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12. April 2011

Ein Mörder aus der Mitte der Gesellschaft

Buch über Karl Jäger von Professor Wolfram Wette.

  1. Ein neues Buch über ein grauenhaftes Kapitel auch der, Waldkircher Geschichte. Foto: BZ

WALDKIRCH. Vor 20 Jahren kam es im Zuge der erst damals breiter bekanntgewordenen Tatsache, dass ein Bürger der Stadt Waldkirch im Nationalsozialismus zum Massenmörder geworden ist, zu heftigen Auseinandersetzungen in der Stadt. Jetzt legt der in Waldkirch lebende Historiker Professor Wolfram Wette nach mehrjähriger Forschungstätigkeit in den Archiven und vielen Zeitzeugengesprächen eine Biografie unter dem Titel "Karl Jäger – Mörder der litauischen Juden" vor. Sie erscheint heute in der Schwarzen Reihe des Fischer-Taschenbuchverlages.

Wette folgt darin den Spuren eines Mannes, der in seiner Jugend zunächst durch seinen Sinn für Musik auffiel und im damals größten Waldkircher Orgelbauunternehmen als technischer Leiter und Prokurist Verantwortung trug. Nach seinem Freiwilligendienst im Ersten Weltkrieg trat Karl Jäger bereits 1923 der NSDAP bei und baute später einen SS-Sturm in Waldkirch auf. Nach längerer Arbeitslosigkeit in den 1930er Jahren, verbunden mit finanziellem persönlichen Niedergang und der Trennung von seiner Frau und drei Kindern, boten ihm die Nationalsozialisten ab 1936 in der SS eine hauptberufliche Perspektive mit Stationen unter anderem in Ludwigsburg, Ravensburg und Berlin. Ab 1941 war Jäger als SS-Standartenführer verantwortlich für den Mord an mehr als 130 000 Juden und anderen Menschen in Litauen, indem er die Befehle zum Töten gab (auch an schwangeren Frauen und an Kindern) oder selbst an diesen Massakern beteiligt war.

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Wolfram Wette beschäftigt auch die Frage, warum es für viele Waldkircher – und andere Deutsche – heute noch immer so schwer ist, diese Ereignisse als das wahrzunehmen, was sie sind: ein grauenhafter Bestandteil der Geschichte, mit Berührungspunkten direkt vor der eigenen Haustür und in Familien hinein, die man kennt. Dabei geht es ihm aber nicht um die Zuweisung von Schuld an Menschen, die damals noch Kinder oder noch gar nicht geboren waren, sondern um Überlegungen, wie eine Wiederholung menschenverachtender, mörderischer Politik für die Zukunft verhindert werden kann.

Autor: Sylvia Timm