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05. Juli 2010

11 Jahre Leben- und Arbeitsgemeinschaft "Am Bruckwald"

Festakt und Tag der Begegnung in der Sozialtherapeutischen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft "Am Bruckwald".

  1. 11 Jahre Leben- und Arbeitsgemeinschaft "Am Bruckwald", Produktverkauf Foto: Sylvia Timm

  2. 11 Jahre Leben- und Arbeitsgemeinschaft "Am Bruckwald", Festakt, Anna-Theresa Gutenkunst bei Eurythmie Foto: Sylvia Timm

WALDKIRCH. Miteinander sowie mit Wegbegleitern und der Öffentlichkeit zu feiern, war das Anliegen der Festveranstaltung und des "Tages der Begegnung" am Wochenende in der Sozialtherapeutischen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft "Am Bruckwald". Anlass dafür war die weitgehende Beendigung der Bauarbeiten in der antroposofisch orientierten Anlage, in der rund 120 Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf leben, 150 arbeiten und von 160 Menschen begleitet werden.

Die Festveranstaltung am Freitagabend richtete sich vor allem an die Bewohner, deren Verwandte sowie Menschen, die den Bau und die Inhalte in der Bruckwald-Gemeinschaft prägten. Geschäftsführer Christian Schreiber begrüßte sie alle als "liebe Bruckwälder", denn "wer einmal hier Luft geschnuppert hat, wird den Bruckwald sein Leben lang nicht mehr los". Nach vielen Jahren der gemeinsamen Arbeit und Entwicklung – drei Bauabschnitte mit investierten 16 Millionen Euro liegen hinter dem "Bruckwald" – galt es vielen Menschen Dank zu sagen für das Ankommen in der Gemeinschaft und auch das Ankommen in Waldkirch.

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Genannt wurden unter anderem der Architekt Hans-Peter Burkhardt, der Gemeinderat und OB Leibinger, Verantwortliche im Vorstand des Sozialwerkes und im Freiburger Haus "Tobias", Mitdenker, Handwerker und Unterstützer oder, wie Christian Schreiber sagte, "Allen, die aus des rechten Herzens Denken" heraus handelten, um Menschen mit Unterstützungsbedarf Heimat und Zukunft zu geben, ihre Vielfalt zu erleben und auch von ihnen zu lernen.

Zum Beispiel von ihrer Fröhlichkeit und Spontanität, die Franziska zeigte: Als Olaf Nielsen, Schulleiter vom Haus "Tobias" in Freiburg, in seiner Ansprache das Lied "Vor jedem steht ein Bild, des was er werden soll", zitierte, ging sie eilig nach vorn und sang die ganze Melodie.

Oder von dem offenen Blick und dem Mut von Fabian, mit seiner Begleiterin eine "Festrede" zu halten, obwohl er sich kaum mit Worten ausdrücken kann. Deutlich wurde gleichwohl, dass er sich am Bruckwald wohlfühlt, zum Beispiel im Saal, wo immer wieder Konzerte stattfinden, der Vorhang aufgeht und die Zuschauer klatschen – was Fabian mit Händen zeigte.

Oder von Anna-Theresas Ausdruck im Tanz, begleitend zu einer Gedichtlesung.

Oder von der Konzentration und Ernsthaftigkeit der Mitglieder des Bäcker-Musikprojektes bei ihrer Aufführung. Oder, oder, oder.

"Es gibt eigentlich nichts, was mir am Bruckwald nicht gefällt", sagte Katharina Sekulla, die seit fünf Jahren Mitglied im Werkstattrat, einer Art Personalrat, ist. Sie wünscht sich, dass die Bruckwald-Gemeinschaft noch lange bestehen bleibt, dass sie noch mehr von Waldkirch angenommen wird und dass man einen Gedenkstein setzt "für alle, die uns schon verlassen haben".

Michael Behringer überbrachte, stellvertretend für den terminbedingt erst später erscheinenden Oberbürgermeister, gute Wünsche für die Zukunft und erwähnte auch, dass die Bruckwaldgemeinschaft dazu beigetragen habe, dass Waldkirch 1996 zur ökologischen Modellkommune ernannt wurde. Unter den Produkten, die am Bruckwald hergestellt werden, fallen im Waldkircher Stadtbild Parkbänke ins Auge und zur Fasnet viele hier produzierte Kläpperle, wofür der Zunftvogt der Krakeelia natürlich ebenfalls herzlich dankte.

Marianne Wonnay, SPD-Landtagsabgeordnete und Mitglied im Förder- und Freundeskreis der Bruckwaldgemeinschaft, stellte für sich und dem verhinderten CDU-Bundestagsabgeordneten Peter Weiß fest: "Hier sind wir uns sehr einig: Hier herrscht ein besonderer Geist; jeder Einzelne wird als etwas Besonderes wahrgenommen." Dabei gehe es zwar auch um Fürsorge, zu allererst aber darum, diese Menschen mit ihren besonderen Fähigkeiten anzuerkennen. Sie zitierte auch den früheren Bundespräsidenten von Weizsäcker: "Behindert ist man nicht, behindert wird man."

Christof Burger vom Baugeschäft Karl Burger, der alle drei Bauabschnitte am Bruckwald mit seiner Firma begleitete, nannte die Begegnungen hier "einen echten menschlichen Gewinn, eine große Bereicherung für alle". "Seit elf Jahren darf sich Waldkirch freuen, den Bruckwald hier zu haben" – menschlich, aber auch als Partner des regionalen Handwerks. Kritisch merkte Hubert Lederer vom Förderverein an, dass zwischen dem mit öffentlichen Mitteln Machbaren und dem Gewünschten eine große Diskrepanz bestehe. Der Förderverein brachte in den elf Jahren mehr als eine halbe Million Euro auf, um die Lebensqualität in der Bruckwald-Gemeinschaft zu fördern, die allein durch Pflegesätze nicht hergestellt werden kann.

Beim Tag der Begegnung am Samstag konnten die Besucher mit den Bewohnern ins Gespräch kommen und Einblick in die Werkstätten nehmen. Schreinerei, Schlosserei, Wäscherei, Bäckerei, Werkgruppe und Kunsttherapie zeigten ihre Erzeugnisse und auch die besonderen Maschinen, die Menschen mit Beeinträchtigungen beispielsweise das Holzhacken, Bilderrahmen-Bauen und Schmieden ermöglichen. Ausstellungen gaben Einblick in die Bruckwald-Wohnhäuser, das tägliche Leben und Therapien. Auch Gesprächsrunden erleichterten die Begegnung, die aber auch ganz unformal an den Tischen im Festzelt, in den Werkstätten und an den Bewirtungsständen möglich war. Wer das Alles verpasst hat, ist zu bedauern.

Fotos vom "Bruckwald"-Fest unter http://www.badische-zeitung.de

Autor: Sylvia Timm