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31. Januar 2011

Sexualmoral beschäftigt alle Kirchen

BZ-INTERVIEW mit Bernhard Uhde und Miriam Münch über ihre Vortragsreihe "Weltreligionen und Sexualität".

  1. Miriam Münch und Professor Bernhard Uhde Foto: Rebekka Sommer

WALDKIRCH. Das Ökumenische Bildungswerk veranstaltet eine Vortragsreihe zum Thema: Die Weltreligionen und die Sexualität. Vortragende waren beziehungsweise sind die Theologen Professor Bernhard Uhde und Miriam Münch vom Freiburger Institut für Systematische Theologie. BZ-Mitarbeiterin Rebekka Sommer sprach mit ihnen über den Zusammenhang von Religion und strenger Sexualmoral.

BZ: Welche Bedeutung hat denn die Kirche für die Sexualmoral in der heutigen Zeit überhaupt noch?

Uhde: Zunächst einmal wird die kirchliche Sexualmoral heute von vielen Menschen als sehr rigide empfunden. Dabei sind die kirchlichen Dokumente an sich gar nicht so lustfeindlich. In der Volksfrömmigkeit, im praktischen Umgang der Menschen mit der Religion, kommt Leib- und Lustfeindlichkeit viel stärker zum Tragen. Das Entgegenstellen von Kirchlichkeit und Sexualität ist nicht zeitgemäß, es sollte neu diskutiert werden.

Münch: Sexualität wird manchmal sehr einseitig betrachtet: Entweder wird sie hauptsächlich als Lustbefriedigung gesehen oder nur als Mittel zum Fortpflanzungszweck. In den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils ist aber ein viel umfassenderes Verständnis von Sexualität als Ausdruck von kommunikativer Verbundenheit angelegt. Das ist hochaktuell, aber dass dieser Ausdruck der Verbundenheit nur in der Ehe stattfinden darf, empfinden viele heute als schwer lebbar. Junge Leute heiraten später, weil sie etwa lange studieren und dann erst beruflich Fuß fassen müssen; auch Auslandsaufenthalte und räumliche Trennungen gehören heute zum Leben als Paar dazu. Und das sind trotzdem verantwortliche Beziehungen.

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Uhde: Im Mittelpunkt der christlichen Botschaft steht der Mensch. So wenig, wie wir ohne Verstand sein sollen, müssen wir ohne Sexualität leben. Dass sie nur in der Ehe und in gleichgeschlechtlichen Beziehungen gelebt werden darf, ist – vorsichtig ausgedrückt – befragbar. Wenn es rein um die Fortpflanzung ginge, dürften auch ältere oder zeugungsunfähige Paare keinen Sex haben. Sicher sollte man die intimste Form zwischenmenschlicher Zuneigung nicht leichtfertig eingehen. Aber bedarf das unbedingt eines institutionellen Segens?

BZ: Um auf einen ihrer Vortragstitel zurückzukommen: Religion und Sex, ist das tatsächlich eine so schwierige Beziehung?

Uhde: Der Haken liegt in der Vergänglichkeit, in dem Gedanken, dass gelebte Sexualität eine Hinwendung zum Weltlichen bedeutet, und nicht zur Seele. Dadurch kommt es oft zu einer Abwertung der Körperlichkeit. Religion ist ja auch eine Daseinsbewältigungsstrategie: Wie werde ich mit der Vergänglichkeit fertig. Aber erst wenn eine rigide Sexualmoral als Macht- und Gängelungsinstrument missbraucht wird – und Moral und Religion waren ja lange Zeit identisch – wird dieses Verhältnis schief.

BZ: Gibt es den Gedanken der Askese in allen Weltreligionen?

Uhde: Der Gedanke des Fastens und Tage der sexuellen Enthaltsamkeit tauchen in allen Weltreligionen auf, aber das bedeutet keine allgemeine Sexualitätsfeindlichkeit. Während ich mich einem anderen Menschen zuwende, kann ich nicht beten oder mir die Prinzipien der Ethik meditativ vergegenwärtigen. Darum geht es in allen Religionen. Die allgemeine Askese ist zum Beispiel im Islam gar nicht geschätzt, im Judentum nur in Ausnahmefällen, denn Gott hat ja den Menschen als sexuelles Wesen geschaffen.

BZ: Weshalb ist dann die Nacktheit verpönt?

Uhde: Diese zwei Dinge muss man trennen. Dass sie Entblößung vor Fremden nicht erwünscht ist, hängt kulturell damit zusammen, dass intime Körperzonen dem Partner vorbehalten sein sollen. Im alten Griechenland gab es den Witz, dass Frauen deshalb nicht zu den olympischen Spielen gehen dürften, weil ihnen beim Anblick der nackten Männerkörper die Lust verginge. Das Problem ist aber nicht, dass sexuelle Agitation entsteht, sondern ist gruppensoziologisch begründbar.

BZ: Die alten Griechen und Römer sind für einen natürlichen Umgang mit Körperlichkeit und Sexualität bekannt. Enthaltsam zu sein hätte bedeutet, sich gegen den Willen des Gottes Eros zu widersetzen. Hängt eine rigide Sexualmoral mit dem aufkommenden Monotheismus zusammen?

Uhde: Nein. In dem Augenblick, wo Gesellschaften geschlossener werden, wird die Sexualmoral restriktiv. Im späten römischen Reich wurde Ehebruch ähnlich streng bestraft, wie Staatsstreichverdacht. Wenn man Sexualität nicht einfach für animalisch hält, sondern für eine menschliche Anlage, muss man die Verantwortlichkeit dieses Tuns in Betracht ziehen. Gesellschaften haben ein starkes Interesse daran, dass sich kontinuierliche Beziehungen vollziehen.

BZ: Der kommende Vortrag behandelt die fernöstlichen Religionen...

Uhde: ... die sich schon als Religionen, aber auch in diesem Bereich stark unterscheiden. Die indische Geisteswelt hält Sexualität in maßgeblichen Strömungen für den vollendeten Ausdruck liebender Zuwendung, während die buddhistische Interpretation dahin geht, dass dem Weltlichen, Vergänglichen Leid anhaftet. Durch die Reduktion auf die Meditation entsteht ein Verlassenheitsproblem des Partners, auch in der Lebensgeschichte des Buddha, der seine Frau verlässt.

BZ: Wie haben die Zuhörer bis jetzt auf Ihre Vorträge reagiert?

Münch: Mit einer gewissen Erleichterung: Das haben wir schon immer gedacht, aber nicht tun dürfen. Wir spielten als Vortragende oft die Rolle derjenigen, die sagten: So lustfeindlich ist die Religion gar nicht. Wenn religiöse Vertreter sich sehr laut äußern, sind das oft die strengen Auffassungen. Es gibt aber auch die leiseren Stimmen, die sagen: Seid als Paar treu und zuverlässig. Und in diesem Rahmen könnt ihr euch dann auch ausleben.

Info: Der dritte Vortragsabend mit Bernhard Uhde und Miriam Münch beim Ökumenischen Bildungswerk ist heute, Montag, 20 Uhr im Katholischen Gemeindezentrum Waldkirch, Kirchplatz 7, und beschäftigt sich mit "Hinduismus, Buddhismus – Religionen der Befreiung – Religionen befreiter Sexualität?"

Autor: rso