Der radikale Menschenfreund

Martin Halter

Von Martin Halter

Mo, 01. Juni 2015

Südwest

Gesicht und Stimme der Bewegung: zum Tod des Freiburger Liedermachers, Autors und Journalisten Walter Mossmann.

Heldenkult oder gar Heiligenverehrung war seine Sache nie. Für Walter Mossmann war das Volk der Souverän, der seinen Willen direkt und demokratisch, ohne Vermittlung von Politikern, Journalisten oder Liedermachern ausdrückt. Mossmann war das alles auch und noch viel mehr: Regisseur, Schriftsteller, Kursbuch-Essayist, Bänkelsänger, Redner auf Grünen-Parteitagen. Aber er nahm sich nicht so wichtig, und er hielt die Geschichten der kleinen Leute für mindestens so denkwürdig wie die der großen. Trotzdem, wenn es ein Pantheon alemannischer Widerstandskämpfer, eine Walhalla der badischen Revolutionen gäbe, hätte Mossmann einen Ehrenplatz gleich neben Jos Fritz und Friedrich Hecker verdient.

Bewaffnet nur mit seiner Klampfe und einer kämpferisch rauen Stimme, hat er ein halbes Jahrhundert lang schier alle alternativen Bewegungen, Kämpfe und Projekte in und um Freiburg mitgegründet, angeführt oder wenigstens besungen. Mossmann war der Lieder- und Filmemacher, Dichter und Sänger des Dreyecklands, in der Heimat geerdet und international vernetzt. Er erklärte Rudi Dutschke, wie die Kaiserstühler Bauern ticken, und produzierte für den Südwestfunk umstrittene Dokus wie "S’Weschpenäscht", er sang vor verständnislosen Studenten alemannische Evergreens wie "In Mueders Stübele" und schrieb Libretti für Avantgarde-Opern wie "Der Störfall".

Mossmann hat mit Wolf Biermann Konzerte bestritten, Rotwein getrunken und diskutiert, aber den Opportunismus seines Freund-Feindes machte er sich nicht zu eigen. Nur wer sich nicht allzu sehr wandelt, bleibt sich treu. "Leben, kämpfen, solidarisieren" – das war seine heilige Dreifaltigkeit bis zuletzt. Schon 1965, bei seinem ersten Auftritt auf Burg Waldeck, dem Woodstock der deutschen Protestsänger, wurde Mossmann als vielversprechende "Entdeckung" gehandelt. Es war die Zeit des Aufbruchs, der Befreiung aus der Enge von deutscher Provinz und Unheilsgeschichte. Auch für Mossmann persönlich, der zeitlebens mit seinem Nazivater und seiner alles beschweigenden, beschwichtigenden Mutter rang.

Waldeck wurde sein "Fenster zur Welt": Hier lernte er ganz neue Töne und Takte kennen, französische Chansons, amerikanische Folksongs, revolutionäre Lyrik aus Südamerika. Mossmann hat von Jacques Brel, Pete Seeger, Roque Dalton oder Daniel Viglietti vermutlich mehr gelernt als von Marx und Engels. In den Filmen der Nouvelle Vague, in Baguette und Gauloises entdeckte er bei seinen Tramptouren nach Südfrankreich ein berauschend neues Lebensgefühl, in der US-Bürgerrechtsbewegung ein Verständnis von Demokratie und politischer Praxis, das sich vorteilhaft vom deutschen Obrigkeitsstaat abhob. In Reinhold Schneiders Satz "Das Wort Nation ist mir jeden Sinnes bar" verliebte er sich schon des Genitivs wegen.

Die Internationale der Waldeck-Sänger zerfiel wie die Studentenbewegung bald in rivalisierende Gruppen: Während die Reinhard-Mey-Fraktion sich das heitere Gammlertum nicht vermiesen lassen wollte, gingen Politbarden wie Degenhardt, Süverkrüp, und Hannes Wader in die Deutsche Kommunistische Partei (DKP). Mossmann stand zwischen den Lagern; er kam, wie er 1967 sang, "aus einer anderen Provinz", und hier, links unten im Dreyeckland, fand der gebürtige Karlsruher dann auch seine Heimat. Die Bürgerinitiativen waren für Mossmann die neue, bessere APO, nicht studentisch-elitär, sondern volkstümlich und basisdemokratisch. In Wyhl erlebte er staunend, dass es nicht nur in Chile oder Italien, in Filmen und Büchern eine "Poesie des Widerstands" gab. Platzbesetzungen, Maskenumzüge, Freundschaftshütten, Grenzüberschreitungen: "Aha, so etwas geht also auch hier."

So wurde Mossmann in den Siebzigern die Stimme der Anti-AKW-Bewegung. In den Achtzigern, als viele seiner Genossen resignierten oder Karriere machten, besang er unverdrossen Beispiele poetischen Widerstands. "Was du getan hast, ist radikal", hieß es im "Lied für meine radikalen Freunde", "ach, wär’s doch normal." Später, als ihm der Kehlkopfkrebs schon die Stimme genommen hatte, entdeckte Mossmann in Lemberg noch einmal eine grenzüberschreitende Utopie: Mitteleuropa als Brücke zwischen Ost und West. In seiner Autobiografie "Realistisch sein – das Unmögliche verlangen" warf er 2008 einen Blick zurück ohne Zorn, milder und gelassener als früher. Mossmann ließ sich nie von harten Zeiten verhärten, aber er hat auch nie seinen Frieden mit ihnen gemacht.

Geschichte war für ihn eine subjektive Konstruktion, voller Brüche und Widersprüche, und das galt auch für seine "wahrheitsgemäß gefälschten Erinnerungen". Mossmann war weder ideologischer Dogmatiker noch romantischer Schwärmer; in seiner Autobiografie bekannte er sich freimütig zu seinen Irrtümern und Fehlern.

Dass er den frischen, poetischen Charme seiner frühen Songs eher holzschnittartigen "Flugblattliedern" opferte, war kein Fehler. Wer etwas bewegen will, muss auch die plakative Agitprop-Lyrik beherrschen, und von kulinarischer Kunst und bloßer Unterhaltung hielt Mossmann sowieso nichts. So großzügig er sich bei Kollegen aus aller Welt bediente, so freigebig ging er dabei mit seinen eigenen Urheberrechten um: Was er schrieb und sang, war Volkseigentum, "öffentlicher Gebrauchswert". Die Globalisierung des Kapitals, Internet und Facebook haben seine Träume von Gegenöffentlichkeit und internationaler Solidarität ziemlich ramponiert.

In der Nacht zum Samstag ist Walter Mossmann im Alter von 73 Jahren nach langer Krankheit in Breisach gestorben.