Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

22. Februar 2013

Beruf – Berufung – Künstler

Spannende Lesung des Deutschen Tagebuch-Archivs im Georg-Scholz-Haus Waldkirch / Finissage.

  1. Volker Lindemann begrüßte vom Tagebucharchiv Frauke von Troschke und einige Mitarbeiter zur Matinée am Sonntag im Georg-Scholz-Haus. Foto: Ernst Hubert Bilke

WALDKIRCH. Am kommenden Sonntag endet die aktuelle Ausstellung "Julia von Troschke" im Georg-Scholz-Haus in Waldkirch. Am vergangenen Sonntag begrüßte der Vorsitzende des Kunstforums Waldkirch, Volker Lindemann, die Mutter der ausstellenden Künstlerin und Vorsitzende des Deutschen Tagebucharchivs, Frauke von Troschke, zur Matinee. Einige ihrer Mitarbeiter lasen Texte zum Leitmotiv "Beruf: Künstler".

Das Deutsche Tagebuch-Archiv in Emmemdingen verstehe sich als Hort privater Geschichte, so von Troschke, das Material von Autoren des 18. Jahrhunderts bis heute werde von rund 100 Mitarbeitern ausgewertet, darunter sind auch Tagebücher und Aufzeichnungen von Künstlern. Querverbindungen von geschriebener und bildender Kunst aufzudecken, ist eine Zielsetzung, die sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltungen im Georg-Scholz-Haus zieht. Volker Lindemann freute sich daher, im voll besetzten Haus auf die Einblicke in künstlerische Lebensläufe.

Die Freiheit entdecken
Den Anfang machten Christel Olejar und Hans Dieter Schmitz, die auszugsweise aus dem Briefwechsel zwischen dem Maler Richard Eberle und seiner Schülerin Ursula Bott vortrugen. Ursula Bott war jahrzehntelang als Sekretärin berufstätig und verbrachte ihre Freizeit mit Kunststudien an Volkshochschulen. Mitte der 1980er Jahre geriet sie in eine Krise, als in ihrem Unternehmen Arbeitsplätze abgebaut wurden. Hier setzte der vorgetragene Briefwechsel ein, der schilderte, wie Ursula Bott zunächst zuversichtlich ist, wieder eine Stelle zu finden, aber nach einem guten Jahr in der Arbeitslosigkeit eine Art Freiheit entdeckte, die sie kreativ werden ließ, die sie sich ein Leben lang gewünscht hat, und bei der in beharrlicher Arbeit der Schlüssel zum Erfolg lag. Es entstand ein reger Austausch zwischen Eberle und Bott in den Jahren 1985 bis 1999. Die einfühlsamen Intermezzi spielte Rainer Wahl auf seinem Tenor-Saxophon. Es war für ihn eine Herausforderung, die zu den gelesenen Texten passende Musik zu improvisieren.

Werbung


Beobachten und lernen
Sie hatte einen guten Schulabschluss gehabt und studiert, aber dessen ungeachtet ein Leben als Haushaltshilfe geführt: Johanna Eißler, Jahrgang 1901. Friedrich Kupsch und Jutta Jäger-Schenk stellten eine Frau vor, die unter anderem in Briefen an ihre Schwester schilderte, wie wichtig es ihr war, Haushälterin von Künstlern zu sein, die sie zu eigenen Werken inspirierten. Besonders prägend war die Familie Modersohn für sie. Schon über 70 Jahre war sie alt geworden, als sie sich von der intimen Beobachterin des Kunstschaffens zur Künstlerin emanzipiert hatte und mit Erfolg in Fischerhude und Umgebung Bilder ausstellte und verkaufte. Sie starb 1981 inmitten ihres Schaffens, ein begonnenes Bild hinterlassend.

