Waldkircher AWO würdigt Sozialpolitikerin Marie Juchacz

Sylvia Sredniawa

Von Sylvia Sredniawa

Di, 08. Januar 2019 um 15:45 Uhr

Waldkirch

Das AWO-Stüble in Waldkirch ist jetzt Marie-Juchacz-Begegnungsstätte. Juchacz hielt als erste Frau eine Rede in der Nationalversammlung und war Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt.

Aus Anlass des Gründungsjubiläums der Arbeiterwohlfahrt trägt das Waldkircher AWO-Stüble jetzt den Namen von Marie Juchacz, die diese Organisation vor 100 Jahren ins Leben rief und außerdem als Abgeordnete der Weimarer Nationalversammlung kurz nach Einführung des Frauenwahlrechts die erste Rede einer Frau vor diesem Gremium hielt.

Würdiger Rahmen für die Namensgebung war ein Neujahrsempfang der Waldkircher Arbeiterwohlfahrt. Der Ortsvereinsvorsitzende Klaus Laxander konnte dazu unter den Mitgliedern die Ehrenvorsitzende Lina Specker sowie aus der Politik die Landtagsabgeordneten Sabine Wölfle (SPD) und Alexander Schoch (Grüne), Oberbürgermeister Roman Götzmann und mehrere Gemeinderäte begrüßen und ihnen allen beste Wünsche für 2019, unter anderem "inneren und weltlichen Frieden" aussprechen. Die Namensgebung für das AWO-Stüble sei dem Vorstand ein Herzensanliegen und bot Anlass, ein noch vielfältigeres Jahresprogramm aufzustellen, wie es schon sonst besteht. Ziel sei, die AWO damit zu stärken und noch mehr im Gemeinwesen zu verankern – sowie Mitstreiter zu gewinnen für die vielfältige soziale und gesellige Arbeit des Vereins. Dieser lädt nicht nur regelmäßig zu Seniorennachmittagen und anderen Treffen ins AWO-Stüble im Bürgerhaus an der Schlettstadtallee ein, sondern organisiert auch hauswirtschaftliche Hilfen, Hol- und Bringdienste, Begleitung zum Arzt, Besuche gegen die Vereinsamung, Grabpflege, Sozialrechtsberatung und mehr. Ein richtiger Renner ist inzwischen auch das Repair-Café. Neu in diesem Jahr ist das Weiberkino an jedem letzten Donnerstag im Monat.

Die Festrede zur Umbenennung des AWO-Stübles in Marie-Juchacz-Begegnungsstätte hielt die Landtagsabgeordnete Sabine Wölfle. Geboren wurde Marie Juchacz am 15. März 1879 in Landsberg an der Warthe in einer Arbeiterfamilie. Sie besuchte erst die Volksschule und durchlief danach verschiedene berufliche Stationen als Dienstmädchen, Fabrikarbeiterin, in der Krankenpflege und zwei Jahre als Wärterin in einer damals so genannten Landesirrenanstalt, berichtete Wölfle. Von ihrem schmalen Lohn sparte sie soviel sie konnte und ermöglichte sich damit später durch Kurse die Ausbildung zur Schneiderin und arbeitete in diesem Beruf bis 1913. Nach ihrer Scheidung 1906 zog sie mit ihren zwei noch sehr kleinen Kindern nach Berlin, "für die damalige Zeit schon ein eher ungewöhnlicher, ja fast unerhörter Vorgang", so Wölfle. In Berlin lebte Marie Juchacz gemeinsam mit ihrer Schwester von dem Geld, welches beide mit Nähen in Heimarbeit verdienten. 1908 trat Juchacz der SPD und engagierte sich dort für Bildung und Frauen. Regelmäßig ging sie auf Vortragsreisen, wurde schließlich Frauensekretärin im Parteivorstand (als Nachfolgerin von Clara Zetkin) und übernahm die Redaktionsleitung der Frauenzeitung "Die Gleichheit". In Köln war sie während des Ersten Weltkriegs unter anderem für die Verteilung rationierter Lebensmittel zuständig. Als Mitbegründerin der Nationalen Frauengemeinschaft kämpfte sie für die Einführung des Frauenwahlrechts und gegen die Not der Frauen. "Gemeinsam richtete man Kindergärten, Flüchtlingsquartiere, Hauspflege für Kranke und Invalide sowie Anstalten für Armenpflegen und Kriegsfürsorge ein", berichtete Sabine Wölfle. "Damit aber nicht genug. Dank Marie Juchacz gab es bald Suppenküchen, Nähstuben und Heimarbeitsplätze." Sie sei eine starke Frau gewesen, "die nicht nur hinschaute, sondern helfen und Missstände beseitigen wollte".

Am 12. November 1918 wurde es endlich Gesetz, dass Frauen wählen durften und gewählt werden konnten. Die erste Wahl fand dann am 19. Januar 1919 statt und Marie Juchacz war eine der 37 Frauen, die in die Weimarer Nationalversammlung gewählt wurde. Es war dann auch Marie Juchacz, die am 19. Februar 1919 die erste Rede als gewählte Parlamentarierin halten durfte. Am 13. Dezember 1919 gründete sie den Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD, den Vorläufer der heutigen AWO. "Marie Juchacz wollte keine Almosen für die Menschen, sondern helfende Solidarität.
Genau dies isst bis heute das Fundament der AWO. Wer die Leitsätze und das Leitbild der AWO liest, findet hier genau das Denken und Wirken von Marie Juchacz bis heute wieder." Wölfle wünschte der Waldkircher AWO, "dass mit dem neuen Namen die historische Verbundenheit mit ihrer Gründerin im Geiste von Solidarität, Menschlichkeit und Fürsorge Früchte trägt und die wundervolle Arbeit und das Engagement der AWO Waldkirch damit gestärkt wird und hier weiterhin viel Gutes für die Menschen bewirkt werden kann."

Alexander Schoch gratulierte dem Ortsverein zur Umbenennung persönlich, der Bundestagsabgeordnete Johannes Fechner (SPD) ließ Grüße ausrichten, verbunden mit den Dank an alle haupt- und ehrenamtlich Engagierten. Oberbürgermeister Roman Götzmann eröffnete seine Worte mit einem Zitat aus der "Internationale": "Es rettet uns kein höh’res Wesen...": Mit der Gründung von Selbsthilfeorganisationen hätten Arbeiter ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Heute sei die AWO in Deutschland ein moderner Sozialverband, der zugleich ein großer Arbeitgeber mit 212 000 Angestellten und entsprechenden Strukturen sowie ein Verein mit 66 000 ehrenamtlichen Aktiven ist. Für das Engagement für die Menschlichkeit dankte er im Namen der Stadtverwaltung und des Gemeinderates und auch persönlich.

Nach der Enthüllung der Gedenktafel am Bürgerhaus wurde mit Sekt angestoßen und eine leckere Torte angeschnitten, die Patissier Armand Maier ebenso wie herzhafte Häppchen aufwendig gestaltet hatte.

Weitere Infos zum Verein unter http://www.awo-waldkirch.de