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21. Mai 2010
Kunstprodukt Schwarzwald
Ingeborg Gleichauf im Georg-Scholz-Haus: Kritik am Tourismusbetrieb.
WALDKIRCH. Sie hat über Ingeborg Bachmann promoviert, schreibt über Hannah Arendt und Simone de Beauvoir. Nun also der Schwarzwald: Die in Freiburg geborene, also kraft Geburt sachkundige Autorin, hat einen Band zur Heimatkunde-Reihe des Hoffmann-und-Campe-Verlags beigesteuert, aus dem sie am Sonntag im Georg-Scholz-Haus las.
Dass Ingeborg Gleichauf ihr Wissenschaftlerhandwerk gelernt hat, wird deutlich: Sie prüft Literatur, sie zitiert. Fast entsteht der Eindruck, als traue sie dem eigenen, durchaus kritischen Augenschein nicht, als wolle sie sich bei großen Namen rückversichern: Wilhelm Raabe, Bert Brecht (dessen Familie aus dem Schwarzwald stammte), Eduard Mörike (auch in der Vertonung des selten gehörten Hugo Wolf) und diverse andere scheinen auf. Aber sie macht sich doch auf den Weg, wandert viel und fährt wenig Auto, schaut über den eigenen, Südschwarz-wälder Kirchturm hinweg in Richtung Norden.Sie nimmt – gewiss zu Recht – Anstoß an den Inflationen der Erlebniswelten und Verkaufsbuden. Setzt sich, und daran kommt man wohl nicht vorbei, mit Klischees auseinander; rückt sie gerade: Der Bollenhut, stellt sie klar, werde im Schwarzwald eigentlich nur in drei Ortschaften getragen – in Gutach im Kinzigtal, Reichenbach und Kirnbach.
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Ausführlicher gerät die Auseinandersetzung mit dem "Schwarzwaldmädel": Die Operette von Leon Jessel (Musik) und August Neidhart, aufgeführt 1917 in Berlin, war nicht nur drei Jahre lang ausverkauft, sondern ist, findet Ingeborg Gleichauf, ein Kunstprodukt. Auch dem Wald geht es nach Ingeborg Gleichaufs Eindruck nicht anders. "Der Wald soll sein wie ein aufgeräumtes Wohnzimmer", in dem man schon Verkehrsregeln beachten müsse, es gebe "viel zu viele Schilder".
Auch die Badische Zeitung kommt vor: Ingeborg Gleichauf erinnert an eine Seite-Drei-Geschichte über die Pläne zu einer Triberger Erlebniswelt – neben den Wasserfällen sollte ein ganzes Schwarzwalddorf gebaut und natürlich mit der größten Kuckucksuhr der Welt ausgestattet werden. "Man kann selbst erleben ruhig umgehen".
Wo bleibt das Positive? Ingeborg Gleichauf erinnert an den Schriftsteller Thomas Strittmatter (1961-95). In dessen Werk, sagt sie, sei der Schwarzwald eingeschrieben. "Wenn ich ihn lese, habe ich ein Heimatgefühl". Der Schriftsteller hatte sich Berlin zu seinem Arbeitsdomizil gewählt. Auch mit der Arbeit des Graffitti-Künstlers Stefan Strumbel setzt sich Ingeborg Gleichauf ausführlich auseinander; Martin Heidegger allerdings findet nur in einer knapper gehaltenen Überlegung zu den Zusammenhängen von Sport und Philosophie Platz. Roland Burkhart steuerte am Ende ein Volkslied (plus neuer Strophe) bei.
Am Ende der Lesung kommt deutliche Kritik: Einerseits bleibe der naturzerstörende Skizirkus unerwähnt, andererseits habe doch der Tourismus einigen Regionen erst ermöglicht, der Armut zu entgehen. Ingeborg Gleichauf setzt sich zur Wehr: Dies sei ihre persönliche Auseinandersetzung mit dem Schwarzwald, zu der sie 100 Prozent stehe.
Dass die Gattung eines Heimatkunde-Buchs allzu viel und scharfe Kritik vermutlich nicht zulässt, bleibt ungesagt.
Autor: Frank Berno Timm
