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22. Oktober 2009

Peter M. Ritter - Gewalt, Sucht und Geheimnis

Peter M. Ritter mit zwei Geschichten von Edgar Allan Poe in der Güterhalle Bleibach

  1. Der Waldkircher Rezitator Peter M. Ritter gastierte mit neuem Programm in der Güterhalle Bleibach. Foto: Frank Berno Timm

GUTACH. "Was gucken wir heute?" Die allabendliche Frage des Nachwuchses nach der Gestaltung des individuellen Fernsehprogramms muss nicht zwangsläufig mit einer Sitzung vor dem Fernseher enden. Nicht nur Spaß und Spiel, gutes Essen und Trinken sind nachdenkenswerte Alternativen, auch die Welt der Bücher steht jedem offen, der Entspannung vom Alltag sucht. Man kann auch in die Güterhalle nach Bleibach fahren, wo der Kleinkunst-Verein sein abwechslungsreiches Programm anbietet. Am Sonnabend war erneut Peter M. Ritter zu Gast – der Waldkircher Rezitator brachte zwei Geschichten von Edgar Allan Poe (1809 – 49) mit: "Der Schwarze Kater" und "Die Tatsachen im Falle Valdemar".

So weit entfernt vom TV-Alternativprogramm zu Hause ist das nicht, was Ritter macht, wenn auch sein intensives, ja eindringliches Eintauchen in die Texte Kindern vermutlich eher den Einspruch entlocken würde, man solle "richtig vorlesen". Ritter sucht den schmalen Grat zwischen Rezitation und Theater, er will bestehende Grenzen – hin zu mehr Schauspiel und Aktion – verschieben. Zur eigentlichen Rezitation treten Beleuchtung, Musik (unter anderem Chopin) und vorsichtige Kostümierung. Beschränkungen legt sich Ritter allerdings auch auf: Er bleibt auf seinem Hocker sitzen.

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"Der Schwarze Kater" ist die Geschichte eines Verfalls, der in grässliches Verbrechen führt. Aus der Tierliebe eines Kindes, die der dann erwachsene Mann mit seiner Ehefrau teilt, wird durch Alkoholsucht tiefer Hass, ja Abscheu; schließlich Gewalt. Der Erzähler misshandelt seinen geliebten Kater, erhängt das Tier sogar. Dann sucht er in den "niederen Schänken", in denen er verkehrt, einen "Ersatz". Auch die zweite Katze folgt ihm auf Schritt und Tritt, eben auch in den Keller des Hauses. Beinahe stolpert der Erzähler und stürzt die Treppe hinunter, aus Wut will der Hausherr den Kater mit der Axt erschlagen, die Ehefrau geht dazwischen und kommt ums Leben. Dann nimmt das Verhängnis endgültig seinen Lauf: Die Polizei findet die in der Kellerwand eingemauerte Leiche bei einer Hausdurchsuchung – aufmerksam geworden durch den schreienden Vierbeiner, der mit eingemauert worden war.

Peter M. Ritter nimmt sein Publikum auf authentische Weise in das Geschehen mit. Hin und wieder fragt man sich allerdings, ob weniger Lichteffekte und dafür mehr Vertrauen in die Möglichkeiten der eigenen Stimme nicht dem Genre angemessener wäre. Auch das gleichbleibend zügige Lesetempo überrascht – Ritter verzichtet auf die Möglichkeit, einzelne Worte und Sätze in die Länge zu ziehen und so das Geschehen zu gestalten. Er sitzt, dem Gelesenen gemäß, im schwarzen, halb- offenen schwarzen Hemd unrasiert auf der Bühne.

Nach der Pause ist er dann bartlos und im schwarzen Gehrock zu sehen. Das passt zur Geschichte. "Die Tatsachen im Fall Valdemar" erzählen von etwas, das man medizinische Mode nennen könnte: dem Mesmerismus. Ritters Programmheft ist zu entnehmen, Franz Anton Mesmer (1734-1815) sei von magnetischen, für heilend gehaltenen Kräften ausgegangen, die "von den Händen besonders dafür begabter Menschen durch Berühren oder Bestreichen auf andere übergeht". Poes Geschichte – übrigens nicht minder grausig als die erste – beschreibt den Versuch, mit solchen Kräften den Tod eines Menschen herauszuzögern. Der schwindsüchtige Ernst Valdemar, dessen baldiges Sterben mehr als wahrscheinlich ist, erklärt sich zu dem Experiment bereit. Ritter lässt vor seinen Zuschauern in Bleibach ein Szenario entstehen, das mehr ist als nur die Beschreibung eines Krankheitsbildes. Das Ende Valdemars wird Stunde für Stunde hinausgeschoben. Es spielen sich – und hier ist Ritter großartig – schaurige Dialoge ab: Der Heiler fragt seinen Patienten ein ums andere Mal, ob er schlafe – dieser bejaht, fügt aber hinzu, dass er sterbe und dies auch wolle. Man möchte nicht wirklich mit dem Opfer des Experiments tauschen – Poe erzählt das Dahinvegetieren des Mannes in recht drastischen Bildern. Nach sieben Monaten will der Heiler seinen Patienten schließlich erwecken – der zerfällt dabei in eine eklige Masse. Das Bleibacher Publikum bedankte sich für den ungewöhnlich kurzen Abend mit langem Beifall.

Das eindringliche Rufen "Tod, Tod!" aus der letzten Geschichte begleitete den Rezensenten noch auf seiner Fahrt durch die Nacht nach Hause. Und das dürfte der entscheidende Unterschied zu Mattscheiben-Abenden sein: Jene hinterlassen nur selten ein solches Echo. Peter M. Ritter gelingt dieser Effekt, und das ist entscheidend.

Autor: Frank Berno Timm