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16. Mai 2009
"Sozial heißt gemeinsam"
Das Konzept, bürgerschaftliches und wirtschaftliches Engagement zu verbinden, ist aufgegangen.
WALDKIRCH. Die Waldkircher Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft (Wabe) wird in diesem Sommer zehn Jahre alt. Mit der Verleihung des "European Enterprise Award" am Mittwoch (die BZ berichtete) wurde der in Waldkirch eingeschlagene Weg auf europäischer Ebene gewürdigt. BZ-Mitarbeiter Frank Berno Timm sprach mit dem Geschäftsführer der Wabe, Martin Müller, der auf die ersten zehn Jahre zurückblickt.
BZ: Als die Wabe entstand, war ja in Gesellschaft und Politik noch mehr als heute davon die Rede, dass der Markt alles richten soll. Der Zusatz "sozial" war vergessen. Kann man die Wabe als Antwort auf diese Tendenz verstehen?Martin Müller: Ja! Und als Antwort in dem Sinn, dass "sozial" eben nicht "doof" heißt; dass es nur um angeblich "ungewaschene" Leute geht. Sozial heißt gemeinsam. Wir haben bürgerschaftliches Engagement und wirtschaftliches Denken zusammengeführt. Wenn sich aus der gegenwärtigen Wirtschaftskrise eine soziale Krise entwickelt sollte, müssen wir davor keine Angst haben, wenn wir den Leuten zeigen können, dass es darauf ankommt, Selbstverantwortung zu übernehmen. Außerdem muss noch klarer werden, dass es ein Grundrecht auf Betätigung gibt – selbst dann, wenn nicht unbedingt eine Entlohnung damit verbunden wäre. Eigentlich wäre ich fast für ein Grundeinkommen.
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BZ: Was heißt denn Erfolg für Sie? Bedeutet es, schwarze Zahlen zu schreiben, oder ist noch etwas anderes wichtig?
Martin Müller: Wir schreiben am Ende eines Jahres, wenn unsere Bilanz abgeschlossen ist, eine schwarze Null. Noch wichtiger ist: Wir haben in diesen Jahren 500 Menschen in den ersten Arbeitsmarkt zurückgebracht und betreuen derzeit 1500 Empfänger von ALG II. Im Kern unserer Arbeit steht, dass wir nie nur den Leistungsempfänger, sondern immer den Menschen als Ganzes sehen.
BZ: Herr Müller, nach zehn Jahren hören Sie Ende Juni als Wabe-Geschäftsführer auf. Warum?
Martin Müller: Ich bin ja zunächst Vorsitzender gewesen und erst im Zuge der Umstrukturierung am 7. Dezember 2004 zum Geschäftsführer bestellt worden. Es hat ja eine Zeit gegeben, zu der die Wabe unter einer anderen Geschäftsführung fast den Bach ’runtergegangen wäre.
BZ: Darauf würde ich gern noch einmal zurückkommen. Zunächst doch die Frage: Warum hören Sie auf?
Martin Müller: Das war eine Absprache mit OB Richard Leibinger und dem Stadtrat, dem ich immer wieder über meine Arbeit berichtet habe. Die Beschäftigung bei der Wabe war als zeitlich begrenzt geplant. Trotzdem macht es mir natürlich etwas aus, aufzuhören! So gut wie es der Wabe jetzt geht, stand sie noch nie da. Das ist sehr angenehm.
BZ: Hatten Sie denn in den letzten Jahren mal Momente, wo Sie am liebsten Alles hingeworfen hätten?
Martin Müller: Nein, aber das ist wohl eine Frage des Typs. – Allerdings werfe ich mir bis heute vor, dass ich nicht gemerkt habe, was die erwähnte Geschäftsführung gemacht hat.
BZ: Stand das Projekt Wabe, als es die Schwierigkeiten vor fünf Jahren gab, als Ganzes auf der Kippe?
Martin Müller: Die Gründung der gGmbH, also die Hereinnahme zweier großer Waldkircher Firmen als Gesellschafter, war die Folge. Das Problem war, dass Sozialversicherungsbeträge nicht überwiesen waren und Verwendungsnachweise für das damalige Arbeitsamt fehlten. Wir waren mit Summen zwischen 200 000 und 300 000 Euro in den Miesen. Damals bekamen wir die Möglichkeit, unsere kompletten Belege "noch einmal umzudrehen" – also eine professionelle Buchführung zu organisieren.
BZ: Hat sich das Konzept gGmbH bewährt?
Martin Müller: Auf jeden Fall! Wir konnten ein professionelles Management mit sehr guten Mitarbeitern aufbauen. Von den Firmen Faller und Sick stehen uns immer dann Berater zur Verfügung, wenn wir sie brauchen. Die Besonderheit einer "Sozialfirma", wie es die Wabe ist, besteht ja darin, dass wir jedes Jahr schauen müssen, wie wir zurecht kommen.
BZ: Wir haben über Rückschläge gesprochen – worüber haben Sie sich in den Jahren am meisten gefreut?
Martin Müller: Die Mitarbeiter, so wie sie jetzt sind, fühlen sich zur Wabe zugehörig; es gibt eine richtige "Corporate Identity". Das war nicht immer so. Es hat in den letzten Jahren immer wieder Störfeuer gegeben – wir gehen heute anders damit um. Und ich wiederhole: Es ist wichtig für uns, dass wir von zwei großen Firmen unterstützt werden – sie haben auch bei meiner Nachfolge geholfen.
BZ: Wie viel Zeit gewinnen Sie durch Ihren Abschied aus der Geschäftsführung und was tun Sie damit?
Müller: Ich glaube, es gibt vier Typen Führungspersönlichkeit: Macher, Aufklärer, Präsident und Mitläufer. Ich gehöre zu den Machern und möchte gern mehr Aufklärer werden, also andere beraten und unterstützen. Außerdem bleibe ich im Wabe-Verein und werde mich um einen Vorstandssitz bewerben. Auch im Amt für Bildung und Soziales, das ich leite, gibt es genug zu tun.
Autor: fbt
