Hartes Los der Frauen und Kinder

Ernst Brugger

Von Ernst Brugger

Fr, 18. Januar 2019

Wehr

Im Wehratal war Kinder- und Frauenarbeit gang und gäbe / Historiker Andreas Müller beleuchtet die Situation.

WEHR (ebr). "Kinder- und Frauenarbeit im 19. Jahrhundert in Südbaden mit Focus auf das Wiesen-und Wehratal" war der VHS-Vortrag am Mittwochabend im kleinen Saal der Stadthalle mit Andreas Müller aus Zell im Wiesental. Er ist Historiker und stellvertretender Vorsitzender im dortigen Textilmuseum.

Das hochinteressante Thema hätte etwas mehr Zuhörer verdient, bemerkte Kulturamtsleiter Reinhard Valenta in seiner Begrüßung. In der Tat: Was der Referent präsentierte, war ein teils beklemmender Vortrag in eine mehr als abenteuerliche, ja einst fast unmenschliche Arbeitswelt.

Aber warum gab es seinerzeit auch hier Kinder- und Frauenarbeit – stellte der Referent fragend in den Raum. Zwar seien die Tallagen im Wiesen- und Wehratal sehr fruchtbar gewesen, aber in den höheren und engeren Tallagen sei die Basis für eine ertragreiche Landwirtschaft schmaler geworden – und die Armut oft groß. Die so genannten Waldbewohnern hätten den Ertrag dem Boden regelrecht abringen müssen. Dabei seien die Familien oft mit vielen Kindern gesegnet gewesen, ohne deren Mithilfe in der Landwirtschaft, oder später als Fabrikarbeiter, ein Überleben der Großfamilie kaum möglich war, erklärte Müller.

In Deutschland hätte sich die Einwohnerzahl zwischen 1800 und 1860 so gut wie verdoppelt. Dies hätte dazu geführt, dass es für viele Menschen nicht genügend Arbeitsplätze gab. So auch in Südbaden. Nur langsam entwickelte sich Industrie, in der schon früh die Kinder mit Arbeitserziehung einbezogen worden seien. Kinder galten sozusagen als ein Segen, weil man sie durch Arbeitserziehung zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft machte. Dies gelte vor allem für die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts in der in Südbaden neu aufkommenden Textilindustrie. Kaum ein Fabrikant hätte in seinem Konzessionsgesuch für eine neue Fabrik nicht darauf hingewiesen, dass er "Verdienst für solche Menschen schaffe, die für die schwere Feldarbeit zu schwach seien". Es wurde auch darauf hingewiesen, so der Historiker, dass Kinder von acht bis zehn Jahren nicht nur sich selbst unterhalten, sondern auch ihre armen Eltern unterstützen könnten. Tägliche Arbeitszeiten bis zu 15 Stunden und eine Sechs-Tage-Woche seien dabei die Regel gewesen und Urlaub ein Fremdwort. Ab 1870 sei dann in Baden die Beschäftigung von Kindern unter zwölf Jahren in den Fabriken verboten worden.

Zuvor hätten auch viele Mädchen bereits im Kindesalter in den Fabriken arbeiten und so die Familie unterstützen müssen. Hierbei hätten sie Tätigkeiten übernommen, für die Erwachsene zu ungelenkig oder zu groß waren. Die Arbeitsprozesse in der stark mechanisierten Baumwollindustrie hätte in vielen Fällen weniger körperliche als motorische Geschicklichkeit erfordert, erklärte Andreas Müller, was erlaubt hätte niedrig bezahlte Frauen einzustellen. Deshalb seien in Fabriken meist viel mehr Frauen und Kinder beschäftigt gewesen als Männer.

Frauen aus armen kleinbäuerlichen Verhältnissen hätten seinerzeit aber auch ein Heimgewerbe betrieben. Dies hätte neben der Arbeit in der Landwirtschaft und im Haushalt eine Überlebenschance für die Großfamilie geboten. Für viele Frauen hätte sich die Heimarbeit aber dann immer mehr zur Fabrikarbeit entwickelt. Diese galt aber lediglich als Zuerwerb, als unqualifizierte Arbeit und sei noch schlechter bezahlt worden als die der Männer.