Wehklagen und Jauchzen erfüllen das Münster

ers

Von ers

Mi, 03. Januar 2018

Titisee-Neustadt

Beim Silvesterkonzert steht die Vielseitigkeit der Klarinette im Mittelpunkt / Viel Applaus für Christoph Wirz und Clemens Staiger.

TITISEE-NEUSTADT. "Es muss nicht immer die Trompete sein" – unter diesem Motto begrüßte Münsterkantor und -organist Clemens Staiger die zahlreichen Zuhörer, die am Silvesterabend ins Neustädter Münster gekommen waren, um sich musikalisch vom ausklingenden Jahr zu verabschieden. Mit Christoph Wirz, Klarinettist, Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg und Lehrer an der Jugendmusikschule Hochschwarzwald, hatte Staiger in diesem Jahr einen Mitgestalter des traditionellen Silvesterkonzerts gefunden, der die Vielseitigkeit der Klarinette in seinem musikalischen Wirken seit Jahren in verschiedenen Ensembles unter Beweis stellt.

Es gelang den beiden Musikern, die Bandbreite der Klarinette mit ihren ganz verschiedenen Klangmöglichkeiten hervorragend herauszuarbeiten und in ein Konzert mit sehr verschiedenen Stilrichtungen einzubinden. Eröffnet wurde das Konzert mit einer machtvollen "Suite Gothique" des französischen Komponisten Leon Boellmann. Im Original für Orgel komponiert, präsentierte sich hier eine Bearbeitung, die in den ersten drei Sätzen des Werkes die Klarinette überzeugend einband. Die tänzerische Leichtigkeit und die sehr gesanglich-flehende Tonalität des Instruments prägten die Eröffnungssätze der Suite, bevor Staiger an der Orgel den machtvollen Schlusssatz der bekannten Toccata alleine übernahm und technisch und dynamisch sehr ausgereift und beeindruckend präsentierte.

Nach einem kurzen "Carol aus fünf Bagatellen" von Gerald Finzi stand dann das Wirken Johann Sebastian Bachs im Mittelpunkt des ersten Konzertteils. Das Präludium in D-Dur für Orgel bewies die bekannte Virtuosität des Komponisten und forderte diese auch vom Organisten – eine Aufgabe, der sich Staiger jedoch überzeugend stellte. Der Bachschüler Johann Ludwig Krebs komponierte im 18. Jahrhundert unter seinen vielen Werken auch eine Choralbearbeitung des Weihnachtschorals "Ich steh an deiner Krippe hier". Diesem Werk stellten die beiden Musiker im direkten Kontrast eine Bearbeitung des Chorals durch den zeitgenössischen Komponisten Carsten Klomp gegenüber. Es war spannend zu hören, in welch verschiedenen Rollen die Klarinette hier agierte. Im Werk Johann Ludwig Krebs verschwand sie fast in der vielstimmigen Komposition, in der sie in einer relativ zurückhaltenden Mittellage eine der virtuos geführten Stimmen übernahm. Die Orgel des Münsters mit ihrem spätromantischen Klang nähert sich sehr gekonnt in vielen Registern dem Klang der zu ihrer Bauzeit bereits bekannten und vielgespielten Blasinstrumenten an, so dass es vielfach schwer fiel, die Klarinette hier herauszuhören.

Ganz anders erklang sie in der Komposition Klomps, der Orgel und Klarinette hier zunächst in einen Dialog zwischen dem traditionellen Choral und einer wiegenliedartigen Melodie setzt, bevor er beide Stimmen in einem kunstvollen Klangwerk gemeinsam führt.

Sehr ähnlich gestaltete sich die Rollenverteilung in der Cantilene von Joseph Rheinberger in der Bearbeitung für Klarinette und Orgel, in der die Klarinette zunächst solistisch und nur zurückhaltend begleitet von der Orgel die liedartige träumerische Oberstimme übernimmt, die dann zunehmend in einen Dialog mit der Orgelstimme übergeht, die von dieser weitergetragen und variiert wird. Mit der Bach-Komposition über den Choral "Das alte Jahr vergangen ist" beendete Clemens Staiger thematisch passend den ersten Teil und die Rückschau auf das vergangene Jahr.

Klezmermusik ist ein Thema, das Christoph Wirz seit Jahren am Herzen liegt und Teil seiner künstlerischen Arbeit geworden ist. Und er begeisterte die Zuhörer des Konzertes mühelos mit der Lebendigkeit und Vielfalt. mit der er diese Musik im Schlussteil des Konzertes im Münster präsentierte – da jauchzte, klagte und sang die Klarinette voller Freude, Trauer und Lebenslust und füllte geradezu mit Leichtigkeit den großen Raum der Kirche. Und es war genauso begeisternd zu hören, wie Staiger die nicht zwingend genretypische Kirchenorgel nutzte, um der Klarinette einen mitreißenden Begleitpart und tänzerischen Harmonieboden für die getragenen und schwungvollen Klezmermelodien zu bereiten.

Da zauberte sich ein großes Lächeln in manches Zuhörergesicht und vielen Besuchern war anzusehen, dass die tänzerische Komponente der Musik es schwermachte, auf den Kirchenbänken sitzen zu bleiben, statt sich tanzend durchs Münster zu bewegen. Ein begeisterter Schlussapplaus belohnte beide Musiker und bewegte sie zu einer Zugabe, bevor sich die Zuhörer dann in bester Feierstimmung aufmachten, den Jahreswechsel beim Feuerwerk zu erleben.