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15. August 2012 10:34 Uhr
Kino
"We need to talk about Kevin" – Kammerspiel des Grauens
Eine lieblose Mutter, ein dämonisches Kind, eine Tragödie: Mit "We need to talk about Kevin" verfilmt Lynne Ramsay Lionel Shrivers Bestseller als Kammerspiel des Grauens. Der Film polarisiert – und ist zurecht preisgekrönt.
So viel Rot hier. Das Rot der Sinnlichkeit und des Begehrens, des leuchtenden Lebens? In der allerersten Szene badet Eva (Tilda Swinton) beim Tomatenfest in Spanien im roten Saft, lässt sich von der Menge auf Händen tragen, taucht unter und auf, lachend, seligtrunken in ihrer Lust an der Entgrenzung. Aber schon da sind dunkle Untertöne von Schmerz und Zerstörung spürbar: Eva breitet die Arme aus wie der Gekreuzigte, und von der wogenden Masse der rot verschmierten Leiber geht etwas latent Bedrohliches aus. Wie Jahre später das glänzende Rot eines Marmeladenbrotes alle Unschuld verliert, als Evas kleiner Sohn Kevin (Jasper Newell) es mutwillig auf den Tisch klatscht wie eine Vorwegnahme künftiger Gewalt.
Nicht einmal 16 wird Kevin (jetzt verkörpert von Ezra Miller) sein, wenn er in der Highschool und daheim ein Massaker anrichtet. Die Tat selbst wird nicht plakativ ins Bild gesetzt, aber der Zuschauer weiß längst, dass die Farbe dieses Films das Rot des Todes ist, der blutenden Wunden. Und das Signalrot, die Warnlampe, das weithin sichtbare Kainszeichen: Angehörige der Opfer haben Evas Haus in einem Vorort von New York über und über mit roter Farbe besudelt, sie wird sich den ganzen Film über daran abarbeiten und es doch nie wieder sauber bekommen.
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Erklärungsmuster
Die Amerikanerin Shriver hat ihre fiktive Geschichte als Briefroman angelegt: Während Kevin im Gefängnis einsitzt, schreibt Eva an ihren ehemaligen Mann Franklin (im Film verkörpert von John C. Reilly) eine Serie von Briefen, in denen sie in brutaler Offenheit ihre Sicht des Lebens mit diesem Kind schildert und die Ächtung, die sie als Mutter des Mörders erleidet. Die Perspektive ist ganz die ihre, in den Vorwürfen, die sie Franklin macht wegen seiner blinden Verharmlosung der Andersartigkeit, die schon der Säugling an den Tag legte, in der Feindseligkeit, mit dem ihr das Kind das Leben zur Hölle machte von Anfang an. Aber nicht nur die Widersprüche, in die sie sich verwickelt, machen deutlich, dass nicht nur sie ein monströses Kind hat, sondern auch der Sohn eine furchterregende Mutter. Die abenteuerlustige Reisejournalistin wollte kein Kind und spürte schon lange vor der Geburt eine unüberwindbare Distanz zu dem "Ding", das da in ihr heranwuchs.
Diese Ambivalenz ist in der szenischen Umsetzung des 560 Seiten langen Romans, die das Geschehen ebenfalls ausschließlich aus Evas Sicht zeigt, längst nicht so offensichtlich. Die Bilder zeigen Eva meist als Opfer und Kevin beinahe als das personifizierte Böse. Liebevoll zum Vater und abweisend zur Mutter, lässt er ihr keine Chance auf eine gelingende Beziehung und bringt sie schon als kleiner Junge (Rocky Duer) mit sadistischen Aktionen an den Rand des Wahnsinns.
Der dämonische Blick aus halb verschatteten Augen, der den Kevin-Darstellern sämtlicher Altersstufen eine verblüffende Ähnlichkeit beschert, macht diesen Knaben zum Horrorgeschwister von Rosemary’s Baby und dem Damian aus "Omen". Ist er also ein Natural Born Killer, der hätte aufgehalten werden können, wenn der Vater nur nicht so hartnäckig naiv gewesen wäre? Nein, der Film verrät seine Vorlage nicht. Auch er gibt keine Antworten und suggeriert keine einfachen Lösungen – und das ist vor allem das Verdienst seiner Hauptdarstellerin.
Es ist, ungeachtet der durchweg starken Darstellerleistungen, die große Tilda Swinton, die "We need to talk about Kevin" so beklemmend macht. In den kunstvoll geschachtelten Rückblenden zeigt sie alle Nuancen zwischen Fassungslosigkeit, Verzweiflung und Schuldgefühl und zeichnet das finstere Psychodrama einer Frau, die an der Mutterliebe gescheitert ist. Als der Sohn zur Welt kommt, liegt sie im Kindbett wie aufgebahrt, als sei ihr Leben zu Ende in dem Moment, in dem er es betritt. Wenn sie das Baby hochnimmt, dann mit gestreckten Armen, wenn sie es anlächelt, dann ist das nur eine Maske. Und mit dem schreienden Kind erholt sie sich an einer Baustelle, wo der Presslufthammer sein Gebrüll übertönt. So abgründig wie hier war die in jedem ihrer Filme singulär agierende Britin vielleicht noch nie, als monströse Mutter und entsetzlich Leidende zugleich.
Für seine Eltern ist es zu spät, zu reden über Kevin. Die Kinozuschauer aber werden sprechen über diesen starken, polarisierenden, zu Recht vielfach preisgekrönten Film und seine unbequeme Botschaft: Für die Tragödie eines Amoklaufs gibt es keine eindeutigen Erklärungsmuster, weder die soziopathische Veranlagung noch das gestörte Elternhaus. Und erst recht nicht Medienkonsum und Computerspiele.
– "We need to talk about Kevin" (Regie: Lynne Ramsay) startet am Donnerstag.
Autor: Gabriele Schoder