Sehnsucht nach Kunst
Einen väterlichen Freund und Mentor fand auch Gisela Hanke beim Maler Fritz Ebel junior, der wie sein Vater Fritz Ebel senior dem Künstlerverband "Malkasten" angehörte. Hans Dieter Schmitz hatte nur Briefe von Fritz Ebel aus den Jahren 1943 bis 1946, die einerseits Fragen einer jungen Frau in schwierigen Zeiten beantworteten, aber auch Einblicke in Kunstschaffen unter wechselnder Oberhoheit gewährten. So beschrieb Ebel die Mischung aus Dankbarkeit und Irritation, den Auftrag bekommen zu haben, "rassisch bedeutsame Kinderportraits" anzufertigen. Auch später in der sowjetischen Besatzungszone fand er ja durchaus Auftraggeber, die sich aber besonders dafür interessierten, welche Parteigenossen er schon portraitiert habe. Der Künstler sehnte sich nach Kunst um der Kunst willen und bereitete seine Ausreise ins Rheinland vor. In seiner Wahlheimatstadt Düsseldorf fand Ebel nur kurz die ersehnte Kunstfreiheit, weil er 1946 starb.



Grenzerfahrungen
Meistens gelangen Tagebücher aus Nachlässen ins Archiv. Zum Schluss aber las Christel Olejar: "Ich freue mich, am Leben zu sein, malen zu können", aus dem Tagebuch von Kiki Suarez 2012. Kiki Suarez hat zu ihren Lebzeiten ihre Tagebücher dem Archiv vermacht und schickt jedes Jahr das des vergangenen Jahres. Die Tagebücher aus jüngster Zeit beschreiben die Auseinandersetzung mit der fortschreitenden Erblindung, die eine Künstlerin besonders trifft, und die sie als gelernte Psychotherapeutin fachlich wie menschlich Grenzen erfahren lässt. Sie beschrieb, wie sie mit ihrem Restsehvermögen am Computer Kollagen mit Details und Ausschnitten aus ihren Bildwerken zusammenstellt und genießt, sich in der virtuellen Welt mitzuteilen und Käufer zu finden. Die in Mexiko lebende Künstlerin entdeckte in Ländern, die sie bereiste, die Leidenschaft, Formen und Farben in einer Art und Weise zu kombinieren, die sie in Deutschland nie gelernt hätte. Indigene Vorbilder ließen warmherzige und farbenfrohe Werke entstehen, die sie ins Netz stellt. Ähnliche Erfahrungen in der Überwindung europäischer Sehgewohnheiten hatte Julia von Troschke auf ihren Reisen gemacht und so war diese letzte Lesung ein gelungener Übergang, noch einmal die aktuelle, ebenfalls von Eindrücken rund um den Globus inspirierte Ausstellung zu betrachten.

Finissage am Sonntag: Die Dirigentin und Gesangsdozentin Angela Mink vom Emmendinger Music-Lab wird mit ihrem Trio am Sonntag, 24. Februar, um 11 Uhr im Waldkircher Georg-Scholz-Haus erwartet. Davor, ab 10 Uhr, werden Texte, die in der Schreibnacht zu Julia von Troschkes Bildern entstanden sind, vorgetragen. Damit endet die Ausstellung.

Vorschau: Vom 24. März bis zum 28. April 2013 stellen die Künstler Petra Göhringer- Machleid und Armin Göhringer Skulpturen und Objekte zeitgleich in zwei Kunsthäusern aus: im Georg-Scholz-Haus in Waldkirch und in der Emmendinger Galerie im Tor. Der Titel der Doppelausstellung"Verwachsen" spielt auf Materialien und Arbeitsweisen an: Beton trifft auf Wachs, Wachs auf Holz, Holz auf Papier, Papier auf Holz, Holz auf Metall. Eröffnet wird der Ausstellungsdialog mit zwei Vernissagen am Sonntag, 24. März: Um 11 Uhr im Georg-Scholz-Haus in Waldkirch und um 15 Uhr in der Galerie im Tor im Emmendinger Stadttor.




Autor: Ernst Hubert Bilke