber kann sich der Steuerzahler so etwas von den 1,5 Milliarden direkt bei diesen Firmen "zurückholen", indem er das Geld eben nicht dort ausgibt.

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