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11. März 2010

Diagnose: Wir sind uns nicht gewachsen

Wolff-Ulrich Fenske und Lothar Beckmann lasen in der Art-Praxis / Poesie, Satire und Gesellschaftskritik in sehr hohem Tempo.

  1. Beckmann und Fenske in der Art-Praxis: Die Zwei lasen neue Texte in vollem Haus. Foto: Frank Berno Timm

WALDKIRCH. Warum gibt es eigentlich keinen Waldkircher Stadtschreiber? Lothar Beckmann wäre ein guter Kandidat – zwar eingewachsen und dazu gehörend, aber distanziert und klug genug, sich eigene Ansichten und Meinungen zu bilden und sie in Worte zu fassen. Sein Publikum, das wurde am Sonnabend in der "Art-Praxis" einmal mehr deutlich, hat Beckmann jedenfalls längst gefunden – er bedürfte gar nicht der Unterstützung von Rezitator Wolff-Ulrich Fenske, der eine Spur mehr aus sich herausgeht, als Beckmann es tut.

Schade nur, dass das Duo ein sehr hohes Tempo anschlug und zu wenig Raum ließ zwischen Texten, die im besten Sinn dicht waren. Auch Livemusik hätte dazu gepasst. Wo ist Beckmann am stärksten? Vielleicht, wenn es um Regionales geht, um Privates. Texte, die sich der großen Politik widmen, kamen manchmal im Duktus eine Spur zu appellativ daher: Es reicht nicht mehr, nur wie Beckmann zu sagen, dass der eigene Sohn beim Militär nicht mitmachen werde und Soldaten nicht marschieren sollten, denn es gibt noch genug junge Leute, für die der Dienst in der mittlerweile offiziell Krieg führenden Bundeswehr eine berufliche Option darstellt. Beckmann kann aber auch tiefer gehen: Wir hörten, aber wir hörten nicht hin. Wir fühlten, aber man müsse fragen, ob es uns berühre. "Die Diagnose ist bekannt, wir sind uns nicht gewachsen". So ist es wohl.

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Unverkennbar bleibt Lothar Beckmanns Lust an der Ironie. Dass ein Volksbegehren gegen Waffenexporte in der Schweiz gleich zweimal daran scheitert, dass auch das Schweizer Taschenmesser darunter fallen würde, spießt er genüsslich auf( wobei man schon fragen könnte, warum es vergleichbare Initiativen in Deutschland nicht zu geben scheint). Richtig böse wird Beckmann, wenn es um die Finanzkrise geht: Wir müssten "in die Arschkartenröhre" gaffen, findet er. Und erinnert an den skandalösen Umgang mit der nackten "Schlaraffia"-Skulptur der Bildhauerin Miriam Lenk, die im vorigen Jahr nur wenige Stunden in der Schalterhalle der Sparkasse Waldkirch zu sehen war. Ein bisschen lang, aber mehr als überzeugend, seine "Schweinehund"-Geschichte: Das Tier geht aus einem Beischlaf von Hund und Schwein hervor, wird von der Sauenmutter zu Höchstleistungen angespornt und inszeniert nach allen Regeln des Kapitalismus die Schweinegrippe – um möglichst viel am Impfstoff zu verdienen. Ach ja: Auch die Debatte um die Waldkircher Bäderlandschaft lebte am Sonnabend noch einmal auf."Wir sind allein aus Zufall hier/wie Blumen, Sand und Affen": Gott, glaubt Beckmann, sei ein Trugbild, das gelobte, heilige Land gebe es nur in Gedanken. Sympatisch könnte an solchen Sätzen sein, dass der Autor den Zweifel zulässt, sie nicht als Dogma in den Raum stellt, abwägt. Vielleicht, das ist noch die einfachste Erklärung, braucht einer wie er die Distanz auch in dieser letzten Konsequenz, die den Verzicht auf Glauben bedeutet. Woraus dann Hoffnung kommt, blieb zunächst offen. Vielleicht noch am ehesten aus der privaten Begegnung? Lothar Beckmann kann nicht nur bitterböse und ironisch sein, er findet auch sehr poetische, zarte Bilder. "Duft in meinen Händen" ist so eins. Aber er verkennt nicht, wie schrecklich und schmerzhaft Liebe sein kann : "Ich kann es nicht entscheiden, sie hat allein die Wahl."

Wie schon im ersten Programm im letzten Jahr führen Fenske und Beckmann auf der Bühne Dialoge, in dem sie sich Gedichte teilen. Dann wieder überlässt Beckmann seinem Kollegen die Bühne allein – und Fenske sorgt für Heiterkeit, wenn er norddeutschen Sprachduktus imitiert und die Fürchterlichkeiten der Migräne begreifbar macht. Ganz nebenbei: Wie Beckmann aus einem Wort eine Unzahl an Reimen herauszwingt, das hatte schon etwas. Hübsch war auch die Abwandlung von Fritz Jödes "Abendstille überall". Die Nachtigall, findet Beckmann, sei verschwunden. In dem Getöse der Ottomotoriker, die die unsinnigsten Geräte zur Pflege der Gärten und Wiesen einsetzten. Auch eine Referenz an Heine fehlte nicht: Beckmann fuhr zum Austern schlürfen in die Bretagne und ward dort aller Illusionen beraubt, weil das Getier nur nach Glibber und Zitrone schmeckte. Vielleicht hätte er wie Heine nach Hamburg reisen sollen? Das Publikum dankte mit berechtigtem Beifall.

NÄCHSTER TERMIN

in der Art-Praxis: am 20. März, 20 Uhr: Wolff-Ulrich Fenske mit Fridolin Steiert und Wolfgang Ochsenhirt: "Ein bisschen Bildung ziert auch den gemeinen Mann"  

Autor: fbt

Autor: Frank Berno Timm