BZ-Interview

Was das Cochlea Implantat alles Erstaunliches leisten kann

Claudia Füßler

Von Claudia Füßler

Sa, 08. September 2018 um 11:26 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Die HNO-Ärztin Antje Aschendorff spricht im Interview über Cochlea Implantate für schwerhörige und taube Menschen. So kann man damit sogar telefonieren.

Ein Cochlea Implantat kann tauben Menschen zu neuem Gehör verhelfen. Doch wird das Implantat mittlerweile viel breiter eingesetzt. Claudia Füßler befragte dazu Antje Aschendorff, die Leiterin der Sektion Cochlear Implant an der Freiburger Uniklinik.

BZ: Frau Aschendorff, was genau kann ein Cochlea Implantat?

Aschendorff: Etwas ganz Erstaunliches: Es überbrückt ein ausgefallenes Innenohr. Das Implantat stimuliert den Hörnerv elektrisch, wenn die eigentlich dafür zuständigen Sinneszellen, die Haarzellen, ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen können. Zwölf bis 22 Elektrodenkanäle übernehmen das, was sonst 30.000 Haarzellen leisten – das ist doch faszinierend, oder? Natürlich kann das Implantat den Hörsinn nur grob nachbilden, doch es ist möglich, damit Sprache nicht nur zu verstehen, sondern sie auch zu lernen. Und ganz wichtig: Man kann damit auch telefonieren. Menschen, die trotz Hörgerät nicht mehr telefonieren können, sind also eindeutig ein Kandidat für ein Implantat.

BZ: Für wen eignet sich das Implantat generell?

Aschendorff: Wir haben da mehrere Patientengruppen. Zum einen sind das Kinder, die taub geboren werden. Die werden meist mit zehn bis zwölf Monaten implantiert. Je früher in der Lernphase das geschieht, umso besser stehen die Chancen, dass diese Kinder ganz normal sprechen lernen. Es gibt auch Kinder, die erst hören und später ertauben. Hier versuchen wir ebenfalls, so schnell wie möglich zu implantieren. Die Phase, in der das kindliche Gehirn nichts hört und demzufolge auch Sprache nicht lernen kann, sollte möglichst kurz sein.

"Zwölf bis 22 Elektrodenkanäle übernehmen das, was sonst 30.000 Haarzellen leisten – das ist doch faszinierend, oder?"

BZ: Sie setzen das Cochlea Implantat aber auch bei Erwachsenen ein.

Aschendorff: Das ist unsere größte Gruppe: Menschen, die zunächst normal gehört haben und zunehmend schwerhörig geworden sind. Durch eine Krankheit wie Morbus Ménière zum Beispiel, oder durch mehrere Hörstürze. Wir behandeln auch Erwachsene, die schon seit ihrer Kindheit schwerhörig sind und nach und nach immer mehr Hörvermögen verlieren. Eine neue Gruppe sind Patienten mit einseitiger Taubheit. Früher hat man gesagt, implantiert wird erst bei beidseitiger Taubheit. Heute wissen wir, dass auch Patienten, die auf einem Ohr normal hören und auf dem erkrankten vielleicht noch ein bisschen Restgehör haben, von dem Cochlea Implantat profitieren. Sie haben dann wieder ein Richtungsgehör und können im Störlärm besser das herausfiltern, was relevant ist. Bei diesen Patienten sind wir in Freiburg weltweit führend, keiner hat damit so viel Erfahrung wie wir.

"Man kann damit auch telefonieren."

BZ: In welche Richtung wird sich das Cochlea Implantat in der Zukunft entwickeln?

Aschendorff: Da läuft derzeit einiges an Forschung. Zum Beispiel soll das Implantat noch kleiner werden, es gibt sogar Wissenschaftler, die daran arbeiten, das System komplett implantierbar zu machen. So würde man von außen nichts mehr sehen. Außerdem wird versucht, die Nervenfasern im Ohr wieder wachsen zu lassen, stimuliert durch das Cochlea Implantat. Das dauert allerdings noch, bis wir so weit sind. Damit wird es ein "enhanced Cochlea Implantat" geben, eine verbesserte Version: Mit einer besseren Anbindung an den Hörnerv dank sehr viel kleinerer und zarterer Elektroden mit einer höheren Auflösung und direktem Kontakt mit Fasern des Hörnerven.
Zur Person

Antje Aschendorff, Jahrgang 1964, ist stellvertretende Direktorin der HNO-Klinik am Universitätsklinikum Freiburg. Sie leitet die Sektion Cochlear Implant.

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