In der Senioren-WG ist noch Platz

Sylvia Sredniawa

Von Sylvia Sredniawa

Do, 07. Dezember 2017

Waldkirch

Am Bahnhofsplatz entwickelt sich das Zusammenleben gut / Aber viele zögern noch, ob das Angebot das Richtige für sie ist.

WALDKIRCH. Ein halbes Jahr nach Fertigstellung der ersten zwei ambulant betreuten Wohngemeinschaften (WG) von St. Nikolai im Neubau gegenüber des Waldkircher Bahnhofs haben sich die ersten Senioren schon gut im Haus eingelebt. Trotz etlicher Anfragen sind aber auch noch viele Plätze frei. Am Freitag, 15. Dezember, von 10 bis 14 Uhr ist "Tag der offenen Tür".

Gedacht ist die ambulant betreute WG für Menschen, die schon Hilfe benötigen, aber auch noch Dinge des alltäglichen Lebens selbst bewältigen können. Bislang haben sich vier Frauen und zwei Männer entschlossen einzuziehen – andere bevorzugen eher die Wohnform des betreuten Wohnens. Während man beim "betreuten Wohnen" eine eigene kleine Wohnung hat, aber Gemeinschaftsräume im Haus nutzen und auf Betreuung zurückgreifen kann, steht beim "ambulant betreuten Wohnen" die Gemeinschaft stärker im Vordergrund. Zwar hat jeder Bewohner sein eigenes Zimmer mit Bad, dass er oder sie hier am Bahnhofsplatz auch komplett mit eigenen Möbeln ausstattet, aber vieles spielt sich auch im großen Gemeinschaftsbereich ab, erläutern Karin Schrodi und Christian Elsässer von der St.-Nikolai-Pflegedienstleitung.

Gemeinsam entscheide man über die Tagesabläufe, zum Beispiel, ob man mal zusammen backt, kocht oder mit dem Rees-Bus zum Einkaufen fährt. Auch darüber, wer eventuell notwendige Pflegeleistungen bei den Bewohnern übernehmen soll, die solche jetzt oder in Zukunft benötigen. Das setze zum einen ein gewisses Maß an Selbstständigkeit voraus, zum anderen auch die Offenheit, sich auf die neue Situation einer WG im Alter einzulassen, schätzt Oberbürgermeister Roman Götzmann (zugleich Stiftungsratsvorsitzender St.-Nikolai-Spitalfonds) ein. Eine 95-jährige Buchholzerin berichtet, dass sie erst nicht so begeistert von der Idee ihrer Angehörigen war, ihre Zwei-Zimmer-Wohnung, in der sie allein lebte, aufzugeben. Aber jetzt sei sie recht zufrieden. "Es passt zwischenmenschlich. Wir verstehen uns gut", sagt sie. In ihrem Zimmer ist sie froh, einige ihrer alten Möbel zu haben und Erinnerungsstücke, die ihr wichtig sind. Es tue auch gut, nicht mehr alleine zu sein, sagt sie und läuft ohne jedwede Gehhilfe wieder an den großen Gruppentisch zurück.

Zur Unterstützung der Senioren sind Alltagsbegleiter rund um die Uhr in der WG – insgesamt zur Zeit sieben Personen, die sich den Schichtbetrieb teilen, berichtet Wohngruppenleiterin Luitgard Disch. Die Alltagsbegleiter kümmern sich um die Betreuung der Bewohner, aber auch um praktische Dinge, wie das Wäschewaschen. Bei solchen Alltagstätigkeiten können die Bewohner gerne mit anpacken, denn es soll recht familiär, ein bisschen wie zu Hause, zugehen. Wie im Familienalltag muss man sich allerdings auch einigen, ob am Abend Fußball oder ein Film im Fernsehen geguckt wird oder man vielleicht zusammen ein Spiel spielt. Oder man zieht sich eben in sein Zimmer zurück. In allen Räumen gibt es Anschlüsse für TV, Telefon und Internet.

Die Mahlzeiten werden im Normalfall von St. Nikolai geliefert, können aber auch abbestellt werden, wenn die WG-Senioren sich selber darum kümmern möchten. Die Reinigung der Zimmer übernimmt ein externer Anbieter.

Für Waldkirch ist das "ambulant betreute Wohnen" noch ganz neu. Ermöglicht wurde es durch Neuerungen des Pflege-Neuausrichtungsgesetzes und das Gesetz für unterstützende Wohnformen, Teilhabe und Pflege. "Wir sind hier Vorreiter", sagt OB Götzmann, der aber auch einräumt, dass, wer Neuland betritt, sich in gewisser Weise auf einen Weg ins Unbekannte begibt. Unter anderem habe man angesichts der starken Nachfrage nach Pflegeplätzen und dem betreuten Wohnen in St. Nikolai eher mit einem Ansturm auf die neue Wohnform gerechnet. Dass es nicht so kam, hänge wohl damit zusammen, dass viele sich darunter noch gar nichts vorstellen können – daher auch der Tag der offenen Tür. Andererseits sei es wohl auch gut, langsam selbst in diese Wohnform hineinzuwachsen und den neuen Bewohnern ein Zusammenfinden zu ermöglichen. "Wir konnten Erfahrungen sammeln", so Götzmann. Kostenmäßig liegt das Angebot etwa im Bereich anderer Pflegeangebote, je nach Zimmer und eventuellen Leistungen aus der Pflegekasse pro Person etwa ab 2200 Euro.

Bislang sind in den zwei WG-Etagen am Bahnhofsplatz erst 6 von insgesamt 24 (zweimal 12) Plätzen belegt. 2018 wird außerdem das neue Gebäude in der Ortsmitte Buchholz fertig, wo diese Wohnform ebenfalls angeboten werden soll.