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10. November 2012

Düsenjäger über dem Schiff

Erinnerungen von Albert Ruth aus Simonswald, der die Kubakrise vor 50 Jahren hautnah erlebte.

  1. Luftaufnahme von sowjetischen Raketenabschussrampen, Raketentransportern und Tanklagern auf Kuba im Oktober 1962. Die Raketenkrise rückte Kuba 1962 ins Zentrum des Weltgeschehens. Foto: Archivfoto: dpa (UPI)

SIMONSWALD. Als vor einigen Tagen in den Medien an die Kubakrise im Oktober 1962 erinnert wurde, bei dem es wegen der Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba zur Konfrontation zwischen den Vereinigen Staaten von Amerika und der Sowjetunion kam, kamen auch bei Albert Ruh aus Simonswald-Griesbach Erinnerungen hoch, die er für die BZ-Leser niederschrieb.

Vor über 50 Jahren fuhr ich ein paar Jahre zur See. Im Jahre 1962 fuhr ich als Elektriker auf einem schwedischen Handelsschiff. Ab Mitte 1962 war unsere Route immer Leningrad (St. Petersburg) nach Kuba und wieder zurück. Von Kuba war die Ladung immer Zucker, rund 6000 Tonnen. Von Leningrad nach Kuba bestand die Ladung – was man sehen konnte – immer aus Militäreinrichtungen, zum Beispiel Spinden, Uniformen, Stacheldraht, Militärlastwagen, Jeeps und sehr großen Kisten. Das Schiff wurde immer in Havanna entladen. Das dauerte etwa drei bis vier Wochen. Die Ladung wurde von einem russischen Bewacher begleitet.

Als wir gegen Ende Oktober von Leningrad kommend in die Nähe von Havanna kamen, wurden wir von einem amerikanischen Kriegsschiff gestoppt. Da wir ein schwedisches Schiff waren, wurden wir nicht kontrolliert und konnten die Fahrt fortsetzen. Als wir in Havanna ankamen, hatte sich die Stadt verändert.

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Alle öffentlichen Gebäude waren mit Sandsäcken und Polizei abgesichert, man durfte dort nicht stehen bleiben. Die Hafengegend war voll von russischem Militär. Gegenüber unseres Schiffes waren Flugabwehrgeschütze aufgebaut. Jeden Tag wurde Havanna von amerikanischen Düsenjägern im Tiefflug überflogen. Die Flugzeuge flogen ganz knapp über unser Schiff hinweg. Der Lärm war unerträglich. Wenn heute ältere Kubaner gefragt werden, sagen alle, der Lärm dieser Düsenjäger war das Schlimmste. Sobald die Düsenjäger in Sichtweite kamen, richteten sich die Abwehrgeschütze auf sie.

Wir sagten untereinander, wenn jetzt einer niesen muss, egal, ob im Flieger oder am Abwehrgeschütz, und dabei den Abzugsfinger bewegt, dann sind wir die ersten Opfer des dritten Weltkrieges. Im Nachhinein haben wir erfahren, dass wirklich jede Seite den Befehl hatte zurückzuschießen. In der Hafengegend gab es eine Kneipe mit einem deutschen Wirt. Er sagte uns, "Die Regierung und das Volk rechnen fest mit einem Angriff der Amerikaner." Zum Glück kam es nicht dazu; die Kubakrise ging gut aus. "Das sind meine Erinnerungen an die Kubakrise – zwei Wochen, als die Welt am Abgrund stand", schließt Albert Ruh aus Simonswald seinen Zeitzeugenbericht.

Autor: bz