Gurtweiler Mühle ist bald Geschichte

Alfred Scheuble

Von Alfred Scheuble

Mi, 05. September 2018

Waldshut-Tiengen

Mehr als 1000-jährige Historie endet mit Abbruch / Eine Wiese statt neuer Bebauung.

WALDSHUT-GURTWEIL. Die weit mehr als 1000 Jahre alte Gurtweiler Mühle wird derzeit abgebrochen. Der Eigentümer sah sich zu diesem Schritt gezwungen, nachdem das seit vielen Jahren leerstehende Gebäude nicht mehr versichert werden konnte und bei einem Sturm auch schon Dachziegel ein Auto zertrümmert hatten. Nachdem das Denkmalamt und das Baurechtsamt im Juli die Freigabe für den Abbruch erteilt hatten, rückten nun zu Beginn zwei Bagger an.

Bereits nach zwei Tagen war eine Hälfte des Gebäudes dem Erdboden gleichgemacht. In wenigen Tagen wird es das historische Gebäude nicht mehr geben. Zwar versuchte eine Privatinitiative im letzten Moment noch, das Turbinenhaus am Mühlekanal zu retten, aber ohne Erfolg. Das frei werdende Grundstück am Mühleweg wird vorerst nicht mehr bebaut, sondern als Wiesenfläche angelegt. So jedenfalls will es der Eigentümer, der bereits viele Anfragen von Immobilienfirmen abgewehrt hat.

Die Geschichte der Gurtweiler Mühle geht weit ins erste Jahrtausend zurück. "Es gab hier günstiges Wasser zum Betriebe von Getreide- und Sägemühlen. Dies lockte zur Ansiedlung", heißt es in der Gurtweiler Chronik. In der Schenkungsurkunde aus dem Jahr 873 wurden "im Weiler, der sich Gurtweil nennt" Ländereien, Wasserrechte und Wasserläufe dem Kloster Rheinau "zum festen immerwährenden Besitz" überschrieben. In dieser Urkunde sind auch zwei Mühlen (eine Säge- und eine Mahlmühle) erwähnt.

Das aus dem Schlüchttal kommende Wasser der Schlücht wurde kurz nach der Haselbachmündung in einen künstlich angelegten Kanal (Mühlekanal oder Mühlebach genannt) abgeleitet und für den Betrieb der Mühlen genutzt. Die Mühlen gehörten über Jahrhunderte hinweg zum Hofgut (Gurtweiler Schlossareal) und wurden meist als Lehen veräußert.

1615 kaufte Hans Müller die Getreidemühle. Sie bestand aus einer "gemauerten Behausung, darin zwei Mühlgänge, ein Rendler, eine Reibe, eine Stampf und Säge mit Krautgärtlein dabei." Der Wert der Mühle wurde um 1650, als sie im Eigentum der Herren von Heidegg war, auf 2000 Gulden geschätzt. Im Dreißigjährigen Krieg hatte die Mühle offenbar Schaden erlitten, denn "im Jahre 1664 machte Mathias Hamman, Zimmermann von Hüfingen, einen neuen Dachstuhl auf die Mühle und ein neues Mühlenwuhr." Über die nachfolgenden Besitzer ist wenig bekannt.

Etwa 200 Jahre später, im August 1885, übernahm Anton Weber aus Altbierlingen bei Ulm den Mühlenbetrieb. 1891 brach am Maria-Himmelsfahrtstage über Mittag in der Scheuer ein Brand aus und in kurzer Zeit lag die Mühle mit Behausung als rauchender Trümmerhaufen dar, nur die alte Beimühle in der Gartenecke blieb stehen.

Bald darauf erhob sich ein stattlicher Neubau in der jetzigen Mühle und getrennt davon wurde über dem Weg (heutiger Mühleweg) ein Wohnhaus erstellt. Die neu errichtete Mühle und das inzwischen renovierte Wohnhaus befinden sich seither in sechster Generation im Familienbesitz. Anton Weber (gestorben 2006) war bis in die 1990er Jahre der letzte Mühlenbetreiber.

Längst aber bestimmte nicht mehr ein vom Mühlekanal angetriebenes Wasserrad die Mühlsteine (der letzte Mühlstein wurde 1957 außer Betrieb genommen), sondern neuzeitliche Antriebs- und Mahltechniken (doppelte Walzenstühle) wurden im vergangenen Jahrhundert eingebaut. "Früher hat ein Müller etwa zehn Zentner am Tag gemahlen, um 1990 waren es drei bis vier Tonnen in zwölf Stunden", erklärte einst der verstorbene Müller Anton Weber. Auf vier Etagen verlief einst der Weg des Getreides von der Annahme über die Trocknung, das Schälen und Reinigen, die verschiedenen Mahlgänge und die richtige Mischung bis hin zum Wiegen und Verpacken.

Verarbeitet wurden in den letzten Jahren des Betriebs Weizen und Roggen zu Mehl und Backschroten sowie Gerste, Hafer und Mais zu Futterschroten. Neben den Privatkunden belieferte die Mühle in Gurtweil vor allem Bäckereien und Warengenossenschaften in der Region.

Sein Handwerk betrieb der letzte Müllermeister gerne. So sagte Anton Weber kurz vor seinem Ruhestand: "Ein bisschen Technik, die Verbundenheit mit dem Getreide und immer ein bisschen unter Leuten, das ist einfach schön." Jetzt, nach dem Beginn der Abbrucharbeiten, gehört der "Gurtweiler Mühlenzauber" endgültig der Vergangenheit an und wird nur noch in den Geschichtsbüchern weiter bestehen.