Homer und Aristoteles

Was die beiden Philosophen vor der Uni Freiburg zu sagen haben

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Fr, 24. August 2018 um 09:49 Uhr

Kunst

In einer Sommerserie stellen wir einige Kunstwerke in Freiburg vor. Heute: "Homer" und "Aristoteles" von Cipri Adolf Bermann vor dem KG 1 der Uni. Sie laden zu einem Gespräch ein.

Nach vierjähriger Bauzeit wurde 1911 das Kollegiengebäude I der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg seiner Bestimmung übergeben. Schon zuvor hatte Hermann Billing, der Architekt des Jugendstilbaus, angeregt, das Hauptportal mit zwei Figuren zu schmücken. Beauftragt wurde der aus Vöhrenbach im Schwarzwald stammende Bildhauer Cipri Adolf Bermann. Der hatte in Zürich und Karlsruhe studiert und in seiner Münchener Zeit der Secession angehört. 1915 schloss Bermann die Arbeit an den beiden Bronzefiguren ab. Seit 1921 flankieren sie die Treppe zum Eingang des Gebäudes.

Es sind zwei Heroen der abendländischen Kulturgeschichte. Hier Homer, der blinde griechische Sänger, angeblicher Verfasser der "Odyssee" und "Ilias" – dabei ist gar nicht gesichert, dass dieser Dichter je existierte. Und dort Aristoteles, der antike Philosoph und erste Systematiker des Denkens.

Keine Aristokraten des Geistes

Beidseits oberhalb der Treppe postiert, bilden sie ein singuläres gastliches Paar. Kaum ließe sich ein weihevolleres und gleichzeitig unprätentiöseres Entree eines Universitätsgebäudes vorstellen. Nicht ein Hauch von Bildungsdünkel und elitärem Geist durchweht die beiden sitzend dargestellten Figuren. Keine Aristokraten des Geistes stellt uns Bermann vor Augen, sondern als in Gestus und Habitus auf ihre Umgebung bezogene Gestalten. Jeder einigermaßen mit Sinn für Dichtung und Freude am philosophischen Fragen begabte Mensch darf sich von ihnen angesprochen, darf sich in der Alma Mater zum Gespräch eingeladen fühlen.

Beiden Figuren sieht man ihre geistigen Tätigkeiten an. Eher denn Spannung, wie sie angesichts der Unterschiedlichkeit von bildhafter Rede und abstraktem Denken, Dichtung und Philosophie durchaus denkbar wäre, herrscht beim Anblick der Gestalten der Eindruck harmonischer Geistigkeit. In würdiger und gleichzeitig legerer Haltung ist der Dichter dargestellt – mit auf der Lyra aufgestütztem linken Arm und der wie vor einem imaginären Publikum deklamatorisch erhobenen Rechten. Das von einer Schnur zusammengehaltene lockige Haar und der ebenfalls gelockte Bart gibt der Gestalt etwas Markantes, sogar leicht Verwegenes und Abenteuerliches, passend zum Inhalt der beiden dem Dichter zuerkannten Epen. Blick und Mimik entströmt leicht prophetischer Ausdruck. Der blinde Dichter als Seher.

Offen für Rede und Gegenrede

Demgegenüber ist der Habitus des Philosophen der eines Menschen, der für einen Moment sinnend im Schreiben innehält. Doch erscheint er in seiner nachdenklichen Haltung gleichzeitig offen für Rede und Gegenrede. Auf den Knien ist, von der linken Hand gehalten, eine Schriftrolle ausgebreitet, während die Rechte einen Schreibstift hält. Die Züge orientieren sich sichtlich an der bekannten Kopie nach dem antiken Original des Lysippos im Louvre. Bermanns Homer ist demgegenüber eine freie Schöpfung der Phantasie.

Zur Lebendigkeit, ja, man möchte sagen: Volksnähe beider Figuren trägt bei, dass Bermann sie nicht als rein vergeistigte Gestalten zeigt, sondern als stark individualisierte Charaktere. Dazu trägt auch bei, dass er sie, wenn auch in leichter Überlebensgröße, so doch in ganzer Kreatürlichkeit vor uns hinstellt. Der Oberkörper Homers ist nackt – und auch der des Philosophen vorn entblößt, während den Rücken ein Umhang bedeckt. Beide tragen Sandalen an den Füßen. Wie die anderen Körperteile sind die Füße nicht detailliert, sondern ein wenig summarisch ausgeführt. Doch noch der kleine Zeh eines solcherart vor uns hingestellten Homer beschäftigt uns mehr als so manches ambitionierte und ambitiös vergeistigte Dichterporträt.
Für sie muss man kein Museum besuchen: Kunst im öffentlichen Raum ist für jeden zugänglich. Aber auf sie macht auch niemand aufmerksam. Sie ist auf zufällige Begegnung angelegt. Und oft wird sie schlicht übersehen. In einer Sommerserie stellen wir einige dieser Kunstwerke in Freiburg vor.