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23. Januar 2009

Wahlkampf zwischen Klinkenputzen und Facebook

Stimmenfang im Internet: Obama machte es erfolgreich vor, Thorsten Schäfer-Gümbel nach – mit kläglichem Ergebnis.

Die deutschen Politiker sind verwirrt. Jahrelang war klar, wie ein ordentlicher, bürgernaher Wahlkampf auszusehen hat: Auf Marktplätzen Infostände abhalten, Aufkleber verteilen, reden. Waren die Umfragen knapp, wurde zur Not noch an den Türen geklingelt. Das alles könnte sich jetzt erledigt haben, weil ein Amerikaner namens Obama den Internet-Wahlkampf für sich entdeckt hat.

"Wer einen Wahlkampf erfolgreich führen will, muss ihn amerikanisieren", sagte der Tübinger Politikstudent Marcus Jenner am Mittwochabend bei einer Podiumsdiskussion des Carl-Schurz-Hauses und des Fritz-Erler-Forums in Freiburg. Das klang wie eine Ansage an die deutsche Politikelite: Geht online! Bloggt, chattet, diskutiert! Aber bitte führt nicht den gleichen langweiligen Wahlkampf wie in den vergangenen Jahren. Ist das tatsächlich so? Lassen sich Wahlen nur noch gewinnen, wenn die Spitzenkandidaten ein Profil bei sozialen Netzwerken wie StudiVZ und Facebook haben? Wird Kanzler oder Kanzlerin, wer am häufigsten seine MySpace-Seite aktualisiert? Und verspricht eine hohe Nachrichtenfrequenz beim Microblogging-Dienst Twitter auch steigende Umfragewerte?

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Die Antwort lautet nein. Das zeigt das Beispiel des hessischen SPD-Kandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel, der mit seiner Liebe zum Internet nahe an Obama herankommt. Während des Wahlkampfes veröffentlichte Schäfer-Gümbel regelmäßig Videobotschaften auf seinem eigenen Youtube-Kanal und dokumentierte in 140 Zeichen pro Nachricht über Twitter, was er gerade getan hatte. Trotzdem verlor er gegen den online praktisch inaktiven Roland Koch. Das lag vor allem an der aussichtslosen Situation der hessischen SPD. Es sagt aber auch viel über den Versuch aus, das System Obama auf den deutschen Wahlkampf zu übertragen.

Twittern allein reicht nicht, um Ministerpräsident zu werden

Anders als es in Deutschland möglich wäre, vervielfachte die schier unbändige Begeisterung der Amerikaner für Entertainment und Kommunikation die Schlagkraft des Kandidaten. Aus dem charismatischen Redner Obama wurde ein Politik-Star, der als erster Präsidentschaftskandidat das Internet als Wahlkampf-Medium nutzte. Dabei tat er das, was Politiker schon seit Jahren tun: reden, diskutieren, Spenden eintreiben. Nur die Wege waren andere: Statt massenhaft Wahlbroschüren per Post zu verschicken, versammelte Obama Millionen Anhänger bei Facebook. Jede Rede, jeder TV-Auftritt von Obama landete als Videoclip bei Youtube.

Dabei half ihm sicher auch sein charismatisches Auftreten. Obama gewann nicht wegen des Internets, sondern mit ihm. Wenn Thorsten Schäfer-Gümbel dagegen kurz vor Wahl seine Videonachrichten ans Volk richtete, drohten die Zuschauer einzuschlafen. Ähnlich bemüht waren auch Gümbels Aktivitäten bei Twitter. Fünf Tage vor der Wahl twitterte "tsghessen": "Der Kaffee war gut, heute Morgen hätte ich am liebsten eine ganze Plantage getrunken."

Was bei Obama lässig erschien, wirkte beim SPD-Mann wie ein Versuch, sich als lockerer Politikvogel einzuschleimen. Kein Wunder, hatte Obama in der heißen Wahlkampfphase doch schon eineinhalb Jahre Erfahrung mit Twitter, Gümbel dagegen hatte den Dienst erst 14 Tage vor der Wahl für sich entdeckte.

Alles, was im Netz unter Obamas Namen veröffentlicht wurde, war Teil einer perfekt durchdachten Internetstrategie. Keine deutsche Partei kann von sich behaupten, dass sie weiß, wie man das Internet in einem deutschen Wahlkampf gewinnbringend einsetzt. Auch weil die meisten Dienste bei der Bundestagswahl 2005 noch gar nicht etabliert waren.

Dass Obamas Internetstrategie aufging, lag aber auch am politischen System der USA, wo sich alle Macht auf den Präsidenten konzentriert und die Rolle der Partei in den Hintergrund tritt. Sieger wird, wem es gelingt, die Massen mitzureißen. Die perfekte Spielwiese für diese Art von Wahlkampf ist das Internet – das Medium, in dem jeder ein Star werden kann und alle darüber diskutieren.

Das Internet verführt leicht zur Selbstdarstellung

Für den deutschen Wähler ist Selbstdarstellung dagegen keine Charaktereigenschaft, sondern ein Übel. Und viele Dienste im Netz, bei Twitter und Facebook angefangen, verführen sehr leicht genau dazu. Aber sie eignen sich eben auch zur Kommunikation. Und dies meinte der Politikstudent, als er von der Amerikanisierung des Wahlkampfes sprach.

Obama hat angekündigt, einige Gesetzesentwürfe vor der Verabschiedung ins Internet zu stellen. Ein Schritt zu mehr Demokratie, der auch in Deutschland zum Vorbild werden könnte. Entdecken die deutschen Wahlkampfmanager das Internet, um sich mit den Wählern auszutauschen, wird 2009 eines der kommunikativsten Politikjahre aller Zeiten. Geht der Trend Richtung Selbstdarstellung, werden bei der nächsten Bundestagswahl besser wieder Aufkleber verteilt und Klinken geputzt.

Autor: Christoph Ries