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12. Oktober 2011

Der Reiz des Fremden

Die Waldshuterin Lea Gebhardt berät seit zwei Jahren in China Firmen in Steuerfragen.

  1. Lea Gebhardt studierte und arbeitet in China. Foto: Tillesen

WALDSHUT-TIENGEN (til). Seit zwei Jahren lebt die junge Waldshuterin Lea Gebhardt (31) in Peking. Sie ist Diplomwirtschaftssinologin und wurde von der Düsseldorfer Niederlassung ihrer Firma PWC (Pricewaterhouse Coopers) zur Betreuung und Beratung ihrer Kunden bei Steuerfragen nach China geschickt. Zudem ist sie als einzige Frau in den Vorstand der chinesisch-schweizerischen Handelskammer gewählt worden. Derzeit besucht sie ihre Eltern in Waldshut – Anlass genug, um sie nach ihren Eindrücken und Erfahrungen zu fragen.

Warum gerade China? Lea Gebhardt lacht: "Mich hat schon immer das Fremde fasziniert, gerade das Chinesische." Deshalb hat sie bereits im Kolleg St. Blasien Chinesisch als Wahlfach gewählt und durfte in der 12. Klasse eine Studienfahrt zur chinesischen Partnerschule in Qingdao mitmachen. Das habe ihr so gut gefallen, dass sie nach dem Abitur 1999 ein halbes Jahr in Peking studiert hat.

"Überall war damals dieser Wille spürbar, sich mit Fleiß hochzuarbeiten. Das hat mir imponiert und ich wollte irgendwas mit Chinesisch machen. Da war der Studiengang mit der Kombination von Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre und Sinologie in Konstanz ideal für mich." Von dort aus konnte sie – wieder ein Glücksfall – zwei Auslandssemester in Schanghai verbringen. 2009 bewarb sie sich schließlich für ihre Firma in Peking.

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Das fiel in eine Zeit, in der in China vieles im Umbruch war: "Es hat sich seither unglaublich viel verändert: Die Lebensbedingungen und die hygienischen Verhältnisse haben sich verbessert, ein regelmäßiges Stromnetz und ein U-Bahn-Netz wurden ausgebaut."

Gibt es auch negative Entwicklungen? "Ja, die Chinesen sind sehr ichbezogen und haben eine Ellbogenmentalität. Das müssen sie auch, denn der Druck ist groß: Ihre Einzelkinder müssen die bestmögliche Karriere machen, denn sie müssen später für ihre Eltern und Großeltern sorgen. Erst ganz allmählich wird jetzt vom Staat ein soziales System aufgebaut, weil die Bevölkerung hoffnungslos überaltert ist." Alle Kinder würden in Krippen oder bei Großeltern untergebracht, weil die Frauen arbeiteten. Als belastend empfindet Lea Gebhardt die Umweltverschmutzung und den Straßenverkehr; die mittlerweile achtspurigen Straßen seien ständig verstopft. Deshalb nimmt sie am liebsten das Fahrrad. "Die Entwicklung ist gigantisch. Wo heute meine Wohnung im Zentrum steht, waren früher Acker."

Lea Gebhardt hat die Erfahrung gemacht, dass Kontakte zu Chinesen nicht leicht sind, weil sie sich erst einmal distanziert verhalten. Nur mit ihren Arbeitskollegen – "wir sind etwa 20 Ausländer unter rund 3000 Chinesen" – geht sie öfter aus. "Die Chinesen singen für ihr Leben gerne und nehmen mich öfter zum Karaoke-Singen mit." Doch viel Freizeit hat sie nicht, zehn Arbeitsstunden sind normal und dazu noch Abendveranstaltungen. Aber sie ist immer noch begeistert: "Das Leben dort ist spannend. Ich habe da meine Freunde und meine Arbeit, die mir Spaß macht." Da bleibt nicht viel Zeit für Heimweh.

Autor: bz