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29. Juni 2017 00:01 Uhr

BZ-Interview

Warum der CDU-Abgeordnete Thomas Dörflinger gegen die Ehe für alle stimmt

Wenn im Bundestag über die Ehe für alle entschieden wird, wird ein großer Teil der Unionsabgeordneten mit Nein stimmen. Dazu gehört der Waldshuter Thomas Dörflinger. Warum?

  1. Thomas Dörflinger Foto: Dietmar Junginger

  2. Zwei Männer werden im August 2016 in der Marienkirche in Berlin getraut. Nach Angaben der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz soll es sich dabei um die erste gleichgeschlechtliche Trauung der Landeskirche handeln. Foto: dpa

BZ: Herr Dörflinger, warum werden Sie gegen die Ehe für alle stimmen?
Dörflinger: Der Begriff der "Ehe" im Artikel 6 des Grundgesetzes ist durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und die jüngste Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte eindeutig definiert als die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau. Darüber kann man nicht hinweggehen. Wenn man das politisch will, muss man die Verfassung ändern.

BZ: Sie würden aber eine solche Verfassungsänderung auch nicht mittragen...
Dörflinger: So ist es.

"Die Beziehung zwischen Mann und Frau, die sich in der Ehe dokumentiert, ist auf die Weitergabe von Leben ausgelegt." Thomas Dörflinger
BZ: Was bringt Sie zu Ihrem Nein in der Sache?
Dörflinger: Die Diskussion wird gerade geführt, als würden die Befürworter der Ehe Menschen, die in anderen Beziehungen leben, etwas nicht gönnen. Darum geht es nicht. Der Staat würdigt in der Verfassung nicht die Liebe zwischen zwei Menschen, sondern die Tatsache, dass die Beziehung zwischen Mann und Frau, die sich in der Ehe dokumentiert, auf die Weitergabe von Leben ausgelegt ist. Das sind andere Beziehungen nicht, in denen durchaus Werte gelebt werden, wie sie in der Ehe gelebt werden.

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BZ: Aber viele gleichgeschlechtliche Paare ziehen auch Kinder groß.
Dörflinger: Darum geht es nicht. Sondern um die Weitergabe von Leben. Diese ist in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung zwar auch möglich, aber mit Methoden, die in Deutschland verboten sind, zum Beispiel mit Hilfe einer Leihmutter.

BZ: Es kann aber auch eine Frau durch Samenspende ein Kind bekommen und mit ihrer Partnerin aufziehen. Würden Sie das nicht als Weitergabe von Leben in einer Ehe akzeptieren?
Dörflinger: Nein, das fällt für mich nicht darunter.

"Ich habe dem Lebenspartnerschaftsgesetz seinerzeit unter Rot-Grün nicht zugestimmt." Thomas Dörflinger
BZ: Kanzlerin Merkel ist am Montag von einem Mann gefragt worden, warum er seinen Partner nicht zum Ehemann nehmen kann. Was hätten Sie geantwortet?
Dörflinger: Dass die Ehe etwas anderes ist als die Lebenspartnerschaft. Und der Verfassungsgeber ist gefordert, Ungleiches auch ungleich zu behandeln.

BZ: Dass gleichgeschlechtliche Paare darin eine Diskriminierung sehen, können Sie nicht nachvollziehen?
Dörflinger: Nein. Durch die gesetzgeberischen Maßnahmen auf der Basis des Lebenspartnerschaftsgesetzes ist eine weitgehende Gleichstellung gegeben.

BZ: Ging Ihnen das schon zu weit?
Dörflinger: In der Politik gilt: Pacta sunt servanda. Ich habe dem Lebenspartnerschaftsgesetz seinerzeit unter Rot-Grün nicht zugestimmt. Gleichwohl erkenne ich an, dass es rechtliche Realität ist.

BZ: Die Ehe für alle kommt jetzt noch überraschend in den Bundestag, weil die SPD eine Äußerung von Angela Merkel ausnützt. Über wen ärgern Sie sich mehr?
Dörflinger: Dass die SPD mit der Opposition gegen den Koalitionspartner stimmt, ist ein erstaunlicher Vorgang, um es vorsichtig zu formulieren. Auf der anderen Seite hätte es diese Abstimmung nicht ohne den Brigitte-Talk gegeben. Die Verantwortung liegt durchaus auf beiden Seiten.

BZ: Sie gehören zu den Kritikern des CDU-Kurses unter Merkel und haben auch damit Ihren Rückzug aus dem Bundestag begründet. Hat diese Wende jetzt Sie bestärkt?
Dörflinger: Es ist in einer langen Abfolge von Entscheidungen wieder eine, die nicht aus parlamentarischer Beratung resultiert, sondern von außerhalb kommt. Das ist demokratietheoretisch nicht in Ordnung – egal, worum es in der Sache geht.
Thomas Dörflinger (CDU, 51) ist seit 1998 Mitglied des Bundestages, direkt gewählt im Wahlkreis Waldshut. Bei der Wahl im Herbst tritt er nicht wieder an. Mit seiner Frau Roswitha hat er zwei Kinder.

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Autor: Thomas Steiner